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Sendung vom 13.11.2012 11:00:

Westlich betreuter Bürgerkrieg gegen Syrein

Warum „wir“ dieses Mal für Islamisten sein müssen & die Russen mal wieder die Bösen sind

GegenStandpunkt & Diskussion
Betreuter „Bürgerkrieg“ gegen Syrien
Warum „wir“ dieses Mal für Islamisten sein müssen & die Russen mal wieder die Bösen sind

Referent Dr. H.L. Fertl
Montag 19.11.2012 um 19 Uhr
Neues Institutsgebäude (NIG) HS 3, Universitätsstraße 7, 1010 Wien

Syrien – der aktuelle Hauptfall
für die Konkurrenz um die Weltaufsicht

Als vor 18 Monaten erste Unruhen gemeldet wurden, stand für die hiesige Öffentlichkeit sofort fest: Jetzt erfasst die „Arabellion“ Syrien. Schon diese Benennung liefert alles Nötige zum Verständnis der Ereignisse. Denn mit dem Wort steht fest, dass Staaten und Regime, gegen die sich diese Rebellion richtet, ihren Sturz verdient haben – ganz egal, ob das Gemeinwesen, das sie regieren, ein Fall von arabischem Sozialismus, säkularem Nationalismus, westlich orientierter Diktatur oder schon vor den Unruhen ein Failed State ist. Ebenso gleichgültig für Verständnis und Bewertung der Aufstände ist, welche Kräfte sich da aus welchen Gründen und mit welchen Vorstellungen einer Neuordnung gegen die Macht im Land erheben, und auch, welche Volksteile sich vor dem Aufstand mehr fürchten müssen als vor dem existierenden Regime. Und es macht auch gar nichts, dass in den verschiedenen Ländern ganz verschiedene Sorten Unzufriedenheit sich erhoben haben.

Denn wo die „Arabellion“ herrscht, liegt immer dasselbe vor: Das Volk, das absolut im Recht befindliche einheitliche Kollektiv, das der Herrschaft gegenübersteht, ist vom Willen zur Freiheit ergriffen, zum genau so Regiert-Werden, wie „wir“ hier es schätzen und der Welt vorleben. Und die Ordnung, gegen die sich der Aufstand richtet, ist allein dadurch schon als abscheuliche Diktatur kenntlich. Seitdem die heikle Frage entschieden ist, ob „wir“ den Sturz altgedienter pro-westlicher Statthalter und Diktatoren in Tunesien und Ägypten überhaupt zulassen können – im Jemen, in Libyen und Syrien liegen die Dinge sowieso anders –, ist „Arabellion“ die Chiffre für im westlichen Sinn wünschenswertes Chaos am Süd- und Ostrand des Mittelmeers: Dass Regimes stürzen und eine ganze Region zur Neuordnung reif wird, erkennen die Freunde von Aufruhr und Revolution in den westlichen Hauptstädten als Chance und überlassen das Gelingen der Umstürze keineswegs den Akteuren vor Ort.

Denn wenn einmal feststeht, wo Freiheit und wo Unterdrückung angesiedelt sind und für wen „wir“ zu sein haben, dann schadet es auch gar nichts, dass bekannt wird, dass die aufständischen Völker erstens sich selbst gar nicht einig sind und diejenigen, die den Kampf führen, das gar nicht mit eigenen Mitteln auf eigene Faust tun, sondern mit Waffen und Kämpfern, Logistik und Geld von außen. Die „Arabellion“, die gute Sache der Völker, die ihre Liebe zur Freiheit entdecken, braucht und verdient eben die Unterstützung der Guten in der Welt, in Syrien wie in Libyen und überall: Sonst hätte sie gegen Diktatoren ja keine Chance.

Die hiesigen Bürger wie die in den anderen Staaten des Westens werden, wie es sich in Demokratien gehört, bei „unserem“ Engagement in Sachen Syrien von ihren Medien natürlich mitgenommen, d.h. mit Kriegspropaganda versorgt, damit sie verstehen, welche Seite „unsere“ Unterstützung und welche Seite den Tod verdient. Mit vorab feststehender Parteilichkeit werden die Bilder und Geschichten ausgesucht – Opfer zeigt man immer auf der Seite der Aufständischen und der Zivilbevölkerung, Täter sind auf der Seite des Regimes zu suchen –, um den Leser für die parteiliche Sicht der Berichterstattung zu vereinnahmen.

