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Sendung vom 12.04.2016 11:00:

"Ich sag' nur Köln!!"

Was haben die Attacken in „Köln“ mit Flüchtlingspolitik zu tun?

Roter Mittwoch im Amerlinghaus
Vortrag und Diskussion

Was haben die Attacken in „Köln“ mit Flüchtlingspolitik zu tun?

Mittwoch 20. April 2016 um 19:00
Amerlinghaus, Stiftgasse 8, 1070 Wien

Viele sagen, die „nachhaltig verstörenden“ Ereignisse der Kölner Silvesternacht werfen ein schlagendes Licht auf die sexuellen Sitten, also die allgemeine Moral der beteiligten Nordafrikaner, also der arabischen Muslime, also der meist arabisch-muslimischen Flüchtlinge. Andere halten das für zu pauschal und vorurteilsbehaftet.

Nun: Diese Schlussfolgerungen sind weder „schlagend“ noch „zu pauschal“, sondern überhaupt keine, und der Streit beweist, dass es um etwas anderes geht. Das steht am 20.4. zur Diskussion.
„Ich sag’ nur Köln!!“
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/2016/1/gs20161045h1.html
Ich sagte nur KÖLN!!

Einleitung: Gefunden im Internet:
„Herr Keiner: Die Frauen von Köln und die Regensburger Domspatzen

Bei einem Gang durch die Stadt traf Herr K. auf Frau M., der anzusehen war, dass sie ziemlich erregt war und mit K. reden wollte. Bei einem Kaffee legte sie los: „Ich fasse es einfach nicht. Da höre ich den Söder von der bayrischen CSU in einer Talk-Show reden, dass die Frauen ‚seit Köln Angst haben müssen, sich im Land frei zu bewegen‘, und dann lese ich einen Bericht über massenhafte sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen im schönen Bayernland, gegen die die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht nachgerade ein Klacks waren.“ Sie holte die ‚Süddeutsche Zeitung‘ aus der Tasche und las vor:

„Bei den Domspatzen ging es nicht schlimm zu, sondern noch viel schlimmer. Bis in die 1990er Jahre wurden demnach 231 Buben von Priestern und Lehrern seelisch und körperlich misshandelt, 50 wurden sexuell missbraucht. Die Dunkelziffer? ‚Ich sehe keinen Grund, an einer Gesamtopferzahl von 600 bis 700 zu zweifeln‘, sagt Weber, der unabhängige Gutachter.“ (SZ v. 18.1.16)

„Im Fall der Kölner Ereignisse waren alle Politiker gleich in den Startlöchern“, fuhr Frau M. fort, „nicht nur, um mit Worten das Geschehene aufs Schärfste zu verurteilen, sondern gleich darauf auch das Asylrecht zu verschärfen und bald darauf einen Bann gegen die Länder zu verhängen, aus denen einige der Täter kamen. Was heißt: Drei nordafrikanische Staaten wurden umgehend zu ‚sicheren Herkunftsländern‘ erklärt, damit kein Flüchtling aus diesen Ländern je wieder eine Chance hat, in Deutschland das Recht auf Asyl in Anspruch zu nehmen. Da wird aus zweifelsohne üblen Übergriffen auf Frauen eine einzige Hatz auf die Elendsfigur ‚Flüchtling‘ gemacht, und die Pfaffen in Bayern bleiben ganz und gar unbehelligt. … Diese Typen sitzen das einfach aus, bis das betriebene Quälen und Vergewaltigen von Kindern verjährt ist.“

„Genau so geht es zu“, erwiderte Herr K., „und ihrem Bericht – jedenfalls, was die Seite der Flüchtlinge betrifft – lässt sich ja auch entnehmen, warum die Kölner Ereignisse im Unterschied zu denen in Regensburg für solche Furore gesorgt haben: Diese Übergriffe ließen sich politisch ausnutzen und zu einem Einwand gegen Merkels Flüchtlingspolitik machen. …“

