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Sendung vom 28.02.2017 11:00:

Polemik gegen den 8. März

Polemik gegen den 8. März: Die jährliche Frauenverarschung

Kein Kommentar am Dienstag, den 28.2.

Die heutige Sendung ist ein polemischer Beitrag zum 8. März nächste Woche, zum internationalen Frauentag. Es geht um die rund um dieses Datum rituell veranstaltete Meinungsbildung, wie sie von Politik und etablierten Medien in schöner Eintönigkeit betrieben wird – und jährlich grüßt das Murmeltier. Diese rituelle Debatte wird in diesem folgenden Beitrag kritisch als „Frauenverarschung“ charakterisiert, und das soll natürlich argumentiert und bewiesen werden. Falls sich RadioproduzentInnen oder RadiokonsumentInnen betroffen fühlen, dann ist die diesbezügliche Auseinandersetzung selbstverständlich erwünscht. Einwände, Kritik, Ergänzungen sind ausdrücklich willkommen.

Die Ausgangslage bezüglich der Geldfrage ist bekannt: Frauen verdienen erheblich weniger Geld als Männer, natürlich nicht in jedem individuellen Vergleich, sondern durchschnittlich. Aber diese Tatsache wird zum Jahrestag nicht nur erwähnt, sondern auf eine sehr seltsame Weise kommentiert: Es wird behauptet oder es ist unterstellt, das sei sowohl sachlich unangemessen als auch moralisch ungehörig, das passe also nicht zu den üblichen Gesichtspunkten von Lohn und Leistung, und sei daher in jeder Hinsicht inakzeptabel.

Das Paradoxe an der jährlichen Empörung besteht nun darin, dass in den Hintergrundberichten diese These vom Widerspruch, die These von der ungerechten, von der grundlosen, auf Vorurteilen basierenden Ungleichheit schlagend widerlegt wird. Und deswegen verdient die alljährliche „Frauen-verdienen-weniger“-Sause die Bezeichnung „Frauenverarschung“.

Im „profil“ vom 12.2. dazu folgendes:
„Vergleicht man nur die Bruttojahreseinkommen auf Basis der Lohnsteuerdaten, verdienten unselbständig beschäftigte Frauen in Österreich … 2014 um 38,9 Prozent weniger als Männer. … Dieser Vergleich ist aber nur bedingt sinnvoll, weil Frauen wesentlich häufiger in Saison- oder Teilzeitbeschäftigungen arbeiten als Männer. Aber auch im Vergleich der ganzjährig Vollzeitbeschäftigten verdienen Frauen … um 18 Prozent weniger als Männer. Die EU berechnet den ‘Gender Pay Gap’ … wiederum nach durchschnittlichen Bruttostundenverdiensten in der Privatwirtschaft und kommt dabei für Österreich auf eine Differenz … von 22,2 Prozent. … Ein gewisser Teil des Gender Pay Gap lässt sich übrigens durch geschlechtsspezifische Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt erklären: Frauen arbeiten überdurchschnittlich oft in unterdurchschnittlich bezahlten Branchen. Der Großteil der Einkommensdifferenz bleibt aber, zumindest für Statistiker, weiterhin unerklärlich.“

„Unerklärlich“ – auch ein zentrales Stichwort der Verarschung. Kann schon sein, dass das für Statistiker unerklärlich ist, aber nicht, wenn man eine Ahnung von Politischer Ökonomie hat.

Noch einige öffentlich zugängliche Hinweise: „Frauen sind in Österreich deutlich weniger in Führungspositionen vertreten, haben weit mehr Jobs mit geringerem Einkommen: ‘Das Land ist noch eher darauf ausgerichtet, dass Frauen hauptsächlich für die Hausarbeit zuständig sind’, weiß Ingrid Moritz, Expertin der Arbeiterkammer.“ (Ein Zitat aus 2016) Fast jede zweite Frau in Österreich arbeitet Teilzeit, aber nur jeder zehnte Mann; bei Frauen mit Kindern sind es sogar ca. zwei Drittel. Der Vorwurf der Verarschung bezieht sich auch auf Auskünfte wie: „In allen 28 EU-Ländern verdienen Frauen weniger als Männer – warum eigentlich immer noch?“ (Krone 2016) Das „immer noch“ erfüllt den Tatbestand der Verhöhnung, da wird so getan, als sei das ein überholter, völlig unzeitgemäßer Zustand, der so gar nicht in die Gegenwart passt.

