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Sendung vom 27.01.2015 11:00:

Der Islamische Staat

Luftschläge und eine neue Allianz-Politik der USA gegen den Heiligen Krieg des Islamischen Staates

Antiterrorkrieg nächster Akt

Luftschläge und eine neue Allianz-Politik der USA gegen den Heiligen Krieg des Islamischen Staates

Im Zweistromland haben es irreguläre Milizen geschafft, zum regionalen Machtfaktor zu werden, und einen „Islamischen Staat“ ausgerufen. Um seinen Bestand zu festigen und seine Reichweite auszudehnen, führen sie ihren Krieg. Im Westen wahrgenommen wird die neue Macht, die Teile Syriens und des Irak beherrscht, ausschließlich über die blutrünstigen Weisen ihrer Durchsetzung: Massenhinrichtungen überwältigter Feinde, Soldaten wie Zivilisten, brutale Vertreibung von Volksteilen falschen Glaubens oder falscher Loyalität, vor allem aber über die demonstrative Enthauptung von Leuten, die die Dschihadisten als Repräsentanten des Westens betrachten. Der Islamische Staat und seine Ziele werden vollständig unter diese barbarischen Praktiken subsumiert – und weil sie dafür keine Rechtfertigung, keinen guten Sinn gelten lassen, sprechen Politiker und Öffentlichkeit im Westen dem störenden Emporkömmling überhaupt jedes politische Motiv und jeden Zweck ab. „Weder Religion, noch Staat!“ mag US-Präsident Obama, der spirituelle Führer des Westens, dem Wüten dieser Krieger zugutehalten. Sie sind das reine Böse, das nichts will als die Vernichtung des Guten: Gewalt um der Gewalt, Mord um des Mordes willen. Der Islamische Staat wird zum Feind der Menschheit deklariert, der vernichtet werden muss, um die Zivilisation zu retten. Gegen ihn ist alle Gewalt legitim und die Mithilfe aller Länder fällig.

Insofern widmet sich die heutige Sendung mal der Ketzerei. Nicht der religiösen, sondern der politischen. Statt sich an der Feindbildmalerei zu beteiligen und die Gräueltaten des IS vom edlen Zeck zu trennen, dem sie dienen – eben: Staatsgründung – soll der Name, der schon das Programm ist, ernst genommen werden. Was hat es damit auf sich.

Der Islamische Staat (IS) selbst kann durchaus eine politische Lagebestimmung und politische Konsequenzen präsentieren, die angesichts der Lage Not tun. Auch die Brutalität, zu der er sich bekennt, dient, nicht anders als bei amerikanischen Präsidenten, die sich auf „Shock and Awe“ verstehen, selbstverständlich nicht nur einer guten, sondern der allerbesten Sache. Zur Erinnerung: „Schrecken und Ehrfurcht“ bezeichnet laut wikipedia „eine Taktik, deren Ziel es ist, durch eine oder mehrere auf Schockwirkung ausgelegte militärische Maßnahme(n) den Gegner so zu verunsichern, dass es zu keinen nennenswerten Verteidigungsmaßnahmen kommt. Die Massenmedien verbreiteten den Terminus vor allem aufgrund seiner Verwendung durch die Streitkräfte der Vereinigten Staaten im Irakkrieg.“ Kopfabschneiden und ins Internet stellen: Das ist „Shock and Awe“ für Arme.

Anti-Imperialismus heute: Dschihad gegen die Ungläubigen

Eine Art programmatische Erklärung gibt IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi nach der Eroberung der Stadt Mossul in einer pathetischen Predigt ab, mit der er die Errichtung eines neuen Kalifats verkündet. Das Böse spricht – hören wir mal hin:

„So greift zu den Waffen, greift zu den Waffen, oh Soldaten des Islamischen Staats! Und kämpft, kämpft!
In der Tat betrachtet die Ummah euren Dschihad mit den Augen der Hoffnung, und in der Tat habt ihr Brüder in vielen Teilen der Welt, denen die schlimmsten Arten der Folter zugefügt werden. Ihre Ehre wird verletzt. Ihr Blut wird vergossen. Die Gefangenen stöhnen und schreien nach Hilfe. Waisen und Witwen klagen über ihr Elend. Frauen, die ihre Kinder verloren haben, weinen. Moscheen werden entweiht und Heiligkeiten verletzt. Die Rechte der Muslime werden gewaltsam unterdrückt in China, Indien, Palästina, Somalia, der arabischen Halbinsel, dem Kaukasus, in Scham (der Levante), Ägypten, Irak, Indonesien, Afghanistan, den Philippinen, in Ahvaz im Iran (von den Rafidah, den Schiiten), Pakistan, Tunesien, Libyen, Algerien und Marokko, im Osten und im Westen.