Dieser Logik folgt schon der journalistische Einstieg in die Berichterstattung: Die öffentlich-rechtlichen Medien und andere boykottieren konsequent Meldungen und Material der offiziellen syrischen Nachrichtenagentur SANA – was die bringt, ist Propaganda des Regimes – und stützen sich vornehmlich auf Bilder, die die Aufständischen ins Netz stellen oder die Al-Jazeera und Al-Arabiya, das sind Sender der im Konflikt engagierten Golf-Monarchien, ausstrahlen. Dazu versichert man dem Zuschauer gleich vorweg, dass man schon wisse, dass im Krieg die Wahrheit immer zuerst sterbe und eine Überprüfung des Wahrheitsgehalts des Materials leider nicht möglich sei, weil die syrische Regierung die freie Pressearbeit im Land verunmögliche. Die Medienleute wissen also, dass sie sich zum Sprachrohr der Gräuelpropaganda einer Bürgerkriegspartei machen. Unter dieser Klausel, dass man ja vor der Unzuverlässigkeit der Informationen gewarnt habe, hält man sich nicht zurück, sondern dann legt man los – diese Propaganda bleibt dann die einzige und gültige Auskunft über Taten und Absichten der Kriegsparteien, die das Publikum serviert bekommt. Und wenn die Hetze etwa nicht stimmen sollte, ist ja sowieso Assad schuld; er hätte die Selbstdarstellung seines Staates halt gleich auswärtigen Kamerateams überantworten sollen.
In diesem Sinn wird geklärt, wer schuld ist am endlosen Blutvergießen:

– Monatelang wird der Eindruck vermittelt, die syrische Armee schieße grundlos auf friedliche Demonstranten; da nicht ganz zu übersehen ist, dass Massenaufmärsche, in deren Rahmen Polizeistationen gestürmt und Staatsdiener gelyncht werden, nicht ganz dasselbe wie die hier erlaubten Demonstrationen sind, manche von den friedlichen Demonstranten also wohl bewaffnet gewesen sein müssen, erklärt man die Bewaffnung, wie das Töten auf Seiten der Aufständischen als verzweifelte und empörte Reaktion auf das – unerschüttert festgehaltene – grundlose Morden des Regimes: Überläufer aus Assads Armee, die es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten, auf Landsleute zu schießen, haben ihre Waffen mitgebracht.

– Dann gibt es Bilder von Kampfhubschraubern und Flugzeugen der Regierung, die Stadtteile bombardieren. Die Bilder, die für sich sprechen sollen, tun es nicht: Es braucht schon noch die Klarstellung, wer sich hier an unschuldigen Zivilisten vergeht: In diesem Fall sind die Bilder so zu verstehen, dass die syrische Regierung, die den Kampf dort führt, wo er ihr angetragen wird, wahllos Wohnviertel bombardiert, weil sie möglichst viele Menschen töten will. In anderen Kriegen, etwa wenn Israel im Libanon Wohnviertel bombardiert, also mit anderen Parteilichkeiten und Voreingenommenheiten, richtet sich der Vorwurf an die Kräfte, die sich in Wohngebieten verschanzen und die Anwohner als lebende Schutzschilde benutzen.

–  Einer, der sich besonders in der Hetze gegen Assad hervortut, weil das syrische Regime gegen aufständische aus dem eigenen Volk vorgeht, ist der türkische Ministerpräsident Erdogan. Der weiß genau und klärt darüber auf, dass es ein Verbrachen ist, gegen die eigenen Bürger gewalttätig vorzugehen. Dass der türkische Staat seit Jahrzehnten einen Krieg gegen aufständische Kurden aus seinem eigenen Volk führt und dabei, was die toten Zivilisten betrifft, alles in den Schatten stellt, was die syrische Armee gegen die Aufständischen anrichtet, ist allgemein bekannt, wird aber moralisch umgekehrt eingeordnet, denn die Türkei ist NATO-Mitglied. Eine Meldung vom Wochenende: 42 Kurden in der Türkei getötet.

– Nach einem Jahr erfährt das Publikum, dass ausländische Kämpfer und angeheuerte Islamisten an vorderster Front im „Bürgerkrieg“ stehen und zusammen mit ihren Waffen ihren Jihad (den heiligen Krieg) nach Syrien tragen. Das ist nach Auskunft unserer Medien nicht schön – man weiß ja: Al-Kaida und so –, kann aber die grundsätzliche Sortierung in Freund und Feind nicht erschüttern: Als Reaktion auf eine Regierung gedeutet, die grundlos ihre Volksbasis ermordet, ist sogar der islamistische Umsturzwille verständlich – und Hilfe für die vorerst noch unterlegenen Guten von der „Freien Syrischen Armee“ (FSA) ist aus jeder Richtung willkommen.