Dabei ist der der Grund für die Lohndifferenzen erklärt und bekannt, er besteht in der unterschiedlichen „Erwerbsbiographie“, wie das auf soziologisch genannt wird: Frauen unterbrechen die Berufstätigkeit, zuerst durch die Karenz, und arbeiten anschließend häufiger Teilzeit, wegen der Kinder – „nicht immer freiwillig“, wie dazu gern vermerkt wird. Es gab im vorigen Jahrhundert sogar ein „Frauenvolksbegehren“, damals wurde u.a. ausdrücklich ein „Recht auf Teilzeitarbeit“ gefordert, wg. dieser berühmten Vereinbarkeit von Beruf und Familie; ein paar Jahre später wurde dann die sog. „Teilzeitfalle“ entdeckt und thematisiert. Wie dem auch sei, ob freiwillig oder unfreiwillig – im Kapitalismus ist Teil-Zeit natürlich Teil-Geld und damit Teil-Einkommen; also liegt kein Verstoß gegen, sondern ein Resultat von Gleichbehandlung vor. Diese Unterbrechungen durch Karenz bzw. die Jahre der Teilzeitarbeit, die summieren sich zu erklecklichen Unterschieden, zuerst in weniger „Dienstjahren“, dazu kommen natürlich die verminderten Karrierechancen, also das Hängenbleiben in den unteren Etagen der Berufs- und Betriebshierarchie; nachdem frau – durchschnittlich – dem Betrieb nicht so bedingungslos und teilweise auch in der Freizeit zur Verfügung steht, wie das heute erwartet wird.

Also entspricht es schon der Normalität im Kapitalismus, wenn frau unter diesen Umständen weniger verdient – von Grundlosigkeit, von längst überholten sog. „Vorurteilen“, von einem Widerspruch zu den gültigen Prinzipien von Bezahlung –, davon kann nicht die Rede sein.

Nachdem das alles kein Geheimnis ist, sondern gerade im Umkreis des 8. März ständig besprochen wird, wurde längst versucht, diese Gesichtspunkte zu berücksichtigen und beim Vergleich der Geschlechter in Sachen Lohn herauszurechnen:
„Wenn man sich in die Materie vertieft, finden sich nur wenige Beispiele, bei denen zwei in ihrer Ausbildung, Erfahrung und Persönlichkeit gleiche Personen in derselben Branche und im selben Job landen, und einer nur deshalb mehr verdient, weil er ein Mann ist.“ Soll heißen, gleiche Branche, gleiche Laufbahn, etwa gleicher Lohn. „Sehr wohl gibt es aber Hinweise dafür, dass gleich gut qualifizierte Frauen einen Job nicht kriegen, weil Unternehmer befürchten, dass sie durch eine Schwangerschaft bald einmal für einige Zeit weg sein könnten. Das ist genau genommen verboten, aber selten nachweisbar.“ (STANDARD 5./6. 3.2016)

Das „profil“ hat, vor mittlerweile fünf Jahren, einen Artikel publiziert: „Löhne: Die Wahrheit über die Ungleichheit“, und dabei Ähnliches wie der STANDARD berichtet: „Frauen und Männer verdienen in Österreich bei gleicher Arbeit ähnlich viel“; und „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit nahezu erreicht“ (profil 14/2012) Das Magazin wollte damit den „Mythos der geöffneten Lohnschere“ korrigieren, was naturgemäß nicht gelingen konnte, weil der Witz der Debatte gar nicht eine sachliche Klärung der Angelegenheit ist, sondern die erwähnte Frauenverarschung.

