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Sendung vom 26.06.2012 11:00:

Ein Kindermärchen – oder: Wie die Internet-Community gegen das Böse kämpft

„Invisible Children“ (IC), eine Non-Profit-Organisation aus den USA unter der Leitung von Jason Russell, stellt einen Film ins Internet, über sich und ihre Kampagne, die darauf zielt, dem Treiben des ugandischen Milizen- und Sektenführers Joseph Kony ein Ende zu machen.

Ein Kindermärchen – oder: Wie die Internet-Community gegen das Böse kämpft

„Invisible Children“ (IC), eine Non-Profit-Organisation aus den USA unter der Leitung von Jason Russell, stellt einen Film ins Internet, über sich und ihre Kampagne, die darauf zielt, dem Treiben des ugandischen Milizen- und Sektenführers Joseph Kony ein Ende zu machen. Nach wenigen Tagen wird „Kony 2012“ ein erstaunlicher Erfolg im Internet mit mehreren Millionen „Views“ in Facebook und Youtube. Es herrscht Erstaunen darüber, dass ein politisches Thema solche Aufmerksamkeit im Internet erregt, vor allem unter den jüngeren Usern. Schüler drängen manchmal Lehrer zu Diskussionen über den Fall; die Lehrer freuen sich über so viel Interesse von ihrer ansonsten desinteressierten Schüler-Klientel. Doch kurz nach dem Erscheinen des Films im Netz hagelt es auch Kritik – sowohl an dem Video als auch an den Absichten und der Organisationsweise von Invisible Children. Weltweit sieht die Presse darin eine mehr fragwürdige Kampagne, es wird sogar von „Manipulation“ geredet.

I. Der Film
dauert 30 Minuten und stellt die Entstehungsgeschichte von IC, ihrem Kampf gegen Kony und dem Film selber dar. Laut IC geht es bei dieser Öffentlichkeitskampagne gegen den Milizenführer im Busch um nichts weniger als eine Bewährungsprobe für die Menschheit, um ein „Experiment,“ ob die vielen kleinen Leute, die den Film sehen und mit anderen „teilen“, „den Verlauf der Geschichte der Menschheit verändern“ können. „Aber“, so ermahnt Russell sein Netz-Publikum, „damit es funktioniert, muss man die nächsten 27 Minuten lang aufpassen.“

Der Film beginnt mit einer sehr verzerrten Lesart dessen, was die Menschen eigentlich sind und tun, wenn sie sich im Internet – vor allem bei Facebook – herumtreiben: Sie sind die Mitglieder einer weltweiten Community, deren Größe jede Nation übersteigt. Den Filmemachern ist es egal, was diese Menschen sonst noch sind und treiben, was sie von der Welt und voneinander halten, ob sie in der wirklichen Welt tatsächlich gemeinsame Interessen verfolgen oder eher in Konkurrenz zueinander stehen bzw. gestellt werden. Ganz getrennt davon und ob sie es wissen oder nicht, pflegen sie mit ihrer Mitgliedschaft bei Facebook und ihrer Präsenz in der Online-Welt eine Gemeinschaft, die viel tiefer gründet, und zwar auf das „größte Bedürfnis der Menschheit“, nämlich „dazuzugehören und miteinander verknüpft zu sein.“ Die Menschen mögen denken, sie würden miteinander bloß lustige Bilder, rührende Videos und Nachrichten austauschen, die sie gerade interessant finden – aber: Indem sie das tun, indem sie sich für alles Mögliche und Menschliche mehr oder weniger flüchtig interessieren und es andere wissen lassen, teilen und verfolgen sie ein echtes gemeinsames Interesse, überhaupt das Interesse, das den Menschen auszeichnet: zusammen und im Kontakt mit anderen Menschen Mensch zu sein. Das ist zwar eine eher nichtssagende Abstraktion davon, wie die Menschen es innerhalb und außerhalb der virtuellen Realität miteinander zu tun haben. Doch der Sinn dieser fiktiven Gemeinschaft liegt in dem Auftrag, den die Filmemacher ihr geben: Als eine Gemeinschaft von Menschen für Menschen teilen sie einen gemeinsamen Willen zur Bekämpfung des Unmenschlichen auf der Welt. Und dass die Menschen, die in der virtuellen Welt des Internets täglich über was auch immer kommunizieren, in der reellen Welt eine wirkliche Macht sind, mit der man zu rechnen hat – das zeigen Bilder von den sogenannten „Facebook-Revolutionen“ in Nordafrika: „Wir teilen, was wir lieben, und es erinnert uns daran, was wir gemeinsam haben. Und diese Verbindung verändert die Art und Weise, wie die Welt funktioniert. Regierungen geben sich Mühe mitzuhalten ... Das Spiel hat neue Regeln.“ Mit dieser ansehnlichen Macht kommt allerdings größere Verantwortung; so wird das Publikum herausgefordert: „Ihr fragt euch vielleicht: Wer seid ihr schon, dass ihr einen Krieg beenden könntet? Ich bin hier, um euch zu sagen: Wer seid ihr, dass ihr es nicht könntet?“

