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Sendung vom 27.03.2012 11:00:

Die deutsche Presse über die rechtsradikale Mordserie und die ‚Pannen‘ der Behörden

Die deutsche Presse über die rechtsradikale Mordserie und die ‚Pannen‘ der Behörden. Tote Einwanderer verlangen eine Runde Schämen für Deutschland


Die deutsche Presse über die rechtsradikale Mordserie und die ‚Pannen‘ der Behörden. Neun tote Einwanderer verlangen eine Runde Schämen für Deutschland

Nachdem die zehnjährige Mordserie an Immigranten türkischer und griechischer Herkunft eher nebenbei als Tat rechtsextremer Gewalt aufgedeckt worden ist, ruft die deutsche Politik den „Kampf gegen den rechten Terror“ aus. Daran knüpft sie die Frage, wie es überhaupt um die geistige Verfassung des Volkes in Sachen Ausländerhass bestellt ist? Die deutsche Presse leitet daraus für sich den Auftrag ab, sich um die diesbezügliche Gemütslage des deutschen Volkes zu kümmern.

Deutsche Journalisten definieren echten Patriotismus:
garantiert nicht tödlich und immer respektvoll zu den Opfern

In einer ausführlichen Hintergrundreportage erzählt die Süddeutsche Zeitung vom 13.12.2011 eine „unfassbare Geschichte“: „Im Sommer 2000 erschießen die Neonazis aus Zwickau den Blumenhändler Enver Simsek.“
„Simsek arbeitet fleißig in seiner neuen Heimat. Jeden Montag sitzt er im Auktionsraum der Blumenbörse, der einem Hörsaal gleicht; muss sich auskennen und gute Nerven haben. Enver Simsek kann das... Erst kauft er nur für sein kleines Geschäft, bald beliefert er auch andere ... Enver Simsek hat an Umfang und Selbstbewusstsein zugelegt; da lächelt einer in die Kamera, der etwas vorzuweisen hat ... Die Familie war das Wichtigste, und hilfsbereit war er auch... ‚Ist doch alles für euch‘, hat Enver Simsek gesagt. Fürs Internat, für die Zukunft, das Haus in der Türkei.“
Die Zeitung malt die Einzelheiten eines Lebens aus, das nach allen gültigen Maßstäben schlicht vorbildlich ist: Tüchtiger Geschäftsmann, zugleich ein pflichtbewusster und liebevoller Familienvater; einer, der will, dass seine Kinder in Deutschland nicht nur groß werden, sondern dieses Land ‚annehmen‘: „Sie fahren durch Deutschland, die Eltern, die beiden Kinder. Ihr sollt das Land kennenlernen, sagt er.“ Einer, der sich mit seinen Sitten in seiner neuen Heimat wohlfühlt – „grillen kann keiner wie Enver Simsek“ –, und für den auch seine aus der Türkei mitgebrachte Religiosität zum Leben hier dazugehört: „... das Ehepaar bei der Hadsch, der Wallfahrt nach Mekka, sie mit Schleier, er im weißen Gewand. Er war ein frommer Mann, sagt die Tochter.“ Bleibt die Frage, warum sich die SZ dermaßen in die Einzelheiten des Sittenbilds der Familie Simsek vertieft, obwohl sie doch sicher nicht meint, ein weniger anständiger Mann hätte den Tod durch die Hand von Nazis verdient.