Daher bei Allah, wir werden Rache nehmen! Bei Allah, wir werden Rache nehmen! Selbst wenn es eine Weile dauert, werden wir Rache nehmen, und jeder der Ummah zugefügte Schaden wird dem Übeltäter um ein Vielfaches vergolten.…
Oh Ummah des Islam, die Welt ist in der Tat heute in zwei Lager und zwei Schützengräben geteilt, wo es kein drittes Lager gibt: Das Lager des Islam und des Glaubens, und das Lager des Kufr (Unglaubens) und der Heuchelei – …
In der Tat waren die Muslime nach dem Fall ihres Kalifats besiegt. Damals hörte ihr Staat auf zu existieren, so dass die Ungläubigen die Muslime schwächen und erniedrigen, sie in jeder Region dominieren, ihren Reichtum und Ressourcen plündern und sie ihrer Rechte berauben konnten. Dies gelang ihnen, weil sie deren Land angriffen und besetzten und verräterische Agenten an die Macht brachten, die die Muslime mit eiserner Faust beherrschten – und weil sie verblendende und täuschende Parolen verbreiteten wie Zivilisation, Frieden, Koexistenz, Freiheit, Demokratie, Säkularismus, Baathismus, Nationalismus und Patriotismus und andere falsche Parolen.

Diese Herrscher sind weiter bestrebt, die Muslime zu versklaven, sie mit diesen Parolen von ihrer Religion wegzuziehen. Entweder also entfernt sich der Muslim von seiner Religion, bezweifelt Allah und unterwirft sich schändlich den menschengemachten Shirk, den (Vielgötterei-) Gesetzen des Westens und Ostens und lebt so verachtenswert und schmachvoll als Mitläufer, indem er ohne Willen und Ehre diese Parolen wiederholt – oder er lebt verfolgt, als Zielscheibe, vertrieben – und endet getötet, im Gefängnis oder schrecklich gefoltert unter der Anklage des Terrorismus. Denn Terrorismus ist, diese Parolen anzuzweifeln und an Allah zu glauben. Terrorismus ist, auf Allahs Gesetz als Urteil zu verweisen. Terrorismus ist, Allah anzubeten, wie er es Dir befohlen hat. Terrorismus ist, Erniedrigung, Unterjochung und Subordination zu verweigern … Terrorismus ist, dass die Muslime als Muslime leben, ehrenvoll und mit Macht und Freiheit. Terrorismus ist, auf euren Rechten zu bestehen und sie nicht aufzugeben.
Oh Muslime überall, frohe Botschaft für euch, euch erwartet das Gute. Tragt den Kopf hoch, denn heute habt ihr einen Staat und ein Kalifat, das euch eure Würde, Macht, Rechte und Führung zurückgibt. Es ist ein Staat, in dem alle Brüder sind, der Araber und der Nicht-Araber, der weiße und der schwarze Mann, der aus dem Osten und der aus dem Westen.“

(1)

Die Erfahrungen, die da verarbeitet werden, sind auch in der vorliegenden Verfremdung zum Glaubenskrieg und zum „Kreuzzug“ noch deutlich kenntlich: Der neue Kalif blickt auf eine kaputte Weltregion, in der ein frommes Leben, wie er es kennt und schätzt, nicht mehr möglich ist. 20 Jahre amerikanischer und amerikanisch moderierter Kriege von Afghanistan und Pakistan im Osten bis Libyen und Mali im Westen haben ruinierte Staaten und Ökonomien und nichts als Elend zurückgelassen. Al Baghdadi spielt auch auf den Kolonialismus und die heutige Vorherrschaft der westlichen Weltmächte an, die in den islamischen Staaten pro-westliche Kollaborateure an der Macht halten und sich die Reichtümer und Ressourcen der Region, vor allem ihr Öl, aneignen.
Mit Blick auf diese Lage zieht der Prediger seine Schlüsse.