*

Der Krieg, um den es geht, findet in einer weit abgelegenen Ecke von Afrika statt. Der Film führt uns Bilder aus dem Norden Ugandas vor: Kinder, die nachts aus ihren Dörfern in die Städte fliehen, weil sie sich vor nächtlichen Angriffen von Joseph Kony und seiner „Lord’s Resistance Army“ (LRA) fürchten; dort schlafen sie zu Hunderten auf engstem Raum und kehren jeden Morgen in ihre Dörfer zurück. Man erfährt, dass Kony und seine Army seit gut 26 Jahren recht häufig Dörfer überfallen und die dort lebenden Kinder zwangsrekrutieren – die Mädchen als Sexsklaven und die Jungen als Soldaten. Man sieht die verstümmelten Gesichter von Dorfbewohnern und lernt, dass diese Army die entführten Kinder dazu zwingt, ihre eigenen Eltern umzubringen. Wir lernen einen ehemaligen Kindersoldaten kennen, dessen Bruder von dieser Army vor seinen Augen ermordet wurde. Er sagt, er würde lieber selber sterben, als weiterhin so leben zu müssen.

Die Verhältnisse, in denen so etwas zum Alltag gehört; was in diesen Ländern los ist, wenn solche Figuren sich dort herumtreiben – das sind für die Filmemacher keine relevanten Fragen, jedenfalls keine, die sie ihrem Publikum zumuten möchten. Es dürfte ihnen schon bekannt sein, dass Joseph Kony kein so besonderer Fall ist und dass solche Kleinarmeen in ganz Zentralafrika und nicht nur dort unterwegs sind, in aller Regel mit Kindersoldaten. Aber für das, worauf es ihnen ankommt, ist die Frage nach dem Grund dieser Sorte Gewalt fehl am Platz; für ihr Anliegen ist die ahnungslose Perspektive eines kleinen Kindes viel geeigneter. Der Filmemacher setzt seinen fünfjährigen Sohn an den Tisch und fragt ihn, ob er denn weiß, was sein Vater eigentlich beruflich macht; die Antwort des Kindes, Papa würde die Bösewichte aus Star Wars bekämpfen, erfordert keine großartige Korrektur, nur einen anderen Namen und ein Gesicht. Russell schiebt dem Kind, stellvertretend für das Internet-Publikum, ein Bild von Joseph Kony unter die Nase und damit ist alles geklärt: Kony ist der Böse – mehr braucht der Zuschauer über die dortigen Verhältnisse nicht zu wissen. Was an den scheußlichen Umständen interessiert, ist die Scheußlichkeit einer Figur, die daraus hervorgeht und sich darin herumtreibt.

*

Es ist schon komisch: Mitten in einer Welt, die von Staatsgewalten zugepflastert ist, mit ihren Armeen und ihrem Kriegsgerät der modernsten Art, soll gerade die Sorte Gewalt, die von einem Schurken im afrikanischen Busch ausgeht, der untrügliche Beweis des Bösen sein. Man täte sich nämlich schwer, die zerstörten Dörfer und deren tote bzw. verstümmelte Insassen von den Resultaten eines amerikanischen Drohnenangriffs zu unterscheiden, von denen eines Bombardements à la „Shock and Awe“ zur Einleitung des letzten Irakkrieges ganz zu schweigen. Nicht, dass sich die Filmemacher an solchen Opfern nicht stören würden – dass aber in dem Fall die Opfer nicht für die Bösartigkeit des Täters sprechen, macht deutlich, wie wenig die Opfer eine solche Unterscheidung hergeben. Das gestehen die Filmemacher auf ihre Weise selber ein, wenn sie ihrem Publikum mit folgenden knappen Klarstellungen erläutern, was den entscheidenden Unterschied ausmacht: Was Kony zu einem unerträglichen Bösewicht qualifiziert, ist nämlich „die besondere Perversität seiner Verbrechen.“ Was ihn so pervers macht, ergibt ein einfacher Vergleich mit daheim, wo es so etwas nicht gibt:

„Wenn jemand meinen Sohn kidnappen und zum Morden zwingen würde, wäre das überall in den Nachrichten.“ Und „als ob Konys Verbrechen nicht schlimm genug wären, kämpft er für keine politische Sache, sondern nur für den eigenen Machterhalt. Er wird von niemandem unterstützt.“
Daschauher. Endlich eine klare Auskünfte, warum die Aussage „Soldaten sind Mörder!“ eine unzulässige Beleidigung jenseits der Meinungsfreiheit sein kann. Wenn nämlich volljährige und ordentlich ausgebildete Soldaten mit hochmodernen Waffen in den Krieg geschickt werden, dann im Dienste eines Zwecks, der weit darüber hinausgeht, bloß den Machterhalt eines Befehlshabers zu sichern. Da geht es vielmehr um die Schaffung und Aufrechterhaltung einer kompletten politischen Ordnung. Hinter dieser politischen „Sache“ steht in der Regel unterstützend ein ganzes Volk, das von den bewaffneten Agenten seiner Herrschaft weder terrorisiert noch ausgeplündert wird; es darf Geld verdienen und darüber die Machtmittel liefern, die der Staat auf ordentlichem Weg bezieht, indem er sie kauft. Im Verhältnis zur kriegerischen und polizeilichen Gewalt, die nötig ist, solche Verhältnisse daheim und auswärts zu einer fest etablierten und anerkannten Weltordnung zu machen, ist Joseph Kony zwar weniger als eine Fußnote, aber an dem Maßstab einer erfolgreich durchgesetzten Ordnungsgewalt blamiert er sich eben vollkommen. In den Kontext gestellt, legen Konys Opfer beredtes Zeugnis von der Abartigkeit seiner Gewalt ab – keine politische Sache, nur für sich und völlig isoliert obendrein. Damit steht für den Film auch die zweite Figur im Kampf zwischen Gut und Böse fest, nämlich die überlegene Gewalt, die das alles viel besser kann, die muss mit der Beseitigung des Bösen beauftragt werden.

*

So führt uns der Film in die Hauptstadt der Supermacht. Zurückgekehrt aus Uganda und fest davon überzeugt, dass die US-Regierung gegen Kony vorgehen würde, wenn sie nur über ihn Bescheid wüsste, bittet Russell um eine Audienz mit Abgeordneten des Kongresses, um sie über die Gräueltaten aufzuklären und zum Handeln zu drängen.
Und in einer Hinsicht ist Invisible Children da an der richtigen Adresse. Denn die USA beziehen tatsächlich alle Gewaltaffären der Welt auf sich und die eigene Ordnungsmacht, auch im afrikanischen Busch. Es ist ja ihre Weltordnung, in der Kony und seine Army sich herumtreiben – was sich auch an der üblichen Bezeichnung dieser Länder ablesen lässt: Das sind Schuldenstaaten, „HIPCs“ (Highly Indepted Poor Countries), „Fässer ohne Boden“, Verlierer der Weltmarktkonkurrenz, in der sie bzw. ihre Rohstoffe von den Gewinnern dieser Konkurrenz ausgiebig benutzt werden, aber ohne dass darüber dort eine nationale Ökonomie mit einer flächendeckenden Benutzung der Bevölkerung zustande kommt, aus der der Staat die nötigen Mittel bezieht, um eine für die kapitalistisch produktive Inanspruchnahme seiner Untertanen nützliche Ordnung zu stiften und zu befördern. Sehr früh und sehr umfassend haben die Gewinnerstaaten dem Umstand Rechnung getragen, dass die Beteiligung an der Konkurrenz auf dem Weltmarkt viele der beteiligten Staaten ruiniert – von ihren Insassen ganz zu schweigen, die sowieso nichts zu bestellen haben. Mit politischem Kredit in großem Stil, mit periodischen Umschuldungen und dem einen oder anderen Schuldenerlass hat man jahrelang für eine mehr schlecht als recht funktionierende Staatlichkeit gesorgt, sodass trotz und mit der fortgesetzten Ruinierung dieser Länder ihre weitere Benutzung durch die maßgeblichen Akteure des kapitalistischen Weltmarkts gesichert wurde. Nachdem Afrika als Ressourcenreservoir erschlossen worden ist und die sowjetische Systemalternative abgedankt hat, hat das Interesse an den Kosten einer funktionierenden Staatlichkeit in Afrika allerdings erheblich abgenommen – den Zugriff auf die begehrten einheimischen Ressourcen kriegt man auch anders organisiert. So geht zwar das Geschäft mit den ökonomischen Ressourcen dieser Länder weiter, aber ohne eine staatlich betreute Nationalökonomie und mit einer neuen Abteilung der Staatenwelt, den „scheiternden“ bzw. „gescheiterten“ Staaten, „failed states“.