Wenn Statistiker alles erwerbsbiographisch Bedingte herausrechnen, bleibt noch der – für Statistiker – „unerklärliche“ Rest. Das banale Interesse der Betriebe, möglichst wenig zu bezahlen und ständig zu testen, ob sie damit durchkommen, das bleibt in der ganzen Affäre übrigens ebenso unterstellt wie ausgeklammert. Dieses Interesse gilt ja in der Tat bei männlichen Beschäftigten genauso. Aber: Dieser bleibende Teil der Differenz – der „unerklärliche“, was so viel bedeuten soll wie „ungerechte“ und nur durch sogenannte „Vorurteile“ bedingte –, das ist der Frauen- bzw. der Müttervorbehalt. Dieser Vorbehalt besteht in der Vorstellung der Arbeitgeber, dass Frauen generell weniger verfügbar und weniger leistungsfähig sind, und ihnen wegen dieser mangelnden Zuverlässigkeit weniger gezahlt gehört – und dieser Standpunkt ist eben ein Vorbehalt, aber alles andere als ein Vorurteil. Dazu zwei Stellungnahmen, aus vielen gleichlautenden herausgegriffen:

„Das würde sich kein Mann trauen: Die Chefredakteurin der britischen Vogue, Alexandra Shulman, ärgert sich in einem Interview mit der Times über ‘Mütter, die ein Jahr in Karenz gehen und danach wieder schwanger werden’ und bezeichnet das als ‘frustrierend für das Unternehmen’. Shulman prägt seit 23 Jahren die britische Vogue und war bereits vier Monate nach der Geburt ihres Sohnes wieder im Büro.“ (KURIER 30.6.2015)

Vogue, das ist übrigens eine sog. Frauenzeitschrift, so wie in „der Teufel trägt Prada“, also da geht’s um Klamotten, Frisuren, Schminktipps und Schuhe und so Zeug eben, und das einzig Bemerkenswerte ist, dass sich da eine Frau traut, Klartext zu reden und dass diese Frau den ansonsten heutzutage gern weggeheuchelten, aber praktisch sehr gültigen Standpunkt der Wirtschaft ungeschminkt verlautbart. Eine ähnliche Auskunft aus dem „profil“, auch einige Jahre alt, aus dem Jänner 2012:

„Die Zahl der Väter auf Babypause steigt an. Nicht wenige Arbeitgeber reagieren beleidigt, wenn Männer sie für ein Kind im Stich lassen – und degradieren die Väter. … Viele Männer, die in Karenz gehen, werden gemobbt, degradiert oder schnellstmöglich gekündigt. Eine absurde Variante von Gleichberechtigung, die niemand wollte – wenn Väter genauso schlecht behandelt werden wie Mütter.“

Dem profil entgeht hier die tatsächliche Pointe der Forderung nach Gleichberechtigung, denn diese ist doch auch durch eine gleich schlechte Behandlung beider Geschlechter erreicht – warum sollte denn die Forderung nach Gleichheit oder Gleichberechtigung immer auf eine Verbesserung hinauslaufen; beides ist doch, Hauptsache „gleich“, auch durch eine Nivellierung nach unten machbar! – Es gibt offenbar „noch immer“ die weitverbreitete Ansicht, die moderne Arbeitswelt sei irgendwie darauf ausgerichtet, es Männern recht machen zu wollen, und der zitierte Vorbehalt gegen die Ausübung der Mutterfunktion hätte nichts mit den Ansprüchen der Betriebe zu tun, sondern läge an einer völlig grundlosen Abneigung gegenüber Frauen … Das Gegenteil trifft zu: Sobald Männer Funktionen übernehmen, die bislang den Müttern vorbehalten waren, trifft auch sie der erwähnte Vorbehalt.