– Wenn dann auch von den Anti-Assad-Kräften Massaker und Menschenrechtsverletzungen ruchbar werden, dann stellen die Gräuel die Bürgerkriegsparteien nicht etwa moralisch auf dieselbe Stufe, sondern beweisen nur, wie weit die Verrohung sogar der Guten durch den ihnen vom Regime aufgezwungenen Freiheitskampf gediehen ist. Bei ihnen ist Bestialität Ausdruck unbeherrschter Wut, die sich in jahrelanger Unterdrückung aufgestaut hat – sogar dann, wenn die Täter gar nicht aus Syrien stammen –, beim Assad-Regime ist dasselbe Ausdruck seines ureigensten Charakters.

– Inzwischen häufen sich Berichte, die nicht nur vom Kampf der Syrer gegen den Unterdrücker, sondern von einem Stellvertreterkrieg erzählen, den erstens die um regionale Vormacht ringenden Nachbarstaaten Saudi-Arabien und Iran, zweitens die Weltmächte USA und Russland zusammen mit China auf syrischem Boden austragen. Das Volk – gerade noch Subjekt der „Arabellion“ – spielt jetzt die Rolle der Manövriermasse und des Leidtragenden einer globalen Machtkonkurrenz. Assads Verurteilung relativiert das gar nicht. Er hat – wieder im Interesse der unschuldigen Zivilbevölkerung – umso schneller das Feld zu räumen, damit der Konflikt der Weltmächte von denen entschieden und beigelegt werden und Frieden einkehren kann.

Außer mit der moralischen Bewertung der Kriegsparteien versorgt die Presse das Publikum mit Einschätzungen der Manöver des Regimes und der Effizienz der Aufständischen, und da bekommen auch die Guten nicht nur gute Noten.
– Von Assad und seiner Mannschaft erfährt man, dass sie die Unzufriedenheit durch Reformen zu besänftigen versuchen: Sie haben das bisher gültige Notstandsrecht aufgehoben, Neuwahlen angesetzt und durchgeführt, dazu neue Parteien zugelassen, die Erarbeitung einer neuen Verfassung und Wirtschaftsreformen auf den Weg gebracht. Ob die Veränderungen die angebliche syrische Sehnsucht nach demokratischer Regierung stillen oder der verbreiteten Armut abhelfen könnten, und ob die Gründe der Syrer für ihren Protest damit zu erledigen wären, das wird von westlichen Kommentatoren gar nicht erst einer Beurteilung für wert befunden. Man durchschaut Assads Reformen als „Scheinzugeständnisse, um sich an der Macht zu halten“ – und stellt damit klar, was das echte Zugeständnis wäre und womit „unsere“, also die maßgeblich Reformforderung allein zufriedenzustellen wäre. Nicht nur US-Außenministerin Clinton erkennt gleich das „Ablenkungsmanöver“, um den eigentlich fälligen, sofortigen Rücktritt zu vermeiden; die ganze westliche Öffentlichkeit präsentiert sich als Auftraggeberin des Aufstands: Sie buchstabiert den rebellischen Syrern vor, mit welchem Resultat ihres Aufstands sie zufrieden wäre und welches Ergebnis gar nicht in Frage kommt.

– Von diesem Standpunkt aus sieht die Presse den lokalen Volkswillen, dem man den Rücken zu stärken vorgibt, sehr kritisch: Die politischen Kräfte im Land, die die Einmischung von außen ablehnen und mit Assad über die Zukunft des Landes verhandeln wollen, stören bloß das Bild und bekommen in westlichen Medien keine gewichtige Stimme; die Massen, die immer wieder für Assad demonstrieren, sind erst recht nicht ernst zu nehmen: Sie sind vom Regime zum Jubeln abkommandiert. Aber auch die Feinde des Regimes lassen sehr zu wünschen übrig: Politisch vorzeigbare Ersatzführer, die schon jahrzehntelang im Ausland sitzen, haben keinen Einfluss auf die inländischen, die FSA hat kein Kommando über die lokalen Milizen und die Dschihadisten und alle Bewaffneten zusammen kooperieren nicht mit den Politischen im Land. Die diversen Kräfte haben in ihrem Krieg halt gar kein gemeinsames Ziel, und schon gleich nicht, es uns recht zu machen – außer dem negativen, dass Assad weg muss. Für unseren Krieg, den sie gefälligst gescheit führen sollen, ist das aber eindeutig zu wenig. Sie werden zur Einheit ermahnt, die sie weder haben noch nötig finden, die ausländischen Beobachter dafür um so mehr.