In dieser Verwüstung, die der Weltmarkt und seine staatlichen Regisseure in der Ersten Welt anrichtet, nistet sich schon seit Jahrzehnten eine wachsende Anzahl an subnationalen „Armeen“ ein. Nicht selten haben diese ihren Ausgangspunkt in der Verteidigung einer verfolgten Ethnie – so wie im Fall Kony, dessen LRA ursprünglich als eine Schutzmacht der Acholi im Norden Ugandas und im Süden Sudans gegen die Übergriffe der ugandischen Regierung unter Museveni lokale Anerkennung genossen hatte. Vor allem in Afrika konkurrieren solche Verbände über die Grenzen hinweg um die unmittelbare Kontrolle über vom Ausland begehrte, weil dort als Geschäftsmittel benutzte Rohstoffe; sie überfallen die entsprechenden Gebiete und die darin liegenden Dörfer und reißen die Herrschaft über die dort lagernden Bodenschätze an sich. Von den afrikanischen Regierungen in der näheren Nachbarschaft werden sie mit modernen Waffen ausgestattet – die übrigens aus Waffenschmieden in entwickelten Ländern stammen, wo man weiß, wie viele Gewaltmittel eine friedliche Weltmarktordnung braucht – und bisweilen als Mittel zur Destabilisierung einer benachbarten verfeindeten Regierung instrumentalisiert. So wurde die LRA in ihrem Kampf gegen die ugandische Zentralregierung unter Museveni jahrelang von Khartum aus unterstützt, als Vergeltungsmaßnahme für die ugandische Unterstützung der Rebellen im Süden des Sudan. Politische Zwecke sind da also durchaus unterwegs.
Hat man dabei genug Erfolg, steigt der Bandenführer zur international anerkannten Regierung auf und kann mit offiziellen Gewaltmitteln den Kampf um die Administration interessanter Rohstoffe fortsetzen. So ungefähr geht die Erfolgsstory von Museveni, dem jetzigen Präsidenten Ugandas, dem Hauptfeind Konys, und einem engen Bündnispartner der USA in Ostafrika. In seinem Kampf um die Macht in Uganda vor mehr als 25 Jahren ist Museveni angeblich als Erster im modernen Afrika auf die Idee gekommen, Kindersoldaten in den Dienst zu nehmen; und vor 15 Jahren im sogenannten „afrikanischen Weltkrieg“ hat er in der Konkurrenz um ostkongolesische Bodenschätze einiges an Erfolg zustandgebracht, also in Sachen Vernichtung von Land und Leuten Großes geleistet.

Hat man dabei Misserfolg, hält man sich mit dem lebenden und toten Ertrag aus Überfällen auf Dörfer einigermaßen über Wasser. So ist diese letzte Variante kriegerischer Gewalt zwar eindeutig eine Abweichung von der erfolgreichen Ordnungsgewalt des Westens, aber gehört sie allemal dazu: als ihr Produkt. Das ab und an dann auch wieder führ höhere Zwecke benutzt wird.

*

So wie alles andere in der Welt beziehen die USA auch diese Produkte ihrer Weltordnung auf die eigene Ordnungskompetenz; sie bemessen die Bedeutung dieser Konflikte für ihre weltweiten Ordnungsinteressen, wägen Kosten und Nutzen einer Intervention ab und entschließen sich zu der jeweiligen Kombination aus diplomatischer und kriegerischer Gewalt. Also hören sich die einschlägigen US-Politiker auch Russells Plädoyer für militärisches Zuschlagen an – und lehnen dankend ab:
„Die USA werden sich nie an einem Konflikt beteiligen, in dem weder die nationale Sicherheit noch ein nationales finanzielles Interesse auf dem Spiel steht... Kony ist einfach nicht wichtig genug, um auf dem Schirm der amerikanischen Außenpolitik aufzutauchen.“