Täter wie Opfer definiert der Mann Allahs religiös. Das rücksichtslose eigennützige Vorgehen der USA und ihrer Verbündeten und Geschöpfe in der Region und weltweit und die verheerenden Wirkungen interpretiert der Kalif als Angriff auf das, was ihm heilig ist: auf die hierarchisch wohlgeordnete Gemeinschaft ergebener Gottesdiener, die er für die wahre Berufung aller Muslime hält und die er in der goldenen Vergangenheit einstiger Kalifate realisiert glaubt. Was ihn an den zunehmend desolaten Lebensverhältnissen in den Ländern, die der Westen frech als seinen „Nahen Osten“, sein „Middle East“ beansprucht, zutiefst empört, ist die Arroganz der Macht, die dort am Werk ist und sich über alles hinwegsetzt und kaputt macht, was – wenigstens in seiner frommen Phantasie – einstmals Stolz und Größe der muslimischen Gemeinschaft ausgemacht hat. Im Elend und in der Verwahrlosung der Massen ebenso wie in den Gemeinheiten ihrer Machthaber und deren auswärtiger Auftraggeber und Sponsoren erkennt der neue Kalif als das eigentliche Übel die Ohnmacht der rechtgläubigen Gemeinde und als das eigentlich Unerträgliche daran die Demütigung derer, die als auserwählte Auftragnehmer eines Allerhöchsten eigentlich allen Grund haben, sich über den Rest der Menschheit zu erheben.

Dort, wo der Westen islamische Staaten als Bündnispartner unterstützt und u.a. mit Waffen beliefert, also mit Islamischen Staaten hervorragend auskommt – Saudi-Arabien und die Golfstaaten – da entdeckt der Kalif weniger die blühende islamische Gemeinde und die Scharia und fast schon ein Kalifat, sondern eben westliche Satellitenstaaten, womit er natürlich auch recht hat.

Mit diesem Standpunkt der beleidigten Ehre der wahren Muslime ist der Imperialismus, der sich mit seiner Gewalt und seinen Kreaturen in aller Welt breitmacht, erschöpfend auf seinen frommen Begriff gebracht. Es handelt sich um einen Angriff der Ungläubigen auf die Gläubigen mit keinem anderen Ziel als dem, die Jünger Allahs zu töten, zu versklaven, zu „Mitläufern“ zu degradieren, zu entehren und ihrer Religion zu entfremden. Ob Amerikaner und Europäer außer der Beleidigung des rechten Glaubens, mit dem sie in Saudi-Arabien so fruchtbar kooperieren, sonst noch etwas von ihrem Zugriff auf die muslimische Welt haben oder damit bezwecken, ist ihm nicht wichtig. Die ganze Ökonomie des Imperialismus kennt er nur als Beispiel für die Schändung des Islam.

(2)

Das Kampfprogramm des IS besteht, dieser eigentümlichen Imperialismus-Theorie entsprechend, in der kämpferischen Selbstbehauptung der unterdrückten gottesfürchtigen Gemeinde, in der Rache für die erlittene Schmach und der Wiederherstellung der Ehre der Muslime und ihres Glaubens. Dafür müssen die Anhänger des Kalifen zum höchsten Opfer bereit sein, bis hin zum sinnvollen Tod für die gute Sache, den er ihnen als Gelegenheit anbietet, sich als wahre Märtyrer zu verwirklichen. Solchen gilt das wirkliche Leben nichts, wenn es um das Überleben der Gemeinde im Kampf und durch den Kampf geht. Todesmut ist massenhaft verlangt, denn der IS hat gegenüber Al Kaida und diversen Taliban, die schon länger mit einer ähnlichen Diagnose und Zielsetzung den Kampf gegen den Westen führen, einen Schluss gezogen: Die Selbstbehauptung des Islam und der aufrechte Gang ist für Muslime nur noch durch umfassende Radikalisierung dieses Kampfes zu haben.

Anschläge, seien sie auch so gewaltig wie die von New York 2001, sind doch nur Demonstrationen des Willens zum Heiligen Krieg, nicht dieser selbst, Nadelstiche eben, die an die Macht des Gegners gar nicht heranreichen. Kein symbolischer, nur wirklicher Krieg kann die Muslime befreien und die Ungläubigen verjagen. Es gilt, Territorium zu erobern und zu halten, muslimisch befreite Gebiete zu schaffen, dort ein gottgefälliges Leben nach den Regeln der Scharia zu organisieren und diese Gebiete als Basis für den Kampf um weitere Eroberungen zu nutzen.

