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Sendung vom 19.03.2013 11:00:

Jeder will sie, kaum einer kriegt sie: Gerechtigkeit – was ist das?

Jeder will sie, kaum einer kriegt sie: Gerechtigkeit – was ist das? Wer verdient warum wie viel: Die Frau im Kapitalismus

GegenStandpunkt & Diskussion

Jeder will sie, kaum einer kriegt sie:
Gerechtigkeit – was ist das?

Dr. Rolf Röhrig, GegenStandpunkt
Mittwoch 20. 3. 2013 um 19:00
Universität Wien (Hauptgebäude) HS 33, Universitätsring 1, 1010 Wien

Wo immer heutzutage eine Kritik vorgetragen wird, ergeht sie im Namen der Gerechtigkeit, die man vermisst. Nicht wenige Arbeitnehmer finden die exorbitanten Managergehälter ungerecht. Die meisten Manager halten diese Beschwerde für ungerecht, weil sie doch angesichts des Gewinns der Firmen die eigentlichen Leistungsträger seien, die einfach verdienen, was sie verdienen. Ältere Leute kurz vor oder schon in der Pension halten die Pensionskürzungen durch die Regierung für eine Ungerechtigkeit, weil sie sich um den Ertrag ihrer Lebensleistung und ihre Beitragszahlungen betrogen sehen. Das Gros der Jungen hält die Kürzungen für ein Gebot der Gerechtigkeit, weil sie mit immer größeren Abzügen von ihrem Einkommen für den Lebensabend der Alten zur sozialstaatlichen Kasse gebeten werden.

Wenn dann Beschwerdeführer, die sich in ihren Interessen geschädigt sehen, praktisch tätig werden und sich einmal zu einer Forderung verstehen, ergeht diese wieder im Namen der Gerechtigkeit, die es durchzusetzen gilt. Die Kleinen werden für die Bewältigung der Finanzkrise kräftig zur Kasse gebeten, die Großen kommen glimpflich davon – so sieht es die Initiative von gewerkschaftlichen und linken Vereinen, die für UmFAIRteilung demonstrieren und eine faire, also gerechte Verteilung der Lasten auf Arme und Reiche einfordern. Ein Vorteil wird schon gar nicht mehr angestrebt, stattdessen feilschen solche Vorstöße um das rechte Maß des Schadens, den man hinzunehmen bereit ist. Gerechtigkeit scheint also höher zu stehen als die Befriedigung des Interesses selbst, wenn der eigene Schaden dadurch erträglich wird, dass die Belastung anderer ein Stück nach oben gefahren wird.

Was für den einen gerecht, ist für den anderen ungerecht, und der Volksmund weiß, dass die Verwirklichung von Gerechtigkeit der Quadratur des Kreises gleichkommt: „Allen Menschen Recht getan, ist eine Kunst, die keiner kann.“ Alle wollen sie dasselbe, Gerechtigkeit, und doch liegen sie in einem unauflöslichen Streit darüber, worin der Inhalt der Gerechtigkeit besteht. Was macht Gerechtigkeit so flexibel, dass sie für alle, auch gegensätzliche Anliegen, als Legitimierung taugt? Und was macht sie so attraktiv, wenn doch alle nur im Streit darüber liegen, was gerecht sei, und kaum jemand sie bekommt?
So viel sei vorweg genommen: Man sollte seine Energie nicht auf die Frage verschwenden, wie man zu einer Gerechtigkeit findet, die allen frommt. Gerechtigkeit selbst ist nämlich ein Fehler, ein äußerst schädlicher dazu, von dem man besser die Finger lässt.