„Das stimmt“, sagte darauf Frau M., „doch was ist mit den kirchlichen Sexualtätern in Bayern? Auf diese Glaubensbrüder trifft doch genau das zu, was ansonsten immer gegen radikale Islam-Gemeinden vorgebracht wird. Da heißt es: Hier haben sich in unserem Land ‚gefährliche Parallelgesellschaften‘ gebildet, die wir keinesfalls dulden können.“

„Sicher“, sagte Herr K., „doch im Fall der Katholischen Kirche hat man es mit einer ‚Parallelgesellschaft‘ zu tun, bei der der Nutzen für den deutschen Staat ungleich größer ist als der Schaden, den sie anrichtet. Diese Glaubensbrüder bringen der deutschen Jugend im ganzen Land Sitte und Anstand bei, fördern mit dem demütigen Glauben an ein Höheres Wesen eine untertänige Gesinnung, was nicht zuletzt der Landesherrschaft der bayrischen CSU ihren unangefochtenen Bestand sichert. Da bedeutet es im Umgang mit den ‚Vorfällen in Regensburg‘ politisch behutsam zu sein, um die Kirche als nützliche moralische Autorität nicht unnötig zu beschädigen.“ Soweit Herr Keiner.

Noch eine Erinnerung an andere, durchaus ähnliche „Vorfälle“, die im Zuge der öffentlichen Erörterung ausführlich zur Sprache gekommen sind, jenseits der sadistischen Pfaffen in Regensburg: Da gibt es zB das Oktoberfest, bekanntlich integraler Bestandteil und sogar eine Feier der dt. Leitkultur und der bayerischen Identität. Man wurde u.a. darüber informiert, dass mehr oder weniger alkoholisierte Frauen, die irgendwo auf der „Wiesn“ einfach umkippen, dass die also damit rechnen müssen, vergewaltigt zu werden. Dieses Problems nimmt sich inzwischen die Security an, die es bei so einem Massenbesäufnis natürlich längst gibt: Die Frauen, sofern entdeckt, werden eingesammelt und an einen sicheren Ort verfrachtet, bis sie wieder halbwegs beieinander sind. Was daraus dezidiert nicht folgt, aber bei anderen Gelegenheiten so naheliegt, ist die folgende Umgangsweise: Es kam niemand auf die Idee, die männlichen Besucher vom Oktoberfest auszuschließen, sicherheitshalber – wenn Frauen im Schwimmbad von Asylwerbern belästigt werden, ist so ein Ausschluss hingegen eine offenbar sehr naheliegende Konsequenz. Es wurde auch kein verbindliches Werte-Training für gebürtige Bayern oder wenigstens für Oktoberfest-Besucher gefordert, wo also in einer Art von moralischem boot-camp den Bayern die Sitten und Gebräuche der Leitkultur dermaßen eingebläut werden, dass sie diese total verinnerlichen und gar nicht mehr anders können, als die „Würde der Frau“ zu respektieren, sogar im Zustand der Besoffenheit, wo der normale Mann bekanntlich den moralischen Halt auch mal verliert, weswegen Besäufnisse schließlich so beliebt und, bis zu einem gewissen Grad, gesellschaftlich toleriert sind. Diese Ideen kamen nicht auf – warum nicht, wo liegt der Unterschied?!