Radikaler definiert ist damit zweitens das Subjekt des Dschihad. Es reicht nicht – und es wäre dem IS zufolge sogar verkehrt –, dass sich ein Land oder ein Volk gegen die imperialistische Durchdringung oder Fremdherrschaft zur Wehr setzt. Der Kalif kritisiert alle Versuche, als nationale Opposition Widerstand gegen den Westen und seine Lakaien zu leisten und sich dabei auf den Islam zu berufen, als Irrweg. Er propagiert dagegen die Idee der Wiederkehr einer von den „Kreuzrittern“ zerschlagenen Gemeinschaft, die er im Krieg wiederauferstehen lassen will, und für die er die Zugehörigkeit aller Muslime reklamiert, ungeachtet ihrer Nationalität, einer Nationalität, die ohnehin nur das spalterische Werk des Feindes, der früheren Kolonialisten ist. Dass eine Oppositionspartei wie die Muslimbrüder die Unzufriedenen in einem Land oder auch nationenübergreifend unter einem geglaubten Rechtstitel dazu aufruft, gegen eine ungerechte Herrschaft aufzubegehren, und womöglich den Übergang vom zivilen Ungehorsam zum bewaffneten Kampf organisiert – mit solchen Unternehmungen sind islamische Parteien aus Sicht des IS schon oft genug gescheitert. Die neue Bewegung definiert sich umgekehrt durch den Krieg, den sie für ihre gerechte Sache führt, wo immer es geht, also dem Anspruch nach weltweit; für den gründet sie auf erobertem Territorium das passende Gemeinwesen. Im Namen der globalen islamischen Gemeinde, der in den Predigten des Kalifen imaginierten Ummah, geht das Kalifat an sein kämpferisches Werk; dementsprechend sind die Rechtgläubigen in aller Welt ihrerseits zum Mitkämpfen aufgerufen. Jeder einzelne Moslem, egal wo er lebt, ist, sofern dazu fähig, verpflichtet, an die Fronten des Krieges zu wandern und sich dem Heiligen Krieg zu Verfügung zu stellen. Alles unterhalb der globalen Gemeinschaft der Gläubigen – also existierende arabische Staaten, Völker, ökonomische Systeme und politische Programme – erklärt der IS zu Machwerken des Feindes, Erfindungen zur Verblendung und Spaltung, um die Muslime in ihrer Selbstbehauptung zu schwächen. Sie haben sich auf diese Grenzen und Scheidungen viel zu lange eingelassen, anstatt sich auf die einzige Stärke zu stützen, die sie haben: die Einheit im Glauben.

Radikalisiert ist damit auch das Bild vom Gegner und der Krieg, der ihm gilt: Der globalen Ummah steht eine, wiederum homogen aufgefasste Macht des Unglaubens gegenüber, der, angeführt von Amerikanern, Russen und Juden, eigentlich alle anderen Nationen angehören. Der ganzen Welt erklärt der IS, der keine Länder und Grenzen mehr kennt, einen Welt- und Dauerkrieg für sein Fernziel: Das Weltreich des Islam.

(3)

Dieser IS präsentiert sich durchaus als diesseitige politische Macht, als politische Ordnung, die allein aus der Stärke des Glaubens und der Festigkeit des Willens hervorgeht. Er prahlt mit der Rücksichtslosigkeit seiner Kämpfer gegen sich und andere und begründet seine Erfolge mit der Bereitschaft seiner Leute, sich für den Dschihad zu opfern bis hin zum Selbstmordattentat. Einerseits ist dieses Selbstlob eine Auskunft darüber, wie erfolgreich die imperialistischen Mächte den Widerstand gegen ihre Vorherrschaft im Nahen Osten bereits niedergekämpft haben. Die Staaten, die sich ihnen mit abweichenden Ansprüchen und Rechten und entsprechenden Ressourcen an Geld, Waffen und Menschenmaterial mehr ideell als wirklich in den Weg gestellt haben, haben die USA in langen Kriegen in ihrem alten Bestand kaputt und die Reste ihrer alten oder die von ihren Gnaden neu aufgestellte Staatlichkeit, soweit irgend möglich, von sich abhängig gemacht: Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien … Eine verbliebene Nation mit abweichender Räson, den Iran, haben sie unter wirtschaftlichen, politischen und militärischen Druck gesetzt, dass ihr die Selbstbehauptung dagegen schwer fällt.