Mittwoch 20. 3. 2013 um 19:00
Universität Wien (Hauptgebäude) Hs 33, Universitätsring 1, 1010 Wien

Als Beitrag zu diesem Thema noch ein paar Überlegungen zur Frage: Wer verdient warum wie viel: Die Frau im Kapitalismus

Frauen verdienen im heutigen Kapitalismus – je nach Berechnungsmethode und gewähltem Zeitraum, ob also das Lebenseinkommen oder das Durchschnittseinkommen zu einem bestimmten Zeitpunkt betrachtet wird – um ein Drittel bis ein Viertel weniger Geld als Männer; in einer voriges Jahr zum sog. „equal-pay-day“ losgetretenen, hauptsächlich im profil geführten Debatte waren 25% der unbestrittene Ausgangspunkt. Hier und heute geht es einmal um eine andere Frage als um die übliche, danach nämlich, ob das erlaubt ist, ob sich das gehört und ob die – die Dienstnehmer, die Löhne zahlen – das denn dürfen. Die Frage heute ist ganz schlicht, WARUM das so ist.

Ausgangsthese: Diese Differenz kommt nicht durch die ungleiche Behandlung von Frauen und Männern zustande, sondern durch die Gleichbehandlung; weil also Männer und Frauen von den Arbeit- bzw. öffentlichen Dienstgebern unter die identischen Kriterien von Lohn und Leistung gebeugt werden, deshalb sind die Ergebnisse geschlechtsspezifisch verschieden.

Der eine, der größte Teil dieser 25%-Differenz steht inzwischen auch in der Öffentlichkeit einigermaßen außer Streit: Frauen kriegen Kinder, gehen in Karenz, und an diese Unterbrechung der Lohnarbeit schließt sich häufig Teilzeitarbeit an – wegen der berühmten „Vereinbarkeit“ von „Beruf und Familie“. Diese Unterbrechungen der „Erwerbsbiographie“, wie das auf soziologisch heißt, und die kürzeren Teilzeit-Arbeitszeiten wirken sich in weniger Gehalt aus und summieren sich obendrein in weniger Dienstjahren, darüber in weniger Gehaltsvorrückungen ebenso wie in weniger Beförderungen. Unterm Strich kommt also – wegen des Prinzips „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ – ein Teil-Lohn wegen Teilzeit-Arbeit, kommt also ein Teil dieser Differenz heraus.

Dann gibt es noch den – für die österreichische Frauenministerin – sog. „unerklärlichen“ Rest, der in der Debatte voriges Jahr einmal mit 12, dann wieder mit 8% beziffert wurde, wobei die Höhe nicht der Witz ist. Das banale Interesse der Betriebe, möglichst wenig zu zahlen und ständig zu testen, wieweit sie damit durchkommen, das genügt der Ministerin offenbar nicht. Dieser andere Teil der Differenz – der „unerklärliche“, was so viel bedeuten soll wie „ungerecht“ und nur durch sogenannte „Vorurteile“ erklärbare –, das ist der – ich nenne das mal so: der Frauenmalus. Was heißt das und worin besteht er? Der Frauenmalus besteht in der Vorstellung der Arbeitgeber, dass Frauen ganz allgemein und generell weniger verfügbar und weniger leistungsfähig sind und ihnen deswegen weniger gezahlt gehört – und dieser Standpunkt ist alles andere als ein Vorurteil oder unbegründet. Die Begründung für den Frauenmalus besteht in der Gewissheit, dass Frauen neben dem Beruf noch andere Pflichten haben, die Familie und die lieben Kinder nämlich, und deswegen nicht ebenso rücksichtslos benutzbar sind, wie das heutzutage vom Arbeitnehmer erwartet wird. Nochmal anders: Frauen sind weniger leistungsfähig, und das liegt nicht daran, dass Frauen weniger leistungsfähig sind: Die Doppelbelastung wird hier den Frauen zum Vorwurf gemacht bzw. als Vorwand für Lohndrückerei benutzt, so wie den Arbeitgebern jeder diesbezügliche Vorwand recht ist, solange sie damit durchkommen. Die täglichen Erscheinungsformen dieser Doppelbelastung, also dieser verminderten Brauchbarkeit für die Firma sind ebenfalls allgemein bekannt: Wenn der Kindergarten zusperrt und Frau deswegen weg muss, dann sind Überstunden eben nicht problemlos abzurufen; wenn das Kind krank wird und betreut werden oder von der Schule abgeholt werden muss, dann ist – in der Regel – schon wieder Frau gefordert, und muss das im Job und mit dem Job irgendwie hinkriegen, als zumindest logistischen Zusatzaufwand. Diese verminderte, durch zusätzliche Pflichten behinderte Verfügbarkeit für das Unternehmen wird durch diesen Frauenmalus gewissermaßen in den Lohn „eingepreist“, wie man das im Börsianerdeutsch nennt. Praktisch wird das alles abgewickelt in einer schlechteren Einstufung in der Lohnhierarchie; es gibt hierzulande bekanntlich ein sehr ausdifferenziertes Lohngefüge mit allein im Einzelhandel ca. 100 verschiedenen Einstufungsmöglichkeiten, plus regionale Unterschiede, und da versucht das Kapital seine Möglichkeiten auszureizen. Frauen werden auch nach Ausbildung und Vordienstzeiten gern „falsch“ oder anders als Männer eingestuft, wenn da der Betriebsrat nicht sehr dahinter ist.