Der Grund für den „Gender Gap“ beim Geld besteht also in der Gewissheit, dass Frauen neben dem Beruf noch andere Pflichten haben, die Familie und die Kinder nämlich, und deswegen nicht ebenso rücksichtslos benutzbar sind, wie das vom Arbeitnehmer verlangt und erwartet wird. Frauen sind also in der Tat weniger leistungsfähig, und das liegt nicht daran, dass Frauen weniger leistungsfähig sind: Sie sind es, weil sie auch noch andere Pflichten haben! Im Durchschnitt. Die Doppelbelastung wird hier den Frauen zum Vorwurf gemacht bzw. als Vorwand für Lohndrückerei benutzt, so wie den Arbeitgebern jeder diesbezügliche Vorwand recht ist, solange sie damit durchkommen.

Die täglichen Erscheinungsformen dieser Doppelbelastung, also dieser verminderten Brauchbarkeit für die Firma sind ebenfalls allgemein bekannt und diskutiert: Wenn der Kindergarten zusperrt und Frau deswegen weg muss, dann sind Überstunden eben nicht problemlos abzurufen; wenn das Kind krank wird und betreut werden oder von der Schule abgeholt werden muss, dann ist – in der Regel – schon wieder frau gefordert, und muss das im Job und mit dem Job irgendwie hinkriegen, auch als Zusatzaufwand bei der Mobilisierung von Verwandten. Diese verminderte, durch zusätzliche Pflichten behinderte Verfügbarkeit für das Unternehmen wird gewissermaßen in den Lohn „eingepreist“, wie man das im Börsianerdeutsch nennt. Praktisch wird das alles abgewickelt über die Einstufung in der Lohnhierarchie; es gibt hierzulande bekanntlich ein sehr ausdifferenziertes Lohngefüge mit vielen verschiedenen Einstufungsmöglichkeiten, und da versucht das Kapital seine Möglichkeiten auszureizen. Aktuell ist das übrigens ein Thema wegen der Forderung der Unternehmen nach dem problemlos abrufbaren 12-Stunden-Arbeitstag. Der ÖGB addiert die damit verlangte Umverteilung von unten nach oben auf 1,5 Mrd. jährlich – und die Zumutung, auf Abruf länger zu arbeiten und weniger zu verdienen, diese Zumutung kommt hauptsächlich durch den warnenden Hinweis in die öffentliche Debatte, dass es für Frauen dann noch schwerer wird, Kinder und Karriere, Familie und Beruf irgendwie zu vereinbaren.

Das einzig vorurteils-mäßige, das „Ungerechte“ in der Angelegenheit ist die Subsumtion des Individuums Frau unter die Dienste der Gattung Frau; frau wird üblicherweise ganz generell und ohne Prüfung des Einzelfalls als jemand mit anderen, zusätzlichen, hinderlichen Pflichten genommen. Das, was Männer derzeit individuell trifft, wenn sie in Karenz gehen, der Vorwurf, andere Pflichten oder Neigungen wichtiger zu nehmen als den Job, was sich dann auf die betriebliche Wertschätzung, auf Gehalt und Beförderungen auswirkt, das trifft Frauen kollektiv. Die Herren ArbeitgeberInnen verschmähen die Frauenarbeit nicht, sie wird eben schlechter bezahlt, wenn’s irgendwie geht. Im Lohn spiegelt sich ja nicht nur das Interesse des Lohnzahlers an der Tätigkeit selbst, sondern auch die Verfügbarkeit, die Freiheit im Umgang mit Überstunden und Zusatzaufgaben. Und gefragt werden darf eine Frau heutzutage nicht mehr – früher war es durchaus üblich, Frauen beim Bewerbungsgespräch nach Schwangerschaft und Kinderwunsch zu fragen, und eine ehrliche Antwort wurde gegebenenfalls gegen die Kandidatin verwendet; das ist heute nicht mehr erlaubt.