Der Unterschied ist das „Ausnutzen“: Die Hauptströmung der auf allen Kanälen und in allen Medien sofort losgetretenen Aufarbeitung hat „Köln“ von der ersten Sekunde an als Beweis für die Unhaltbarkeit der damaligen Flüchtlingspolitik genommen, also dafür, wie richtig die Dauerhetze gegen die Flüchtlingspolitik der Regierung immer schon war. Eingefordert wird eine Politik, mit der der Staat sein Treue- und Dienstverhältnis zum einheimischen Volk an den Fremden exekutiert, also seine Einheimischen von solchen Zugereisten verschont. Die damalige neue deutsche Asylpolitik war umstritten, der Regierungsbeschluss, ein größeres Quantum Asylsuchender aufzunehmen, trifft auf mehr oder weniger heftige Kritik, sowohl in der „politischen Klasse“ als auch im Volk – und von dem Standpunkt aus ist „Köln“ geradezu ein Glücksfall. Die davon so Begeisterten haben die Silvesternacht zwar nicht wirklich gebraucht, sie haben es alle schon vorher gewusst, und nun mit etwas widerwärtiger Euphorie ausgeschlachtet. Die Einwände gegen die neue Asyl-Politik lagen längst auf dem Tisch, und deswegen können die Aufgeregten nicht zufrieden damit sein, wie sonst und normalerweise mit solchen Taten verfahren wird, sofern einheimisch – nämlich schlicht polizeilich. Die Taten, die Gewalt gegen Frauen – sachlich gesehen ziemlich normal, deutscher, europäischer Alltag, wie man ihn kennt und offenbar trotz alldem schätzt – werden als Beweis für das genommen, was den Fremdenfeinden schon vorher bekannt war: Dass die Asylwerber anders sind, deswegen nicht zur Leitkultur passen, sondern eben „unverträglich sind, zwangsläufig kriminell“. Nun sind aber nicht nur die üblichen Ausländerhasser mit dem Thema befasst, auch dem Asylwesen und den Flüchtlingen durchaus wohlwollend gegenüberstehende Leute sind skeptisch bis nachdenklich bis kritisch bis verunsichert geworden und sehen sich zumindest einem Rechtfertigungs- oder einem Abgrenzungsbedürfnis gegenüber.
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Die Normalität: alles Routine …
Der erste, spontane Eindruck nach der Kenntnisnahme der „Vorfälle“ von Köln am Silvester: Da schau her, noch nicht so lang im Land, manche Asylwerber, und schon so hervorragend integriert, die Typen benehmen sich glatt wie echte Eingeborene, bis hin zur Vergewaltigung …

Das ist natürlich nur der erste Eindruck, und nicht die ganze Geschichte. Aber eines ist noch einmal festzuhalten: Nichts, was da zu Silvester in Köln passiert ist, ist besonders neu oder sensationell. Das ist deutscher, öst. und europäischer Alltag, Diebstahl und Raub; sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt; Provokationen der Polizei, wenn die nicht genügend Hundertschaften aufgeboten hat, wie an jedem Fußball-Wochenende. All das ist fester Bestandteil der Leitkultur, kommt jeden Tag vor, gehört in diesem Sinn einfach dazu. Für Diebstahl und Vergewaltigung gibt es, längst vorbereitet, die entsprechenden Formulare bei jeder Polizeidienststelle, das ist, um es mal pointiert zu formulieren, polizeilicher Alltag, das ist Routine. Klar – Vergewaltigung ist eindeutig verboten und verpönt, ist gesellschaftlich mehr oder weniger geächtet – und genau das ist mit einer Verhinderung, mit der Unterbindung derartiger Praktiken einfach nicht zu verwechseln. Da gilt für Vergewaltigung das, was für alle im Strafgesetzbuch aufgelisteten Übergriffe und Gemeinheiten gilt: Sie finden statt, es gibt sie. Sie sind Teil des Alltags und werden jährlich in der Kriminalstatistik erfasst. Das Verbot bestraft im Nachhinein die gesetzlich untersagte Tat, sofern der Täter erwischt wird – aber eben nachher. (In der Rechtspflege gibt es das Ideal der Generalprävention – die Strafen hätten generell einen abschreckenden Effekt; die regelmäßig publizierte Kriminalstatistik widerlegt das.)
Zur Vermeidung von Missverständnissen: Ist das eine Rechtfertigung oder Relativierung? Die Tatsachenfeststellung, dass Vergewaltigung normal ist, in dem Sinn, dass sie zur Leitkultur einfach dazugehört – wie und warum, das wäre noch zu klären – das ist zur Abwiegelei oder Relativierung oder Verharmlosung im Grunde genommen völlig ungeeignet. Die mögliche Fortsetzung – „Was regt ihr euch auf, ist doch alles normal!“ – die ist bodenlos; wenn dergleichen normal ist, dann wirft das eben ein eindeutiges Licht auf die Normalität, die ist offenbar ziemlich skandalös. Hier und heute soll erst mal darauf hingewiesen werden, wie unterschiedlich je nach politischem Interesse dergleichen abgehandelt wird – hochgespielt oder kleingeredet eben. Denn das sensationelle an „Köln!“ ist natürlich eine Angelegenheit jenseits des Domplatzes und außerhalb der Ereignisse selbst: Die sog. „Willkommenskultur“ ist gemeint; die steht nun am Pranger, und alle politisch vorgegebenen Positionen bedienen sich der „Vorfälle“: Von „die sind so“ – gemeint sind die Täter, gekennzeichnet mit den Attributen moslemisch / arabisch / asylsuchend / jung, in beliebiger Kombination und Gewichtung – bis zur Warnung vor „Verallgemeinerung“ und der Erwähnung von positiven Gegenbeispielen, dabei werden Syrer bevorzugt, die passen besser in die politische Großwetterlage. (Zu den „Ereignissen“ später.)
*
Die nationale Einordnung:
Einmal die Ausnahme, dann wieder die Regel – wie geht das?