Das einzig vorurteils-mäßige oder das einzig „Ungerechte“ in der Angelegenheit ist die Subsumtion des Individuums Frau unter die Dienste und Pflichten der Gattung Frau; frau wird generell und ohne Prüfung des Einzelfalls als jemand mit anderen, zusätzlichen, hinderlichen Pflichten genommen. Aber die Frage nach der Schwangerschaft oder dem Kinderwunsch während des Bewerbungsgesprächs ist den Unternehmen ja ausdrücklich untersagt … Das, was Männer durchaus auch trifft, aber derzeit nur individuell, wenn sie in Karenz gehen – nämlich der häufige Vorwurf von Seiten des Betriebes, andere Pflichten oder Neigungen wichtiger zu nehmen als den Job, was sich dann auf die Wertschätzung, die innerbetrieblichen Chancen, die Gehaltserhöhungen und Beförderungen auswirkt – das trifft Frauen kollektiv. Die Arbeitgeber verschmähen deswegen die Frauenarbeit noch lange nicht, sie wird eben weniger bezahlt, wenn sie damit durchkommen. Im Lohn spiegelt sich ja nicht nur das Interesse des Lohnzahlers an der konkreten Tätigkeit selbst, sondern auch die Verfügbarkeit, die Freiheit im Umgang mit den Überstunden und Zusatzaufgaben, für die eine Arbeitskraft problemlos abrufbar sein soll. Das alles ist übrigens für niemand ein Geheimnis, in den Hintergrundartikeln zu den unterschiedlichen „Erwerbsbiografien“ anlässlich des internationalen Frauentages wird das alles breitgetreten und ausführlich erörtert. Erstaunlich ist eher die immer wiederkehrende Vorstellung, dass so eine Lohndifferenz den in der Marktwirtschaft gültigen Kriterien von Lohn und Leistung widerspräche, und insofern grundlos oder vorurteilsbasiert sei.

Kleine Anekdote, und wenn es nicht stimmen sollte, ist es zumindest gut erfunden: Frauen in der ehemaligen DDR haben mitbekommen, dass nach dem Anschluss der DDR an die deutsche Marktwirtschaft sowohl das frühere Recht auf Arbeit erledigt war, als auch das frühere dortige System der Kinderbetreuung – dort gab es ein flächendeckendes und gut funktionierendes System von Kindertagesstätten. Das wurde abgewickelt, aus ideologischen Gründen, es durfte einfach in der DDR nichts geben, was als brauchbare Leistung für die Bürger erscheinen konnte, also wurde das als schaurige Verstaatlichung der Kinder gegeißelt. Inzwischen, zwanzig Jahre später, gibt es in Gesamtdeutschland das immer vehementere Bedürfnis nach der Einführung einer genau solchen Betreuung, um Karriere und Kind besser vereinbaren zu können – der Zwang zum Geldverdienen heißt bekanntlich Karriere, sofern er Frauen trifft, und das Kind ist dementsprechend ein berüchtigter „Karrierekiller“ – Karrierekiller Kind ist eine stehende Redewendung. Natürlich ist im richtigen Leben nicht das Kind der Karrierekiller, sondern die Marktwirtschaft, aber nachdem deren Rechnungsarten und Forderungen und Zwänge absolut und ohne Abstriche gelten, werden da sogar die lieben Kinder für die Sorgen ihrer Mütter verantwortlich gemacht. Zurück zum Anschluss der DDR: Die frühere Arbeitsplatzgarantie war also weg, die Kinderbetreuung war auch weg, und damals haben Frauen – tüchtig und realistisch – sich sterilisieren lassen, und die entsprechende Dokumentation bei der Bewerbung eingebracht, um den Frauenmalus loszuwerden. Ob es ihnen genutzt hat, ist die Frage, die Arbeitsplätze werden dadurch ja nicht mehr.