Noch ein aktuelles Beispiel. Im „profil“ vom 20.2. skizziert Elfriede Hammerl ein Paar mit Kindern, genannt Adam und Eva:
„Adam und Eva haben beide studiert, danach haben sie beide einen Job bekommen und gut verdient, Adam allerdings etwas besser als Eva, denn wie das Leben so spielt, hat ihm sein Studienabschluss bald eine Leitungsposition beschert, Eva hingegen nicht. … Adam hat wie Eva einen Abschluss in Betriebswirtschaft, aber aus nicht näher definierten Gründen war Eva offiziell nicht Abteilungsleiterin, obwohl sie de facto ihre Abteilung geleitet hat. Nach Evas Abgang wurde diese offenkundige Ungerechtigkeit auch prompt korrigiert, ihr Nachfolger bekommt jetzt ein Abteilungsleitergehalt; Eva wurde also gewissermaßen im Nachhinein rehabilitiert, was sich allerdings blöderweise nicht auf ihrem Konto niederschlägt. Seit Adam und Eva Kinder haben, ist aber ohnehin alles ganz anders, denn Eva arbeitet jetzt Teilzeit.“

Mit anderen Worten, die Firma hat von ihrem Standpunkt aus ökonomisch rational gehandelt: Wozu denn eine Frau befördern, die sich über kurz oder lang womöglich ganz oder in die Teilzeit verabschieden möchte?! Noch einmal die Erinnerung im STANDARD:
„Sehr wohl gibt es aber Hinweise dafür, dass gleich gut qualifizierte Frauen einen Job nicht kriegen, weil Unternehmer befürchten, dass sie durch eine Schwangerschaft bald einmal für einige Zeit weg sein könnten. Das ist genau genommen verboten, aber selten nachweisbar.“ (STANDARD 5./6. 3.2016)

Weiter im profil-Text:
„Das (die Teilzeit) entspricht nicht ganz ihrem ursprünglichen Plan, der vorsah, dass sie ihre Karriere auch als Mutter fortsetzen würde, doch die Realität weicht eben manchmal von dem ab, was man sich in jugendlicher Ahnungslosigkeit so alles ausmalt. In der Theorie schien es ganz einfach: Adam und sie würden sich Haushalt und Kinderbetreuung gerecht teilen und ihre Berufstätigkeit gleichermaßen darauf abstimmen. Hat jedoch nicht funktioniert. Die Arbeitswelt ist auf Halbe-Halbe nicht eingerichtet. Bei mir heißt es ganz oder gar nicht, sagte Adam, der in seiner Firma gar nicht erst nach anderen Lösungen fragte, weil er wusste, dass es sie nicht geben würde. Und dann bezog er ja auch das höhere Gehalt. Es zu gefährden, wäre verrückt gewesen.“

Das alles ist jedenfalls für niemand ein Geheimnis, in den Beiträgen zu den unterschiedlichen „Erwerbsbiografien“ anlässlich des Internationalen Frauentages wird das alles breitgetreten und erörtert. Ebenso bringt sich die zuständige Ministerin in aller Regel nach ca. fünf Minuten in die Debatte ein, mit der Forderung, es müsse mehr getan werden, um die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ zu erreichen – ja, aber dann wird es schon an der diesbezüglichen Unvereinbarkeit liegen! Insofern fällt es schwer, da an die „jugendliche Ahnungslosigkeit“ zu glauben, wie im obigen profil-Zitat. Erstaunlich ist also mehr das hartnäckige Gerücht, dass so eine Lohndifferenz den in der Marktwirtschaft gültigen Kriterien von Lohn und Leistung widerspräche, und insofern grundlos oder vorurteilsbasiert sei. Erstaunlich ist, dass es die jährliche Debatte überhaupt gibt. Was ist die Leistung der Debatte?