Nun, einheimische Vergewaltiger gehören in diesem Verständnis, in dieser Sicht schon dazu, zum nationalen Kollektiv nämlich, und sie werden mit Fahndung und Bestrafung der rechtsstaatlichen Behandlung unterzogen, womit die Welt offenbar wieder in Ordnung wäre, zumindest im Mainstream der öffentlichen Meinung. Auch wenn, wie erwähnt, das mit Verhinderung nicht zu verwechseln ist. Die Täter sind Teil der Gesellschaft, die werden nach den Maßstäben dieser Gesellschaft behandelt und bestraft, womit die Geltung des Gesetzes anlässlich eines Rechtsbruchs bekräftigt wird – die Taten gehören aber in diesem Verständnis eigentlich nicht dazu, weil sie immerhin geächtet sind, die Taten sind Ausrutscher, werden als Entgleisungen, als Ausnahmen definiert, die über die Gesellschaft gerade nichts aussagen sollen, und die keinen Einwand gegen die Leitkultur begründen können. Auch wenn sie alltäglich sind; sie gehören nicht zum Wertebestand dieser Gesellschaft, sie gehören auch nicht zu deren Identität, weder zur Identität der Gesellschaft noch zur Identität der Täter – daher gibt es auch keine vergleichbare Forderung nach ordentlicher Umerziehung europäischer Männer. Ganz anders bei „Köln!“ Beim moslemischen / arabischen / asylsuchenden / jungen Mann sind sich zumindest größere Teil der Bevölkerung und Medien völlig sicher: Die sind einfach so, bei denen gehört so ein Benehmen einfach dazu, es ist Teil von deren Identität, es ist die Regel; deswegen gehört da der Ausschluss propagiert oder wenigstens eine radikale Werte-Dressur angesetzt, wobei diese angeblich anders gepolten Leute ordentlich geschliffen und tiefgreifend um-manipuliert gehören. Da gilt quasi immer die Kollektivschuld: Lokalverweise nicht gegen Individuen, die sich – angeblich oder wirklich – daneben benommen haben, wie das bei Einheimischen üblich ist, sondern gleich gegen Asylwerber insgesamt, unabhängig vom individuellen Verhalten. Warum das, woher dieser Unterschied?