Bei der ganzen Angelegenheit ist unterstellt, dass die Arbeitgeber mit ihrem Diktat durchkommen. In der Debatte steht eines fest: Der Lohn geht den Beschäftigten nichts an, er ist ein ziemlich einseitiges Diktat des Zahlers, Angebot und Nachfrage „regeln“ das, die Gewerkschaft verallgemeinert bloß den Stand von Angebot und Nachfrage und macht daraus in den Lohnverhandlungen eine allgemein gültige Leitlinie – so dass die einzige Chance der Frau im Streitfall der Gesetzgeber ist. Die Vorstellung, dass der Lohn ein Streitgegenstand wäre, ist einigermaßen ausgestorben – diese Gewissheit verdanken wir dem ÖGB –, und ebenso die einzig senkrechte Konsequenz: Wenn Frauen zu wenig verdienen, müssen sie sich wohl zusammenrotten und vom Kapitalisten mehr verlangen. Stattdessen sind in der Regel die Öffentlichkeit und Politik Adressat des Begehrens um Anerkennung der Frau als Abteilung, die ungerecht wegkommt. Öfter wird auch mit dem Arbeitsrecht geliebäugelt – bis von der AK und der Gewerkschaft die sachlich korrekte Aufklärung kommt, dass eine Klage nur im Zuge der Auflösung eines Dienstverhältnisses praktikabel ist; die Vorstellung, frau könnte die Firma klagen, womöglich gewinnen und dann weitermachen wie bisher, nur mit mehr Gehalt, die ist weltfremd. Wer klagt, wird in der Firma zumindest ekelhaft gemobbt, schikaniert, wenn nicht gleich unter einem Vorwand entlassen.

Was in dieser Debatte völlig ausgeklammert ist und bleibt, weil es ja mit Gerechtigkeit wirklich nichts zu tun hat, das sind übrigens die entscheidenden Fragen; nämlich erstens: Wie viel Lohn bräuchte frau denn für ein anständiges Leben, wo beginnt ein ordentlicher Lebensstandard? Und zweitens: Was muss frau denn dafür tun; verhindert Belastung und Verschleiß und Stress nicht ohnehin die Lebensqualität und reduziert die Freizeit auf die Notwendigkeiten der Regeneration und Reproduktion? Das, was zählt an Lohn und Leistung – wie viel braucht denn frau für ein gutes Leben und wieweit muss frau sich aufreiben, das kommt in der Gleichheits- und Gerechtigkeitsdebatte gar nicht vor.