Übrig bleibt im Widerstand gegen den Imperialismus in der Region ein Haufen irregulärer Kämpfer, die stolz darauf sind, in diesem ungleichen Kampf durchzuhalten; die sich Trümmer zerfallener Staatsgewalten angeeignet haben und diese – Waffen, Geldmittel, Öl – in ihrem Krieg einsetzen. Der Staat, den sie selber ausgerufen haben und etablieren, will – wenigstens bis auf Weiteres – auch kein neuer Souverän sein, der auf diplomatische Anerkennung durch seinesgleichen aus ist und auf der Basis pragmatisch berechnende Beziehungen zu anderen Staaten aufnimmt. Seine Stärke bezieht er – und das ist seine Räson – ganz aus sich selbst und jedenfalls nicht aus einer Allianz mit real existierenden Nationen. Gläubiger Mut der Verzweiflung und Größenwahn sind da ein und dasselbe – und ohne sie ist dieses Programm nicht zu haben.

Aber selbstverständlich geht das, was die Kalifatsanhänger unternehmen, auch nicht allein wegen und mit ihrer wilden Entschlossenheit. Ihre Stärke und ihre Erfolge und sie letztlich erst recht sind selber das Produkt der Welt, die sie bekämpfen, und Resultat dessen, was imperialistische Kriege und Geschäfte in dieser Weltgegend angerichtet haben. Der IS ist ein Produkt der hauptsächlich westlichen Politik: Der Raum, die Waffen und die Leute. Der Raum, die militärischen Mittel und sogar die Kämpfer selbst sind zu großen Teilen eine Erbschaft der westlichen Umtriebe in der muslimischen Welt von Nordafrika bis Pakistan. Der internationale Haufen der IS-Kämpfer besteht erstens aus überlebenden Milizionären der vielen Kriege und Bürgerkriege in Afrika und Arabien, Tschetschenien und Zentralasien. Kämpfer, die überall geschlagen und vertrieben werden und dennoch nicht aufgeben, verbinden sich zur bisher größten Miliz im syrisch-irakischen Raum, rekrutieren aus den fortlaufenden regionalen Schlächtereien weitere Mitstreiter und gewinnen im Maß ihrer kriegerischen Durchsetzung weitere Mittel für ihren Kampf.

Den führen sie zweitens mit westlichen Waffen, die sie vor ihrer Ächtung im Dienst an westlichen Interessen bzw. an den Machtinteressen der Saudis und anderer mit dem Westen verbündeter sunnitischer Ölscheichs in die Hand bekommen haben, um Assad in Syrien oder die Schiiten im Irak zu schlagen. Oder sie haben sie von davonlaufenden irakischen Soldaten erbeutet, die von den USA ausgerüstet und trainiert worden sind, um einen Staat zu verteidigen, den sie gar nicht wollen.

Festsetzen kann sich drittens der IS, wo, weil und solange er ausnutzen kann, dass die US-Kriege und die von vielen Seiten geschürten Bürgerkriege in Syrien, Irak und anderen „failed states“ der weiteren Umgebung vom einstmals dort etablierten Gewaltmonopol nicht mehr viel übrig gelassen und ein „Machtvakuum“ erzeugt haben.

Dem Westen verdankt der IS schließlich noch den Zufluss weiterer menschlicher Ressourcen, die zunächst noch keine erprobten Kämpfer sind, wohl aber Kandidaten für Selbstmordattentate und für die Internet-Propaganda stellen. Aus den kapitalistischen Zentren vor allem Europas wandern ihm junge Männer und Frauen zu, ursprüngliche Moslems und Konvertiten, die in ihren islamischen Gemeinden Sinn und Lebensinhalt gefunden haben. Sie müssen erfahren, und die Agitation des IS sorgt nach Kräften und mit allen Mitteln moderner Kommunikation für die richtige Einordnung, dass die große Gemeinde der gläubigen Muslime so schlecht behandelt wird, dass Abhilfe dringend nottut, zu der beizutragen ohnehin die Pflicht jedes Gläubigen ist. Eine Gelegenheit, sich für diese Pflicht radikal einzusetzen, finden sie im gerade erfolgreichen und die Welt erregenden Krieg des IS gegen die Feinde der Gemeinschaft, bei der sie auf ihrer Suche nach einer höheren Bedeutung ihres kurzen irdischen Lebens fündig geworden sind.