Wer die Abstammung oder die Herkunft der Täter für die maßgebliche Frage hält, der geht von einer Ursächlichkeit der Abstammung für die Tat aus. Hier liegt die Verwechslung der Frage nach der Ursache mit der Frage nach der Herkunft vor – bzw. gilt die Frage nach der Ursache durch den Hinweis auf die Herkunft beantwortet. Offenbar sind für diesen Standpunkt die Übergriffe schon halb oder ganz erklärt, wenn er weiß, dass es sich um „arabischstämmige bzw nordafrikanische Täter“ handelt. Da macht sich die Überzeugung bemerkbar, dass Araber offenbar deutlich anders als die Menschen hier sind, anders als der gebürtige Deutsche, Österreicher, Europäer. Die arabische Herkunft steht dafür, dass welche zu einem Menschenschlag gehören, der sich durch Sitten auszeichnet, die hierzulande ungehörig sind. Diese Übersetzung der Herkunft in eine negative, sittliche abweichende Eigenschaft kommt in der Regel ohne nähere Untersuchung des Sachverhalts, der konkreten Täter und des angeblich sie bestimmenden „kulturellen Hintergrundes“ aus. Denn mit der gezielt aufgeregten Frage nach der Herkunft steht eben von vornherein fest, ob bzw. dass, wenn es sich um „Fremde“ handelt, deren Taten eigentlich nicht zu Deutschland passen – zu Deutschland mitten in Europa wohlgemerkt, mit seinen Frauenhäusern und regelmäßigen „Familientragödien“. Für so eine Überzeugung sind dann die Untaten von Köln der leibhaftige Beweis, dass dieser fremdländische Menschenschlag nichts anderes im Sinn hat als unsere guten Sitten zu untergraben, und dass es sie deswegen eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen. Mit der Gleichung fremd=böse wurde der Kölner Aufruhr genommen als die Heimsuchung der heimischen Gemeinschaft und ihrer ehrenwerten Gepflogenheiten durch eine anders- und abartige Kultur. Und diese Überzeugung: fremd = Böse, die hat man nicht aus den Kölner Ereignissen gewonnen, sondern das ist das Klischee, mit der man diese Vorfälle betrachtet und einordnet. Linke Kritiker nennen das gerne ein Vorurteil. Und da ist auch ja etwas dran. Stellt sich also die Frage, wie das geht, oder: Warum richtet der gegenläufige Hinweis, dass es sich auch bei den Taten von Köln um Einzelfälle handelt, die man nicht „verallgemeinern dürfe“, weil es sich um Vorurteile handle, warum richtet die Sorte Aufklärung so wenig aus? Dass man keine Vorurteile nicht haben soll, das ist ein Gemeinplatz, jahrelang gepredigt, niemand bekennt sich auch zu Vorurteilen – gerade die Ausländer- und Asylweberfeinde behaupten ja, es handle sich um Urteile, und nicht um Vorurteile. Was ist da los? Ausnahme oder Regel; „Identität“ vs. Ausrutscher – wie geht das?

Die Gleichung fremd = anders = abartig lebt davon, dass man sich als Deutscher, als Österreicher einem Kollektiv zugehörig sieht, das durch gemeinsame Sitten, durch eine gemeinsame Lebensart verbunden ist. Wie kommt man drauf? Darüber, dass es wirklich so ist!