Das Prinzip „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ gilt übrigens ohnehin nicht: Auch vor etwa einem Jahr gab es eine Auseinandersetzung in der österreichischen Luftfahrt. Es wurde bekannt, dass die Kollektivverträge von AUA, Tyrolean und FlyNiki beträchtlich differieren; für die gleichen Tätigkeiten – als Piloten und Flugbegleiter – kassierten die Tyrolean-Leute um 25% weniger als im AUA-Kollektivvertrag, und die Beschäftigten bei FlyNiki waren und sind noch schlechter gestellt, weil die als Leih-Arbeiter eingestuft sind. Damals kam keine Sau auf die Idee, hier läge ein Fall von Ungerechtigkeit und damit für eine Gleichbehandlungskommission vor. Da weiß man auf einmal, dass die hiesige Arbeiterbewegung in Gestalt des ÖGB je nach Unternehmen für „maßgeschneiderte“ Lösungen zu haben ist, auch wenn das gehörige Gehaltsdifferenzen mit sich bringt. Die Gehälter wurden übrigens damals nach unten vereinheitlicht, es gab für die AUA-Belegschaft eine gehörige Lohnsenkung, wenn auch nicht aus Gründen der Gerechtigkeit, sondern wegen der Kostensenkung; aber zumindest ist der Einwand der Ungleichbehandlung dann gegenstandlos – Gerechtigkeit ist auch durch Lohnsenkung, durch Nivellierung nach unten herstellbar. Und wenn in einer der berühmten Leichtlohngruppen, von deren Verdienst niemand so recht leben kann, paritätisch Frauen und Männer gleichermaßen betroffen wären, dann hätte sich diese Beschwerde erledigt. Bleibt vom „gleichen Lohn für Frauen und Männer“ höchstens die Forderung, wenigstens in ein und demselben Unternehmen sollten die Löhne gleich sein. Das ist in Großbetrieben, die einen anonymisierten Gehaltsvergleich erheben müssen, zunehmend erfüllt: Auch männliche Betriebstäte können kein Interesse daran haben, dass weibliche Lohndrücker die Löhne der Männer unterbieten und diese womöglich dann ersetzen.

Eine etwas anders akzentuierte Variante der Diskussion widmet sich dem Problem der „Gleichwertigkeit“ in folgendem Sinn: Wenn der gleiche Lohn gezahlt wird und Frauen dennoch weniger verdienen, dann steht es womöglich schlecht um diese „Gleichwertigkeit“ der Arbeit in Bezug auf die typischen „Frauen- bzw. Männerberufe“ – Krankenschwester vs. Bauarbeiter. Streng logisch: Eine „Gleichwertigkeit“ sehr verschiedener Tätigkeiten ist ohnehin nicht wirklich zu bemessen, weder die gleiche noch die ungleiche Wertigkeit ist an der konkreten Arbeit festzustellen, es fehlt das tertium comparationis der Tätigkeit von Friseusen und Mechanikern. In einer Hinsicht allerdings sind alle verschiedenen Arbeiten wieder sehr gleichwertig, in ihrem eigentlichen Resultat nämlich, im Geld. Alle stellen Tauschwert her, ihr Ergebnis muss Geld bringen, sich in Geld verwandeln. Und von daher, wenn auch nur von daher ergibt sich umgekehrt sehr wohl die höhere oder mindere Wertigkeit der Arbeit: Was trägt sie zum Unternehmensergebnis, zum geldwerten Resultat bei? Aber da ist nur eine brutale generelle Konsequenz abzuleiten: Je weniger der Lohnempfänger erhält, desto besser für das Betriebsergebnis, desto mehr Geld spielt sie dem Veranstalter ein. Alles andere regelt das Gesetz von Angebot und Nachfrage; Unternehmer testen ständig aus, was sie für die Arbeitskraft hinlegen müssen. Eine Gewerkschaft ist heutzutage dagegen kein Einspruch mehr, sondern widmet sich der Verallgemeinerung dieses Gesetzes.

Eine andere Konsequenz daraus ist, dass Positionen, die mit „Verantwortung“ verbunden sind, indem sie den Nutzeffekt der Arbeit anderer steigern, wo also andere kommandiert und beaufsichtigt werden, die bringen mehr Gehalt ein: Diese Berufe in der Hierarchie ganz oben stehen für viel Arbeit und wenig Geld ein, bei den Untergebenen nämlich.
Und daran ändert sich auch nichts, wenn mehr „Frauen in Führungspositionen“ kommen. Die setzen das Interesse des Unternehmens oder der Instanz, die den Lohn zahlt, gegen die Lohnempfänger durch. Es ist eigentlich ein Rätsel, wieso Frauen, die nie Vorstand oder Minister werden, es irgendwie gut finden sollen, wenn andere Geschlechtsgenossinnen – für die das sicher fein ist – etwas Besseres werden. Unter Männern wäre das eher eine Verarschung, wenn da umgekehrt jemand fordert, wir Männer sollten uns alle darüber freuen, über den Bundespräsidenten, den Kanzler, den Raiffeisenoberboss? Alles Männer, wie schön, aber was haben andere Männer davon, die genau wie Frauen ausbaden müssen, was Politiker und Wirtschaftsbosse aushecken. Vielleicht ticken Frauen und Männer ja wirklich anders …