Das hätte eine Auskunft sein können – über den kleinen Unterschied zwischen den nationalen Interessen einer Supermacht und dem Interesse einer Organisation von Gutmenschen. Das hätte Anlass zu der Frage geben können, wofür Amerika sein riesiges Waffenarsenal bereithält und einsetzt und warum dafür so viel Gewalt nötig ist. An der Klarstellung wird Russell nicht irre, er zeigt sich bitter enttäuscht über eine so bornierte und egoistische Agenda amerikanischer Gewaltanwendung – was alles an Zerstörung fällig ist, wenn die USA einen Konflikt nicht nur auf dem Schirm haben, sondern sich daran beteiligen, ist sowieso kein Thema, weil es sich dabei um die ordentliche Macht des Guten handelt. Russell zieht aus der Ablehnung die umgekehrte Lehre: Es wissen einfach viel zu wenig Menschen Bescheid! Er ist noch nicht auf ihrem Schirm aufgetaucht: „Es ist offensichtlich, dass man Kony ein Ende machen muss. Aber das Problem ist, dass 99 % der Weltbevölkerung nicht wissen, wer Kony ist.“ Wenn sich genug Menschen interessieren, dann wird die Beseitigung eines Bösewichts zu einem nationalen Interesse, dann muss die Weltmacht in Aktion treten.

Daraufhin gründet sich Invisible Children mit dem Ziel, durch diverse Projekte vor Ort, in erster Linie aber durch Öffentlichkeitsarbeit in den USA die Menschen für den Fall zu interessieren. Nach acht Jahren Engagement fällt IC mit ihren Anhängern in Washington erneut ein und trifft dieses Mal auf lauter Wohlwollen in der Regierung wie im Kongress. Und siehe da: Im Herbst 2011 greift Obama ein! Er schickt 100 „military advisors“ nach Uganda mit dem offiziellen Auftrag, die ugandische Armee durch Beratung und Training für die Jagd auf Kony fit zu machen. Warum die US-Regierung das tut; was sich im letzten Jahrzehnt alles geändert hat an Amerikas außenpolitischer Strategie in Afrika im Zuge des Anti-Terror-Kriegs und der aufkommenden Rivalität mit China; dass die USA nämlich schon seit geraumer Zeit dabei sind, ihre militärische Präsenz auf Afrika auszudehnen und auszubauen; dass sie in Museveni und seiner Armee einen treuen Partner in der Region haben – das ließe sich zwar auch mit ein paar Clicks im Internet ermitteln – aber das würde nur die Botschaft des Films vermasseln. Wenn Obama seinen Beschluss mit einem Dankeschön an Invisible Children für ihr Engagement fürs Gute auf der Welt versieht, dann sehen sich die IC-Anhänger nicht als die nützlichen Idioten einer Weltmacht. Sie sehen die Sache genau umgekehrt, nämlich als Beweis der Macht der „vielen kleinen Leute“. Und damit der US-Einsatz wirklich gelingt, muss sich die miteinander vernetzte Menschheit auf die Macht besinnen, die sie inzwischen ist:
„Es war immer so, dass die Entscheidungen der Wenigen mit Geld und Macht die Prioritäten der Regierungen und die Themen in den Medien diktiert haben. Sie haben das Leben und die Chancen der Bürger bestimmt. Aber jetzt gibt es etwas größeres: Die Menschen auf der Welt können einander sehen und einander schützen. Dadurch wird das System auf den Kopf gestellt und dadurch wird alles anders ... Die Verhaftung Konys wird beweisen, dass die Welt jetzt nach anderen Regeln läuft; dass die Technologie, die unseren Planeten zusammenbringt, uns auch erlaubt, auf die Probleme unserer Freunde zu antworten. Wir studieren nicht bloß die Geschichte der Menschheit, wir gestalten sie.“

Und wie geht das? Nun, genau dadurch, dass man die wirklichen Machthaber anfeuert, bei ihrer Sache konsequent zu bleiben. Denn ihre wirklichen Prioritäten könnten die US-Regierung dann doch dazu veranlassen, ihr militärisches Engagement zu überdenken und ihr Personal abzuziehen. Die Kampagne wendet sich also erstens an 20 „Kulturmacher“, die ihren Promi-Status einsetzen sollten, um das Interesse der Öffentlichkeit an Kony zu wecken und damit, so der selbstverständliche Kurzschluss, das Interesse der Politik an der Beseitigung dieser Figur zu schärfen. Zweitens sind gerade die vielen kleinen Leute gefragt: Der Film ruft die Zuschauer auf, ein „Action Kit“ zu kaufen mit Armbändern, die man teilen kann, und einem Plakat, das man in der Nacht am 20. April im Stil eines flash mobs auf öffentlichen Plätzen aufhängen soll ...