Wenn man das Leben hierzulande mal nicht nach seiner sittlich-moralisch bedeutsamen Seite, in Form der Glorifizierung dessen, dass es sich um „unsere“ Sitten handelt, sondern nach der schnöden materiellen Seite ins Auge fasst, dann stellt man in erster Linie fest, dass sich die hiesigen Sitten und Gebräuche, der europäische „way of life“ jenseits aller bestimmten Einrichtungen und Handlungsweisen vor allem dadurch auszeichnet, dass da die Anpassung an, die Unterwerfung unter die hiesigen Gepflogenheiten und Institutionen verlangt ist. Man muss sich im Ausbildungswesen bewähren und durchschlagen, anschließend muss man sich am Arbeitsmarkt behaupten bzw. es wenigstens versuchen, und mit den Resultaten in Sachen Einkommen muss man dann schauen, wie weit man am Markt für Konsumgüter und am Wohnungsmarkt kommt. Das alles ist alternativlos, dafür sorgen die Eigentumsordnung und die staatlichen Zusatzveranstaltungen wie eben Ausbildung und Ehe; auch die Ausdrucksweise vom „Heiratsmarkt“ ist nicht zufällig verbreitet. Die Rede davon, dass „das Leben ist ein Kampf“ ist, die spielt durchaus auf die einschlägigen Erfahrungen im Alltagsleben an, in dem Bemühungen um Ausbildung, um Geld verdienen gilt, um eine Wohnung und sogar um eine Liebschaft von übergeordneten Instanzen oder Konkurrenten, die den eigenen Interessen im Wege stehen, konterkariert werden. Was man da erfährt, ist, dass man mit seinen Bemühungen, mit den Verhältnissen hierzulande zurechtzukommen, in ein System der Geldvermehrung eingespannt ist, was für den großen Teil der Gesellschaftsmitglieder heißt, dass sie, um für sich Geld zu verdienen, mit ihren Fähigkeiten und in der Regel mit viel Bescheidenheit sich als brauchbar für den Dienst an fremder Bereicherung erweisen müssen. Diesen äußeren Ansprüchen ist zu genügen, der unvermeidliche Ärger mit Vorgesetzten und Kollegen ist auszuhalten.
Man kann nun die Ungemütlichkeiten der kapitalistischen Erwerbsgesellschaft auf durchaus verwegene Arten und Weisen deuten, interpretieren. Man kann aus der eigenen Anpassung, zu der praktisch keine Alternativen vorgesehen sind, eine Gewohnheit machen, eine Selbstverständlichkeit im Grunde genommen, weil es halt nun einmal so ist, wie es ist. Man kann die Normalität, in die man eingespannt ist und die eigenen Bemühungen dabei, was man und frau in pflichtschuldigem Mitmachen praktisch erledigen, für normal halten und bewältigen – man kann die Normalität also ohne Zweifel als Norm deuten, als Regelwerk, quasi als Imperativ, dem man selber und alle anderen zu folgen haben, weil sich das eben so gehört, als Kanon – dessen Zwangscharakter man durch Gewöhnung längst zur Selbstverständlichkeit verklärt hat.