Eröffnet wird die Bearbeitung des Themas mit einer heutzutage erstaunlichen Bereitschaft in Politik und Öffentlichkeit, Frauen so etwas wie ein Recht auf Unzufriedenheit zuzugestehen, und das, wo allerorten Abstriche, Gürtel-enger-schnallen und Bescheidenheit angesagt ist; bei der Mindestsicherung, bei den Pensionen; generell wird beim Lebensstandard abhängig Beschäftigter gegen jede Vorstellung „wohlerworbener Rechte“ gehetzt, werden unter dem Titel „Reformen“ Maßnahmen gefordert, die alle auf eine Senkung der Einkommen und des Lebensstandards hinauslaufen. Aber Frauen sollen und dürfen ein Anspruchsdenken ganz eigener Art pflegen. Dieses Recht auf Unzufriedenheit wird aber gar nicht den Frauen überlassen, sondern gleich mit Leben gefüllt, von hauptamtlichen InterpretInnen der weiblichen Unzufriedenheit: Kind und Karriere, Familie und Beruf soll es schon sei, mit anderen Worten, die propagierte, erwünschte weibliche Anspruchshaltung gilt der Doppelbelastung; soweit die erste Verarschung.

Der nächste Schritt beseht in der Betonung, dass Frauen es dabei ganz schön schwer hätten, allerdings mit der völlig verdrehten Unterstellung, dass das ein Problem sei, an dessen Behebung ohnehin längst gearbeitet würde, so dass die ständige Betonung, dass Frauen es schwer hätten, quasi der erste Schritt zur Abschaffung der Erschwernis wäre. Die diesbezügliche Verarschung fasst sich in den zwei Worten zusammen: NOCH IMMER verdienen Frauen deutlich weniger als Männer. Das tut so, als sei das ein Relikt, das in der Auflösung begriffen sei – und das seit Jahrzehnten! Nachdem davon nicht die Rede sein kann, bleibt von der ständigen Beteuerung, dass Frauen es dabei schwer haben, nichts als die Anerkennung der Frau als einer Spezies, die es schwer hat, der Status als Heldin der Doppelbelastung, sozusagen. Und aus. Das war es, da kommt nichts mehr dazu.

Nächster Punkt der Verarschung betrifft die Ursachenforschung: Da wird einerseits aufgelistet, was denn Frauen unhandlicher macht, für „die Wirtschaft“ nämlich, eben die zusätzlichen Pflichten in Bezug auf Kinderbetreuung – und andererseits soll es sich bei den Konsequenzen für die berufliche Laufbahn und den Lohn um Vorurteile handeln, um falsche Einstellungen, die in der modernen Zeit eigentlich keinen Platz hätten. Kurz, die Grundrechnungsarten der Marktwirtschaft sind ständig unterstellt, wodurch Frauen genau wie Männer als Kosten- und Leistungsfaktoren behandelt werden, das alles ist bekannt, und dann kommt der Freispruch: Ausgerechnet die ökonomische Kalkulation der Firmen, die Löhne zahlen, die sollen mit dem Ergebnis, soweit es Frauen betrifft, dann doch wieder so gut wie nichts zu tun haben.

Was in dieser Debatte völlig ausgeklammert ist und bleibt, weil es ja mit Gerechtigkeit wirklich nichts zu tun hat, das ist ausgerechnet die Hauptsache, nämlich erstens: Wie viel Lohn bräuchte frau denn für ein anständiges Leben, wo beginnt ein ordentlicher Lebensstandard? Zweitens: Was muss frau denn dafür tun; verhindert Belastung und Verschleiß und Stress nicht ohnehin die Lebensqualität und reduziert die Freizeit auf die Notwendigkeiten der Regeneration und Reproduktion? Das, was zählt an Lohn und Leistung – wie viel braucht denn frau für ein gutes Leben und wieweit muss frau sich im Job aufreiben, das kommt in der Gleichheits- und Gerechtigkeitsdebatte gar nicht vor. Zu Recht, denn wer Gleichheit und Gerechtigkeit fordert, hat sich davon eben längst verabschiedet.