So wird der Zeitungsleser nicht nur zu der theoretischen Parteinahme eingeladen, gut und böse zu unterscheiden, wenn „weit hinten in Arabien die Völker aufeinander einschlagen“, so dass er den Objekten seiner Sympathie im Geiste die Daumen drücken kann. Als Österreicher, Europäer, Westler wird er darüber hinaus damit vertraut gemacht, dass er selbst einer Kriegspartei angehört. Dass es auch seine Sache sein muss, dass Assad fällt. Wen der syrische Staatspräsident womit und bei was überhaupt stört und was „uns“ das alles angeht, braucht der Leser, wenn er nur weiß, auf welcher Seite er steht, gar nicht zu wissen. Sollte er vielleicht aber.

Aufstand in Syrien: ein einziger Ruf nach einem amerikanisch betreuten Krieg gegen Assad

Die maßgeblichen Subjekte haben keinen Moment lang einen Zweifel daran aufkommen lassen, worauf und auf wen es tatsächlich entscheidend ankommt, wenn in Syrien oppositionelle Kräfte aktiv werden und die Regierung dagegen gewaltsam vorgeht.

Die Weltmacht USA hat von Beginn an darauf gedrungen, dass eines für sie und damit für den Rest der Welt feststeht: Auch dieses Zerwürfnis von arabischen Volksteilen und ihrer staatlichen Führung ist eine durch und durch amerikanische Angelegenheit:

Zwar ist die Ansage: „Syrien ist nicht Libyen, die USA reagieren nicht in jedem Fall gleich“, sondern stimmen ihr Vorgehen „auf das jeweilige Land und die Umstände“ ab (der damalige Verteidigungsminister Gates) von einigen Kommentatoren als Auskunft über die begrenzten Fähigkeiten oder Interessen der USA bezüglich einer kriegerischen ‚Lösung des Problems Assad‘ interpretiert worden. Tatsächlich verraten die von amerikanischen Politikern vielfach öffentlich geäußerten Vergleiche dieser Art nur eines, nämlich das Gegenteil: Haargenau so wie der libysche Aufstand ist auch das Geschehen in Syrien für Amerika ein Fall für seine Zuständigkeit, und keine andere Macht soll glauben, die Angelegenheit, womöglich ohne Bezug auf Amerika, zu ihrer Sache machen zu können. In dem lapidaren Vergleich mit ‚neulich in Libyen‘ ist nicht weniger als die Ankündigung enthalten, auch dieses Stück arabischer Unordnung amerikanisch zu annektieren, um es nutzbar für Amerika zu machen. Unter dieser imperialistischen Prämisse versichern die USA sich und der Welt, nicht gleichmacherisch, sondern flexibel – im Klartext: ausschließlich gemäß ihren Zwecken – vorzugehen, wenn sie ihre beanspruchte All- und Alleinzuständigkeitserklärung für Gewaltangelegenheiten dieser Art und Größenordnung in praktisches Handeln überführen.

Im Fall Syrien heißt diese Zuständigkeit für die USA: Sie beschließen, dass Assad sein Recht zu regieren verspielt hat. Dieses Verdikt gilt einem Regime, das aus amerikanischer Sicht ein traditioneller Störenfried ihrer Ordnung in der nahöstlichen Region ist.