Wenn man alle diese Verwechslungen und Übergänge – Anpassung, Unterwerfung, Gewohnheit, Normalität, Norm, also Anstand und Sitte – wenn man alle diese Stellungen zu den Verhältnissen in jede beliebige Richtung und Reichenfolge verwechselt, sie zwar nicht unbedingt aufsagen kann, aber immerhin gefühlsmäßig alle miteinander in eins setzt, dann ist man angekommen, in dem, was man so Heimat nennt. Das ist nämlich keine Gegend, sondern die missbräuchliche Verwendung eines Possessivpronomens: Heimat besteht darin, dass man alles Mögliche und Disparate, was einem garantiert nicht gehört, als „mein“ interpretiert. Der Heimatbewusste schließt von seiner Anpassung an die hiesigen Umstände eben sehr verwegen darauf, dass die furchtbar gut zu ihm passen, also quasi extra für ihn und seine Selbstverwirklichung gemacht sind, also die seinen sind. In dieser verfremdeten Form akzeptieren Leute die – sachlich gesehen – Unterwerfung unter die von der hiesigen Obrigkeit erlassenen politischen und ökonomischen Richtlinien und deuten sie in Umkehrung des tatsächlichen Verhältnisses als Verwirklichung ihres eigenen Willens, ihrer Bedürfnisse – und als Realisierung ihrer Identität. Das ist sie dann, die Lebensart und die Leitkultur – eine Gemeinschaft mit einem eigenen Sittenkodex. Wer sich auf diese Weise zuerst mit den Verhältnissen identifiziert, der definiert dann auch seine Identität durch die Umgebung, durch die Verhältnisse, in denen er drinnen steckt, und will u.U. ein Recht, sein Recht darauf ableiten, dass die Lebensumstände so sind und bleiben, wie sie sind, weil er drinnen steckt und daher ein quasi natürliches Recht auf seine Umgebung hat, weil sie doch die seine ist; woraus klar ist, dass diejenigen, die nicht hierhergehören, eben nicht hierhergehören.
So verklären nicht wenige Leute die Methoden ihres Zurechtkommens zur „Lebensart“ und Leitkultur. Auf einer ganz abstrakten Ebene wird dabei festgehalten, dass es hierzulande so zuzugehen hat und nicht anders. Dass in den Sitten und Gebräuchen ein umfangreiches Vorschriftenwesen und dauernde Anpassung drin steckt, dass ordnende Gewalt und Unterordnung dazugehören, dass wird zwar ohne seinen wirklichen Inhalt, aber in abstrakter Form durchaus mitgedacht und mitgemeint. Viel wichtiger ist aber den Leuten, die sich so als ein Volk verstehen, die Fiktion unter die man die reale politische Identität subsumiert – das Bild einer ganz eigenen Gemeinschaft mit eigenem schönen Sittenkodex. Und diese Vorstellung von der nationalen Gemeinschaft, die lebt, die existiert vor allem mal in der Selbstverständlichkeit, mit der alle Welt den Plural „wir“ verwendet, wenn vom „eigenen Staat“, wenn von der Republik Österreich die Rede ist. Das normale, gewöhnliche, unspektakuläre „Wir“ transportiert das Bild von der Community, in der alle gut bedient wären und auf ihre Kosten kämen – wenn sich alle und vor allem alle anderen an das halten würden, was sich gehört.
Damit steht auch der wesentliche Befund über Fremde, Ausländer und Flüchtlinge fest – ziemlich gleichgültig dagegen, was die tatsächlich in Europa machen oder nicht: Die haben sich nicht von klein auf den hiesigen Sitten unterworfen, die sind nicht so angepasst worden wie „wir“ – sie sind also nicht so wie „wir“, haben Sitte und Anstand nicht so verinnerlicht wie „wir“, sind also in dem Sinn ein Anschlag auf die hiesige Moral bzw. zumindest zu allem fähig. Leute, die nicht schon immer „dazugehören“ – woran auch immer das festgemacht wird –, die stehen im Verdacht, nicht fähig und/oder nicht willens zu sein, sich an das zu halten, was sich hierzulande gehört. Der Verdacht sucht und findet dann seine Belege, und das wird durch „Köln“ nur noch aktualisiert. Wem irgendwie anzusehen oder anzumerken ist, das er „woanders herkommt“, der ist allein im Unrecht dadurch, dass er hier ist. Fremde Gebräuche – es sei mal dahingestellt, ob Einwanderer wirklich so anders leben wie Einheimische in den entsprechenden sozialen Lagen – werden nicht als auch eine Variante der Lebensbewältigung aufgefasst, sondern als Verstoß gegen die eigene, als Verweigerung von dem, was sich gehört. Spätestens an den Ansprüchen gegenüber Fremden auf „Integration“ wird über die einheimischen Sitten wie-der eines überdeutlich: Sie haben den Zwangscharakter von Pflichten, den Charakter einer Unterordnung. Sie sind eben nicht einfach ein zweckmäßiger Weg, die eigenen Interessen zu verfolgen, sondern stehen oft genug im Widerspruch zu dem, was man möchte. Anständig zu sein, das ist anstrengend, und sich an das zu halten, was sich gehört, geht oft auf Kosten der eigenen Interessen.

Öffenen Fragen:
- Die Ereignisse der Sivesternacht von Köln
- Die Fortschritte der Flüchtlingspolitik
- Die hier üblich "Gewalt gegen Frauen" bzw. "in der Familie"