Der Witz der Verarschung besteht darin, dass bei der Doppelbelastung der Frau die Ansprüche von Wirtschaft und Staat auseinandertreten, und dass deswegen „die Wirtschaft“ ausnahmsweise nicht das allerletzte Wort auf ihrer Seite hat: Wenn sonst Forderungen wie Mobilität und Flexibilität und die Bereitschaft zu immer längerer Arbeitszeit völlig anerkannte und automatisch gültige Ansprüche der Wirtschaft sind, dann haben Frauen mit Zusatzpflichten eben den Nachteil, dass sie weder besonders flexibel noch mobil sind: Wer bekindert ist, ist behindert. In dem Fall kollidieren aber die Anforderungen der Wirtschaft mit denen des Staates: Kinder sollen schon sein, von Staats wegen nämlich, und deswegen ist ideell anerkannt, dass das vor allem Frauen vor schwere Probleme stellt!

Worin besteht das staatliche Interesse, und warum subventioniert die öffentliche Gewalt den Nachwuchs? Da wird jedenfalls nicht das Hobby von kinderlieben Eltern finanziell unterstützt, mit den diversen Karenz- und Kindergeldern, an denen ständig herumreformiert wird, weil sich das Gebärverhalten der öst. Frau nicht so entwickelt, wie das von Staats wegen gewünscht wird. Es geht, kurz gefasst, um die Reproduktion der Staatsbürgerrasse! Menschen gibt es ja genug, nicht wenige so verzweifelt, dass sie das Leben riskieren, nur um nach Europa und Österreich zu kommen, und hier irgendwie zu Geld zu kommen – könnten statt der Eingeborenen da nicht Zuwanderer einbezogen werden?! Was ist der Vorteil der Hiesigen bzw. der Nachteil der Migranten, vom Staatsstandpunkt aus, und warum ist Migration immer nur die zweit- und drittbeste Lösung? Es geht um die nationale Zugehörigkeit und damit um die nationale Verlässlichkeit als quasi natürliche, angeborene Eigenschaft. Die Eingeborenen gelten – und das ist ein staatlicher Anspruch, nicht bloß ein Vorurteil! – als beliebig strapazierbar, in Frieden und Krieg, weil sie die Welt von klein auf nur als „WIR“ zur Kenntnis nehmen, als „unser“ Land, weil sie das und nichts anderes gewohnt sind: Die Migranten hingegen kommen aus Berechnung, die wollen ein besseres Leben, die denken also an sich – die Hiesigen hingegen gehören einfach hier zum Inventar, komme, was da wolle. Die Familie ist tatsächlich die „Keimzelle des Staates“, des hiesigen natürlich, sie ist die physische und sittliche Reproduktion des Volkskörpers, wobei „Familie“ nicht am Trauschein hängt. Moderne „Rassenpolitik“, oder Bevölkerungspolitik geht so: Kinder sollen sein, und Geldverdienen muss sowieso sein; also folgt die Anerkennung der Frau als doppelt geforderte Spezies; und diese Anerkennung ist auch schon der schönste und vor allem der einzige Lohn, das leistet die jährliche Kampagne um den 8. März.

Zum Schluss die gute Nachricht. Jetzt kommt endlich etwas Positives, es kommt eine realistische, praktikable, hier und heute durchführbare Lösung: Wenn das Problem darin besteht, dass Frauen weniger verdienen als Männer, dann besteht die Lösung aus zwei Komponenten: Erstens – ein Job im öffentlichen Dienst, denn beim Staat gibt es ein transparentes Gehaltsgefüge und obendrein eine positive Diskriminierung: Wenn sich zwei gleich qualifizierte Personen um eine Stelle bewerben, dann bekommt die Frau gegenüber einem Mann den Zuschlag, derzeit. Zweitens: Keine Kinder, dann entfallen auch die Lücken in der Erwerbsbiographie und die Phasen der Teilzeitbeschäftigung. – Wie gesagt, wenn die Welt des Kapitalismus ansonsten in Ordnung ist, wenn das Problem darin besteht, dass Frauen weniger verdienen – dann ist das die Lösung.