Ganz allgemein existiert übrigens weder das Kollektiv der „Männer“ noch das der „Frauen“ mit quasi-naturwüchsigen gemeinsamen Interessen; eine gemeinsame Betroffenheit kommt in aller Regel über unterschiedliche staatliche Ansprüche und Festlegungen zustande; wenn also etwa nur den Männern ein Wehrdienst abverlangt wird oder von den Frauen nicht nur die Lohnarbeit, sondern auch noch die Fortpflanzerei erwartet wird. Um diese Funktion der Mutter erfüllen zu können, gewährt der Staat Sonderrechte für Schwangere und Erziehende, die sich wieder als Benachteiligung erweisen, als Konkurrenznachteil vom Standpunkt des Geldverdienens aus. Warum diese bzw. die männlichen Beteiligten sich eine Familiengründung überhaupt einleuchten lassen – im Wissen darum, dass sich alle finanziellen Parameter der Frau dann verschlechtern – das ist wieder eine andere Frage, dazu gezwungen wird ja niemand. Der Mann-Frau-Gegensatz ist üblicherweise ein ziemlich individueller, soll heißen, dass ein in Ehe oder Partnerschaft verbundenes oder später dann zerstrittenes Paar bei dem Unterfangen aufeinanderprallt, sich gemeinsam das Leben im Kapitalismus schön zu machen, bis hin zum Psycho- und handfestem Terror, mit Frauenhaus und finaler Tragödie – aber das ist ein anderes Thema.

Eine Schlussbemerkung: In der eingangs erwähnten profil-Debatte voriges Jahr war übrigens zu bemerken, dass „den Frauen“ von manchen Diskutanten der Status als besonders benachteiligte und daher besonders berücksichtigenswerte Gruppe abgesprochen werden sollte – es wurden sozusagen von Männern gleiche Konkurrenzbedingungen gefordert wegen einer bereits erfolgreich erreichten Gleichberechtigung –, was die „Frauenseite“ vehement beeinsprucht hat: Nein, Frauen sind nach wie vor eine Abteilung der Gesellschaft, die speziell benachteiligt ist und daher besonders beachtet werden sollte. Dazu gibt es übrigens eine feministische Gegentendenz: Frau möge sich nicht ständig auf die Opferrolle festlegen oder festlegen lassen, dadurch werde sie es womöglich erst. Wie dem auch sei, das mit der vollständigen Gleichstellung ist natürlich nicht erreicht und wegen der Familie auch nicht machbar, Frauen sind faktisch diejenigen mit der Doppelbelastung; die alltägliche Ausgestaltung hängt dann von der Geneigtheit des Göttergatten und vom Familieneinkommen und von der Möglichkeit ab, Großmütter und Freundinnen zu aktivieren. Bemerkenswert an diesem offiziellen Benachteiligungsbedürfnis ist mehr, dass frau sich ziemlich täuscht über den Ertrag der Anerkennung als besonders betroffenes Kollektiv: Diese Auszeichnung – Frauen haben es immer noch besonders schwer – ist kein Mittel und kein Hebel und keine Voraussetzung für gar nichts. Da folgt heutzutage nichts mehr draus, weder beim Lohn noch bei der Familienbelastung. Die Anerkennung als Teil der Gesellschaft, der es schwer hat, ist schon der ganze Lohn dafür, dass frau es schwer hat – und aus. Diese Sorte Anerkennung ist ähnlich nutz- und folgenlos wie das politisch korrekte große I bei Ministerinnen, Kapitaistinnen, Politikerinnen, Arbeiterinnen und FrauInnen; oder wie die TöchterInnen – oder waren es die „Töchtersöhne“? – in der neuen österreichischen Nationalhymne: Ideeller Lohn für weiter bestehende materielle Benachteiligung!