a) Seit ca. fünf Jahrzehnten ist Syrien ein Ärgernis, weil es sich weigert, amerikanische Vorgaben für manierliches Auftreten nach außen wie ordnungsgemäße Ausübung der Staatsgewalt nach innen zu erfüllen. Mit dem ‚Arabischen Sozialismus‘ hat Syrien unter der Herrschaft der Baath-Partei der verlangten Öffnung für westliche Benutzungsinteressen eine Absage erteilt und trotz immer weiter reichender Kompromisse nie ganz revidiert. Syrien hat sich nie damit abgefunden, die Überlegenheit Israels, dieses ‚unique ally‘ Amerikas, und damit dessen Recht anzuerkennen, seine Grenzen auf Kosten der Anrainer nach eigenem Gutdünken zu verschieben: Die Besetzung der syrischen Golanhöhen 1967 und deren rechtsförmliche Annexion 1981 hat Syrien als dauerhaften Kriegsakt gegen sich betrachtet und nach Maßgabe seiner Kräfte versucht, dagegen anzukämpfen. Seinen nationalen Kampf gegen das ‚zionistische Gebilde‘ hat Syrien bis in die jüngste Zeit als gemeinsames arabisches Anliegen zu etablieren und aufrechtzuerhalten versucht. Dafür hat es militante Palästinenser und andere nichtstaatliche arabische Kämpfer gegen Israel und die USA unterstützt. Diese ‚Führungsrolle im Kampf gegen den zionistischen Feind‘ war seit Assad senior zugleich der syrische Titel für den Versuch, innerhalb der arabischen Welt eine Führungsrolle zu erlangen – gegen die pro-amerikanischen arabischen Konkurrenten wie Ägypten und Saudi-Arabien und jedenfalls ohne die Lizenz der USA. Diese Vergehen allein reichen im Prinzip hin, sich die nachhaltige Feindschaft Amerikas zuzuziehen. Was für die Weltmacht den Ärger, den dieser arabische Staat bereitet, noch beträchtlich vergrößert hat, ist nicht bloß der Umstand, dass er damit und dafür sogar ein paar Mittel zu erlangen vermochte, sondern vor allem: von wem.

b) Mit seinem ‚panarabischen‘ und anti-israelischen Gebaren hat sich Syrien nämlich nicht nur gegen die Freunde Amerikas in der arabischen Welt und der Region überhaupt gestellt, sondern sich vor allem selbst einen Freund gesucht, der erklärtermaßen der größte Feind Amerikas im Nahen und Mittleren Osten ist: den Iran. Die Tatsache, dass Syrien seit der iranischen schiitischen Revolution 1979 dem Iran freundschaftlich verbunden und inzwischen strategisch mit ihm alliiert ist, fügt der amerikanischen Stellung gegen Syrien eine Dimension hinzu, die über das, was Syrien ansonsten schon unbotmäßigerweise tut oder lässt, weit hinausgeht. Iran ist – wegen seines dezidiert anti-amerikanischen Regionalmachtstrebens und der Wucht, die er dahinter zu stellen vermag – für die USA zum einen ein viel größerer mittelöstlicher Stör- und Schadensfall als das bei aller Renitenz für sich doch wenig schlagkräftige Syrien, das ja umgekehrt ohne die Unterstützung des Iran noch viel weniger ausrichten könnte, als es jetzt allemal noch vermag. Den Kampf gegen das theokratische Staatsprogramm des Iran haben die USA zur Hauptaufgabe ihrer mittelöstlichen Ordnungspolitik erklärt. Sie bemühen sich, regionale Frontlinien zu ziehen und die betreffenden Staaten danach auszurichten. Diesem übergeordneten regionalpolitischen Anliegen amerikanischer Ordnungsstiftung widersetzen sich die syrischen Machthaber also, wenn sie die Anfeindungen und Isolationsbestrebungen Amerikas und dessen Verbündeter ausgerechnet durch eine Allianz mit dem Oberschurken Iran zu unterlaufen suchen und dem Iran umgekehrt dabei helfen, seine wirtschaftliche und militärisch-strategische Isolation zu durchbrechen. Das kann Amerika nicht zulassen – auch darum und darum noch viel dringender muss Assad weg. Doch auch das ist noch nicht der ganze Grund für die Entschiedenheit, mit der Washington die Beseitigung Assads betreibt – wie ja auch Iran nicht die eigentliche Schutzmacht Syriens ist.
c) Das ist vielmehr Russland, und damit ist sowohl die amerikanische Feindschaft gegen Assad wie auch der weltpolitische Charakter dieser Feindschaft und vor allem ihrer aktuellen Eskalation und Exekution komplett. Syrien ist nämlich, wie die einschlägigen Experten und inzwischen überhaupt alle Journalisten zu berichten wissen, nicht nur der ‚traditionell engste und älteste‘, sondern vor allem ‚der letzte Verbündete Russlands in der Region‘. Besagte Experten zitieren diesen Umstand zwar immer wieder gern als ‚Erklärung‘ dafür, dass Russland so beharrlich die richtige, nämlich die westliche Stellung zum syrischen Bürgerkriegsgeschehen vermissen lässt. Nicht oder nur als ‚Hintergrund‘ wollen sie aber die komplementäre Seite gelten lassen, dass Russlands amerikanischer Weltmachtkonkurrent das umgekehrt genauso sieht, also die Entfernung eines russischen Verbündeten aus der Region und damit ein weiteres Stück Entmachtung der Nachfolgemacht der Sowjetunion betreibt.