Die Antwort der USA

Präsident Obama nimmt die Expansion dieser Gruppe, ihren religiös motivierten Kampfeswillen und den Anspruch auf Durchsetzung zur Kenntnis und ruft den IS – noch vor Ebola und den Russen – zum neuen Hauptfeind aus. Der verdient keinerlei Achtung, er gehört ausgerottet:

„Der Glaube an permanente Religionskriege ist die törichte Zuflucht von Extremisten, die nichts aufbauen oder erschaffen können und darum nur mit Fanatismus und Hass hausieren gehen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass die Zukunft der Menschheit davon abhängt, dass wir uns gegen diejenigen verbünden, die uns entlang der Grenzen von Volk oder Konfession, ethnischer Zugehörigkeit oder Religion spalten wollen. (…) Kein Gott heißt diesen Terror gut. Keine Unzufriedenheit rechtfertigt diese Handlungen. Es kann keine Verhandlungen mit diesem Bösen geben, man kann ihm nicht mit logischen Argumenten beikommen. Die einzige Sprache, die solche Mörder verstehen, ist die Sprache der Gewalt. Die Vereinigten Staaten von Amerika werden also mit einer umfassenden Koalition zusammenarbeiten, um dieses Netzwerk des Todes zu zerstören.“ (Obama vor der UN-Vollversammlung am 25.09.14)

In der Kunst, ein Feindbild zu malen und dafür Gott und die Welt zu zitieren, steht Obama dem Kalifen Baghdadi nicht nach. Der Vernichtungswille, den er so äußert, ist auch nicht zurückhaltender. Ganz anders als der böse Feind weiß der US-Präsident aber zu unterscheiden zwischen Feindbild und Feindschaft. Letztere wird mit berechnend dosierten Mitteln praktiziert und in ein Weltordnungsprogramm einsortiert, das noch weit mehr bezweckt als die Eliminierung eines sehr speziellen Störfaktors.

Obama weiß, dass die Erfolge der Kalifatsarmee nicht aus Wille und Vorstellung ihrer Kämpfer erwachsen sind, sondern aus einer religiös motivierten Finanzierung und Ausrüstung durch Sympathisanten aus den Golfstaaten; groß geworden ist sie sowieso durch die massive Beihilfe, die die dortigen Monarchien zum Bürgerkrieg in Syrien und dem dort tobenden religiösen Fanatismus geleistet haben. Dass diese Staaten, immerhin sind es ja Amerikas Geschöpfe und altgediente Verbündete, sich überhaupt der regionalen Weltordnung annehmen, ist an sich nicht schlecht. Ganz unerwünscht ist jedoch, dass sie das nicht immer im von Amerika gebilligten, wohlverstandenen Eigeninteresse tun, sondern unter ganz eigenen Ordnungsgesichtspunkten und mit selbstdefinierten Zielsetzungen. Und es ist vollends von Übel, dass ihr großes Vorhaben, nicht nur das eigene, sondern auch fremde Völker zur sittlichen Orientierung auf Mekka und zur politischen Ausrichtung auf eine der konkurrierenden Hauptstädte auf der arabischen Halbinsel zu erziehen, es an eindeutig proamerikanischer Stoßrichtung fehlen lässt, ja sogar antiwestlich verstanden wird, als eine Ungleichung zwischen Allah und Amerika. Im Hinblick auf solche Verirrungen bieten der Vormarsch der IS-Kämpfer und der die wahhabitische Monarchie weit überbietende theologisch-politische Größenwahn des Kalifen dem US-Präsidenten die Gelegenheit, einen lauten fast schon pädagogischen „Weckruf in die Region“ ertönen zu lassen. Speziell der große saudische Partner wird gleich doppelt in Anspruch genommen. Erstens für eine radikale theologische Delegitimierung des Unternehmens Kalifat, die strikte ideologische Ausgrenzung der antiwestlichen Gesinnung, die keineswegs nur die Köpfe der IS-Kämpfer beherrscht, aus dem Spektrum des islamisch Zulässigen und die autoritative Klarstellung, dass der richtig verstandene Glaube allemal die herrschende Weltordnung heiligt und nicht umstürzen will. Nicht zuletzt im Interesse der unbedingten Glaubwürdigkeit dieser Überzeugungsarbeit werden die Golfstaaten zweitens genötigt und ermächtigt zu zeigen, was ihre Piloten gelernt haben und mit ihrer von Amerika gekauften Luftwaffe anstellen können: Mit gemeinsamen Luftangriffen auf IS-Stellungen stellen die USA eine aktive Kriegsallianz her, die auf optimale Weise eine gewisse Anerkennung der Öl-Monarchien als strategisch brauchbare Akteure verknüpft mit ihrer Einordnung in Amerikas Kriegsszenario und damit unter Amerikas Führung.