Erstens führt die SZ mit der detaillierten Schilderung des Opfers vor, wie ignorant diejenigen sind, die Enver Simsek nach Meinung der Süddeutschen allein darum gehasst und getötet haben, „weil er dunkle Haare und dunkle Augen hatte und einen Namen, der fremd klingt in Deutschland.“ An Familie Simsek und ihrem Schicksal zeigt sich für die SZ, wie übel so eine Gesinnung ist, „die Menschen, die aussehen wie Enver Simsek, für lebensunwert hält.“ – wo so ein Mensch doch bestimmt unter das lebenswerte Leben fällt. Es bleibt nicht dabei, dass Familie Simsek zum Opfer von xenophob-ignoranter Mordlust wird: Von Anfang an ermittelt die Polizei einseitig in Richtung ‚Türken-Milieu‘, alle Hinweise auf eine ‚Tat mit fremdenfeindlichem Hintergrund‘ werden nur halbherzig verfolgt oder ignoriert. Auch in diese Betroffenheit der Familie Simsek fühlt sich die SZ ein:
„Es ist schlimm, wenn einem der Vater stirbt; es ist doppelt schlimm, wenn er Opfer eines Verbrechens wird... Noch einmal traumatisierend ist es, wenn die Opfer einer solchen Tat nicht Opfer sein dürfen. Wenn ihnen statt Mitleid und Solidarität Distanz und Misstrauen entgegenschlagen.“
Zweitens also klagt die SZ an – nachdem sie es jetzt im Nachhinein, wie alle anderen auch, besser weiß –, dass die türkische Einwandererfamilie der gleichen Ignoranz, die sie auf Stereotype wie „Türkenmilieu“, „Rauschgift-Mafia“, „Ehrenkodex“ … reduziert, nicht nur bei Rechtsradikalen, sondern auch bei den Vertretern des Staates begegnet. Sie registriert einen gesellschaftlichen Konsens genereller Verachtung gegenüber türkischen Einwanderern, bemerkt als allgemein durchgesetzte Stellung gegenüber Türken die reflexhafte Subsumtion dieser Leute unter lauter Stereotype, die von „verdächtig“ bis „lebensunwert“ reichen, und die offensichtlich ganz ohne Kenntnisnahme von ‚Einzelschicksalen‘ auskommt – und setzt all dem ihr exemplarisches „Schaut doch mal hin!“ entgegen.
Was die SZ damit garantiert nicht leistet, ist eine irgendwie geartete Kritik der von ihr ins Visier genommenen Gesinnung. Denn den Gehalt der rassistischen Urteile thematisiert sie nicht, wenn sie diese mit einem positiven Gegenbeispiel konfrontiert. Der SZ-Autor geht ausdrücklich davon aus, dass sich diese Urteile nicht einer Anschauung, sondern anscheinend einem davon getrennt eingenommenen Standpunkt verdanken, und er folgert daraus, dass sie dann umgekehrt durch einen soliden Hinweis auf anderslautende Fakten aus der Welt zu schaffen sein müssten. Überzeugungskraft versucht dieses Hantieren mit dem Gegenbeispiel mit einer eindringlichen Schilderung, eben einer garantiert ans Gemüt gehenden Vorstellung der jedes Mitgefühl verdienenden Opfer zu erlangen – tatsächlich besitzt es diese Überzeugungskraft allerdings nur für diejenigen, die den Standpunkt sowieso schon teilen, für den das Beispiel steht. Für jemanden, der diesen Standpunkt nicht teilt, beweist das Beispiel keine seiner ‚Annahme‘ widersprechende Regel, sondern stellt höchstens eine diese nicht weiter berührende Ausnahme dar. Oder er entnimmt dem identischen Beispiel sogar das Gegenteil dessen, wofür es ihm vorgehalten wird. Denn auch das könnte die Süddeutsche bemerken: Nichts von dem, was sie hier an liebevoll ausgemalten Fakten präsentiert, spricht von sich aus dafür, die Familie Simsek in der Weise, wie es der Artikel teils insinuiert, teils ausdrückt, für wertvolle, respektable und schätzenswerte Mitbürger zu halten: Die tägliche Knochenarbeit im Blumenhandel bietet die SZ als Ausdruck von Simseks bürgerlicher Umtriebigkeit und Tüchtigkeit an – für den Herrn Sarrazin bestand einer der größten Mängel der türkischen Minderheit in Berlin darin, dass ein Großteil von ihnen „keine produktive Funktion außer für den Obst- und Gemüsehandel“ habe. Dem Leser, bei dem sie von höchster Wertschätzung für