Da landet man also: Erst hat man sich in der Rolle eines Auftraggebers imaginiert, der mit seiner gefühlten und bei Facebook praktizierten Verbundenheit mit allen Menschen auf der Welt eine große Macht darstellt; und weil sie nicht zu ignorieren ist, stehen ihr die politischen Mächte dann auch zu Diensten. Und wie sieht sie aus, diese Macht? Eine großflächige Werbekampagne, die nur eins ausdrückt: das so grenzenlose wie bodenlose Vertrauen in die heilsamen Wirkungen amerikanischer organisierter Gewalt.

II. ... und die Rezensionen
Die Wucht, mit der dieser Film innerhalb und außerhalb der Netzwelt einschlägt, lässt die etablierte Öffentlichkeit aufhorchen. Journalisten, Lehrer und Eltern staunen über eine ansonsten eher unpolitische Jugend, die sich endlich für politische Angelegenheiten interessiert. Das hätte man den Teenies von heute nicht zugetraut; sie nehmen auswärtige Grausamkeiten einmal nicht mit einem desinteressierten oder abgeklärten Schulterzucken zur Kenntnis, sondern betrachten sie als ein Problem, das sie angeht. Bei einer solchen Publikumswirkung muss man vor den Machern des Netzphänomens den Hut ziehen; ein so gewaltiges Echo ist den traditionellen Organen der Öffentlichkeit mit ihrem ganzen investigativen Journalismus noch nie gelungen.
Das veranlasst die journalistischen Profis zu einer näheren Prüfung des filmischen Machwerks, das so viel Aufmerksamkeit in so kurzer Zeit hat erregen können. Und da gibt es doch erhebliche Defizite zu konstatieren. Zunächst werde im Interesse einer möglichst drastischen Schilderung des Bösewichts mit den Fakten Schindluder getrieben: Es stellt sich heraus, dass die Bilder von fliehenden Kindern aus dem Norden Ugandas über 6 Jahre alt sind; dass Kony gar nicht mehr im Lande ist und sich längst in die Zentralafrikanische Republik abgesetzt hat. Der Film lege nahe, dass Kony Tausende unter Waffen hat, dabei ist seine Miliz tatsächlich auf geschätzte 200 bis 300 Mann/Kind geschrumpft. „Die Situation vor Ort hat sich nicht nur verändert, das Problem in Uganda ist mittlerweile auch viel zu komplex, als dass man es an einem Mann aufhängen könnte.“ (Stern, 22.3.) Im Video wird nämlich „unterschlagen, dass der Regierungsarmee“ die im Video als heldenhafte Mannschaft dargestellt wird, die bei ihrer Jagd amerikanische Unterstützung braucht, „Verbrechen ähnlichen Ausmaßes angelastet werden.“ (NZZ 11.3.) „Die Militär-Hilfe kommt der Regierung Museveni zugute, der seit 1986 an der Macht ist, Wahlen fälscht, Oppositionelle verhaften und Homosexuelle verfolgen lässt.“ (BILD, 12.3.) Zwar kann man das Bedürfnis der Filmemacher nach Dramatisierung und Vereinfachung verstehen, wenn es darum geht, beim Publikum möglichst viel Betroffenheit für die Opfer zu erzeugen: „Vereinfachungen und Rührseligkeit gehören dazu. Aber wie viel Rührseligkeit und wie viel Verzerrung verträgt die Realität?“ (ZEIT-Online 15.3.) Die Presse kennt sich da aus; in der Konstruktion von Feindbildern ist sie schließlich geübt: Wenn es darauf ankommt, in einem Krieg Partei zu ergreifen, muss man möglichst lang auf die Opfer des ausgesuchten Feindes deuten, dessen politische Zwecke möglichst unerwähnt lassen, bis die Opfer selber als dessen Zweck gelten; bei der Seite, für die es Partei zu ergreifen gilt, muss man sich in Zurückhaltung üben, was deren Leichenproduktion angeht.

Gekürzt aus:
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/12/2/gs20122c03h1.html