Erstens ist Syrien vom Standpunkt der in dieser Region engagierten Weltmacht USA ein Ärgernis als verbliebener strategischer Posten Russlands. Mit Syrien als wirtschaftlich unterstütztem und militärisch ausgestattetem Juniorpartner, mit seiner Marinebasis in Tartus usw. widersetzt sich Russland praktisch dem Anspruch der USA und ihrer NATO, in dieser Region das Monopol auf übergeordnete Gewaltkontrolle und -lizenz, auf die Erteilung oder den Entzug souveräner Schutzmachtgarantien auszuüben. Die Entmachtung Assads ist aus dieser Sicht nicht weniger als ein strategisch bedeutender Beitrag zur weiteren praktischen Unterminierung russischer Ansprüche auf eine Beteiligung an der imperialistischen Kontrolle über die Region und damit ein Beitrag für die Schwächung Russlands als Weltmacht insgesamt.

Zweitens geht es den USA am Fall Syrien ums Prinzip ihrer Weltordnungsmacht: Auch und gerade der zweitmächtigste verbliebene Konkurrent in Gewaltfragen hat anzuerkennen, dass die USA ihre Rolle als Weltmacht damit verknüpfen, gegenüber anderen Interessen und Ansprüchen ausdrücklich keine Rücksicht zu nehmen, wenn es um das Verwalten, das Schüren, das Lösen von ‚Problemlagen‘ bis hin zum Zerstören von Staaten und Auswechseln ihrer Herrschaften geht. So etwas wie ein Mitspracherecht dulden sie dabei allenfalls in dem Sinn, dass die von ihnen getroffenen Problemdefinitionen, die Feindschafts- und Freundschaftsansagen, die Unvereinbarkeits- wie die Bestandsgarantiebeschlüsse geteilt werden; auf der Basis dürfen dann konstruktive Beiträge angemeldet werden. Wer das nicht als Geschäftsgrundlage seines Machtgebrauchs akzeptiert, ist für Amerika tendenziell selber ein Problem, das eingehegt und Schritt für Schritt aus der Welt geschafft werden muss; das ist die imperialistische Klarstellung gegenüber Russland und auch China.

Von diesem mehrdimensionalen imperialistischen Grund, Zweck und Inhalt amerikanischer Aufstandsbetreuung brauchen die vor Ort aufeinander gehetzten regulären und irregulären Kämpfer ebenso wenig etwas zu wissen, wie die hetzerische westliche Öffentlichkeit davon etwas wissen will. Letztere reitet lieber auf der ‚Zurückhaltung‘ herum, die sie an der amerikanischen Syrien-Politik entdeckt haben will. Sie bezieht sich in ihrer Diagnose unangebrachter Zurückhaltung auf die Tatsache, dass die USA – bislang und eben anders als im oben zitierten Vergleichsfall Libyen – nicht mit eigenen Truppen offiziell eingreifen, sondern unterhalb der Kriegsschwelle agieren und bis auf weiteres so agieren wollen. Vollständig und zielstrebig verpasst sie dabei, für wie passend und kein bisschen schwächlich es die USA offensichtlich selber halten, das angestrebte Kriegsresultat und seine gewünschten weltordnungspolitischen Implikationen und Botschaften in der Form des Regisseurs des Gewaltengagements interessierter Mächte herbeizuführen.

GegenStandpunkt & Diskussion
Betreuter „Bürgerkrieg“ gegen Syrien
Warum „wir“ dieses Mal für Islamisten sein müssen & die Russen mal wieder die Bösen sind

Referent Dr. H.L. Fertl
Montag 19.11.2012 um 19 Uhr
Neues Institutsgebäude (NIG) HS 3, Universitätsstraße 7, 1010 Wien

Wie gewohnt kann man von einer Diskussionsveranstaltung des GegenStandpunkt Verlags kein demonstratives Mitleid mit den Opfern, keine moralische Verurteilung von Schuldigen oder gar Solidarität mit einer Seite erwarten. Stattdessen eine Kritik der politischen Ökonomie Syriens unter der Herrschaft von Vater und Sohn Assad, Gründe und Anlässe für den bewaffneten Aufstand und nicht zuletzt eine Analyse des historischen Pechs aller Beteiligten vor Ort, zum Objekt welt-und regionalpolitischer mächtiger und abhängiger Interessen geworden zu sein.

http://www.gegenstandpunkt.com/gs/12/3/gs20123149h1.html