die Institution Familie ausgeht, zeichnet die SZ Vater Simsek als jemanden, für den die Familie das Wichtigste war – einer der gängigen, wohl auch der Zeitung bekannten Vorwürfe gegen türkische Migranten und ihr ‚Milieu‘ ist die Behauptung unfreier, vormoderner Familienverhältnisse, in denen sich Ehemänner und Väter als Tyrannen aufspielen, denen die Familie das Wichtigste – nämlich wichtiger als die Freiheit ihrer Mitglieder ist. Und schließlich die liebevolle Schilderung von Simseks tief empfundener islamischer Religiosität: War da nicht etwas? Gab und gibt es nicht einen sogar in Form von Islamkonferenzen, Moscheespitzeln und staatlichen Auftragstheologen amtlich gemachten Generalverdacht gegen genau diese Religion genau dieser ‚Einwanderergruppe‘? Ist das nicht so weit gediehen, dass ein simples Kleidungsstück zum Streitgegenstand, weil zum Symbol demokratie- also europa-untauglichen Eiferertums geworden ist? Hier steht dasselbe Ding einfach mal so für das Gegenteil: für eine positiv konnotierte Frömmigkeit, für den Anstand und die Friedfertigkeit von Leuten, die nie und nimmer in einer Mafia mitgemacht haben können. Es fällt der Süddeutschen nicht auf, es interessiert sie nicht, dass sie in ihrer journalistisch eifrigen Anteilnahme und ihrem Impuls zur moralischen Rehabilitation der Opfer auf genau die gleichen ‚Merkmale‘ hinweist, auf die naserümpfende oder auch zu Mord und Totschlag schreitende Tür-kenfeinde deuten, wenn sie ihre gehässige Stellung gegenüber dieser Spezies ‚begründen‘. Sie duldet diese Feindseligkeit nicht, will dafür keinen guten, also – nach der Logik, dass „verstehen“ „billigen“ heißt – keinen verstehbaren Grund kennen. Und so beendet die SZ ihren Artikel lieber mit der Frage „Warum habt ihr das getan?“, anstatt dem eigentlich schwer zu übersehenden Standpunkt nachzusteigen, der da mordend bei den einen, emsig in die immer gleiche ‚Döner‘-Richtung schnüffelnd bei den anderen und abwinkend beim großen Rest praktisch geworden ist.
Es ist doch gar nicht wahr, dass es einfach „dunkle Haare, dunkle Augen“ sind, die Leute wie Enver Simsek ins Visier von Hassern auf alles ‚Fremde‘ bringen. Weiß nicht auch die SZ, dass die körperlichen Merkmale lediglich der Anhaltspunkt dafür sind, den Ausländerfeinde dafür hernehmen zu unterscheiden, wer hier sein darf und wer nicht? Ist ihr nicht bekannt, dass die Fremdenfeindlichkeit sich auf die eigene Zugehörigkeit zu Deutschland beruft und dieses Deutschland als höchstes Gut in Anschlag bringt, das den Nicht-Deutschen einfach nicht zusteht? Genau das will die Zeitung nicht gelten lassen. Deswegen kommt sie überhaupt auf das „irgendwie“ abstrakt Fremde und dunkelhaarig Fremdartige als Beweggrund für Ausländerfeinde und auf ihren einfühlsamen Bericht vom Entsetzen, der Fassungs-, Hilf- und Ratlosigkeit der Hinterbliebenen: Der Hass auf türkische bzw. türkischstämmige Einwanderer wird auf die Art gründlich von allem getrennt, was auch nur in die Nähe eines patriotischen Bekenntnisses zum Vaterland kommt. Der politische Standpunkt von Patrioten, von dem aus diese Leute be-, also in aller Regel ver- und abgeurteilt werden, wird in eine Unmenschlichkeit umgedeutet, die vom Standpunkt der Opfer und aller redlichen Menschen einfach nur unerklärlich ist. Die guten Deutschen von der Süddeutschen Zeitung wollen nichts davon wissen, dass Ausländerfeinde im Namen ihrer Nation aktiv werden: Sie wollen denen vielmehr ihren Berufungstitel wegnehmen – weil sie den für sich reservieren, für ihr Ideal eines Vaterlands, das den Nichtdazugehörigen mit der Bereitschaft begegnet, sie auszuhalten: mit Toleranz. Die Parteilichkeit für Deutschland ist so von dem Verdacht befreit, sie könnte etwas mit Gemeinheiten oder gar Gewalttätigkeiten gegen Fremde zu tun haben – wo doch diese Parteilichkeit abgrundtief edel ist.
Denn von diesem Standpunkt aus ergreift die SZ für die Opfer Partei: Enver Simsek war kein eingewanderter Kostgänger des deutschen Sozialstaats, sondern ein Vertreter sprichwörtlicher deutscher Tugenden. Er hat seine Kinder in Liebe zu diesem Land, Deutschland, erzogen. Und so weiter. Einfach nur das Mitleid mit den Opfern ist es eben gar nicht, was die SZ umtreibt. Dafür bräuchte sie ja wirklich nicht bei denen nach dem Rechten zu sehen und investigativen Journalismus zu betreiben. Wer seitenweise die Unschuld der Opfer rassistischer Morde und ihrer Hinterbliebenen bebildert, der überprüft sie im Namen Deutschlands und von dessen Standpunkt aus: nur aus dieser Perspektive ist es mitteilenswert, wenn die Tochter Enver Simseks sagt: „Mein Vertrauen ist weg. Das Vertrauen in das Land, in die Polizei.“ Wem dieser Vertrausensverlust nicht egal ist, der identifiziert sich mit seinem Land. Der fühlt sich, der ist betroffen von einem solchen Vertrauensentzug. Der SZ-Autor beklagt nicht bloß ein mehrfaches, himmelschreiendes Unrecht, das den Simseks dadurch angetan wurde, dass nicht nur rechtsterroristische Türkenjäger Enver Simsek ermordet haben, sondern dass Polizei, Presse, das gesellschaftliche Umfeld dafür sorgen, dass „auch die bürgerliche Ehre des Enver Simsek stirbt, auch die der Witwe, auch die der Kinder“ –; er präsentiert sich als vom Gefühl der Scham dafür ergriffen, ganz so, als ob er höchstpersönlich bei ausländerfeindlicher Gesinnung oder gar Gewalt ertappt worden wäre. Nun hat der gute Mann von der SZ sich an diesen Schweinereien so wenig beteiligt, wie er das seiner Leserschaft zutraut. In der Scham führt der SZ-Autor den patriotischen Standpunkt in Vollendung vor: Er weiß sich seinem Volk zugehörig; nicht, weil er dafür ein gutes Argument hätte, nicht auf Grund eines positiven Urteils über das nationale Kollektiv, sondern viel grundsätzlicher – so grundsätzlich, dass die eigene moralische Verurteilung mancher Taten mancher Angehöriger dieses Kollektivs ihn nicht nur dazu bringt, sich von diesen zu distanzieren, sondern an der eigenen Identität mit diesem Kollektiv, an der Volkszugehörigkeit als der eigenen „zweiten Natur“ zu leiden. In der Scham für die Untaten der Landsleute fühlt der Mensch die Einheit der beiden Momente: die deutliche Distanz zu den moralisch verwerflichen Haltungen und Handlungen der anderen Deutschen und die grundsätzliche, jedem Urteil und jeder Handlung vorgelagerte Identität mit ihnen, die ihn für deren Sauereien und Gemeinheiten in Mithaftung nimmt. So erhält und schärft sich das Bekenntnis zum nationalen Kollektiv an der moralischen Verurteilung deutscher Volksgenossen, deren Tun man für eine Abweichung von und einen Widerspruch zu ihrer eigentlich besseren deutschen Natur hält.
In diesem Sinne packt die Süddeutsche ihre Leserschaft, die zur Geisteselite Deutschlands gehört, bei ihrem Verantwortungsbewusstsein als nationale Volkserzieher. Gemeinsam mit ihrem liberalen Münchner Leitmedium sollen sie den weniger edel gesinnten Landsleuten die moralischen Standards für den Umgang mit Angehörigen anderer nationaler Gemeinschaften beibringen: Türken sind in der Regel achtbare Leute, die im Falle von gewaltsam herbeigeführtem Tod unsere Anteilnahme sowie und vor allem gründliche „Ermittlungen in alle Richtungen“ verdient haben, weil sich nämlich dumpfe Vorurteile für gute Deutsche und unser gutes Deutschland nicht gehören.
Und wie es sich für jede gute nationale Gesinnung gehört, so führt auch die SZ vor, dass dazu nicht nur die im Wortsinn absolute Einheitserklärung mit der eigenen nationalen Mannschaft gehört, sondern als Kehrseite davon immer auch das Recht und die Pflicht, in dieser Eigenschaft: als Deutsche über die Mitglieder anderer Kollektive oder gleich über diese anderen Kollektive als solche gepflegt und verantwortlich zu urteilen. Nur darum kommt es ihr nicht unverschämt vor, nach der Kriminalpolizei jetzt erneut in Simseks privater Vergangenheit zu schnüffeln, anstatt die Familie in Ruhe zu lassen.

„DIE ZEIT“, ebenfalls ein Blatt für die gebildeten Stände der Nation, ist von der gleichen Mission erfüllt. Im Unterschied zur SZ unterhält sie ihre Leserschaft nicht mit einer Familiengeschichte mit Subtext, sondern teilt die Erkundigungen im Klartext mit, die sie sich beim sächsischen Innenminister geholt hat. Dieser als hoher Vertreter der Zweiten ist sich mit seinem Gegenüber von der Vierten Gewalt einig, dass die mehr oder weniger massenweise, mehr oder weniger organisierte ausländerfeindliche Gesinnung in diesem Lande auf jeden Fall einen Nährboden haben muss. Als oberster Chef von Polizei und Geheimdienst in Sachsen ist der Mann quasi amtlicher Nährbodenfachmann und weiß daher, dass dieser fraglos im Bereich der privaten Gesinnung angesiedelt ist, also auch dort, nämlich gerade nicht vom Staat, sondern „von der Bürgerschaft selbst angepackt werden“ muss. Diesbezüglich hat er eine gute und eine schlechte Nachricht.
Die schlechte Nachricht lautet, dass die Sache mit dem Fremdenhass einen schneller überkommen kann, als man meinen möchte, und eine verdammt hartnäckige Sache ist. Es fängt, glaubt man diesem Innenminister, ganz unscheinbar an; wenn man nicht „Tag für Tag“ darauf achtet, schleichen sich nämlich Nachlässigkeiten beim Reden über die Fremden ein: „Wie reden wir am Mittagstisch? Sprechen wir vom Vietnamesen oder eben doch vom Fidschi?“ Ulbrig hält es für ausgemacht, dass die wichtigste Eigenschaft, die Menschen haben, ihre Zugehörigkeit zu einer Nation ist. Es irgendwann einmal, beim Reden über Kollegen oder wen auch immer, für egal zu befinden, woher einer stammt und welches Landes Pass er trägt – unvorstellbar. Er und die Zeitung sind sich völlig sicher, von einem Menschen sei Wesentliches gedacht und gesagt, wenn man ihn in eine nationale Schublade verfrachtet hat. Diese Reduktion und Festlegung von Leuten auf ihre Abstammung bzw. nationale Zugehörigkeit ist für sie daher eine Selbstverständlichkeit, mit der man den Betreffenden gerecht wird, und damit einher geht eine selbstverständliche Pflicht zum Respekt, den man jemand anderem zu erweisen hat. Und den bleibt man schuldig, wenn man in dieser Frage das nötige Feingefühl und die gebo-tene sprachliche Aufmerksamkeit nicht aufbringt.
Was umgekehrt zugleich die gute Nachricht ist: So billig ist das Gegengift zu haben, gegen Fremdenhass, der in Deutschland in jüngerer Vergangenheit Formen bis hin zum Morden und Brandschatzen angenommen hat. Einfach auf die richtige Vokabel achten, wenn man über einen Asiaten redet, sich nötigenfalls auf die Zunge beißen, wenn einem ein schäbiger Witz einfällt, kurz: den gebotenen Respekt aufbringen, also – wie immer in solchen Fragen – sich die Gesten und Formeln abringen, die ihn demonstrieren. Das ist nicht nur leicht zu haben, sondern auch ertragreich: Es weist denjenigen, der den Respekt samt Grußformel darbietet, als kultiviert und anständig aus. Als – eben! – Deutscher ist man es sich einfach schuldig, den anderen Völkern und kleineren Völkchen die Ehre anzutun, sie bei ihren korrekten nationalen Eigennamen anzureden. Was sich umso mehr als Hoch- und Höchstform von Toleranz und Großzügigkeit im korrekten Umgang mit denen erweist, die uns in Sachen Größe, Entwicklung, Reichtum, Bildung … eh nicht das Wasser reichen können.
Darum: „Schluss mit der Gelassenheit!“ Wenn Nazis über zehn Jahre Einwanderer abknallen; wenn die Ermittlungsbehörden fahrlässig bis vorsätzlich in die falsche Richtung ermitteln; wenn nach und nach ein ganzes Unterstützernetzwerk für das ‚Nazi-Trio‘ ausgehoben wird, das Kontakte mit deutschen Geheimdienststellen hatte; wenn zwischendurch auch immer mal wieder davon die Rede ist, dass die zehn Toten bei weitem nicht die einzigen Todesopfer rechtsradikaler Gewalt im wiedervereinigten Deutschland gewesen sind: Dann ist ein vollständiges Absehen davon samt Totalenthaltung in allen Fragen, was das mit Deutschland wohl zu tun haben könnte, genau der richtige Einstieg dafür, um bei sich und im privaten Umfeld mit individueller Sprachhygiene dem guten, aber bequemen Patrioten gegen den Fremdenverächter in derselben Brust auf die Sprünge zu helfen.