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Sendung vom 28.08.2012 11:00:

Die Wirtschaftswissenschaft – auch in der Krise:

Nationalökonomen wollen den Weg weisen und blamieren sich gründlich

Der Pluralismus der Lehrmeinungen, im normalen Wissenschaftsbetrieb ein Gütesiegel für gediegene Geistestätigkeit, sieht sich der Lächerlichkeit preisgegeben.Das breit gefächerte Angebot der Manifest-Schreiber mit seiner widersprüchlichen Vielfalt von Ratschlägen aber löst eher Kopfschütteln aus. Was soll man mit diesem Wirrwarr auch anfangen? Und das kommt durchaus einem Eingeständnis gleich. Der innerhalb der Elfenbeintürme gefeierte Pluralismus der Wissenschaft und Denkrichtungen taugt nichts und ist ohne jeden praktischen Nutzen.

Playlist / Zusatzinfo:

Von Marx lernen: Alles Nötige über Arbeit und Reichtum im Kapitalismus
Vortrag & Diskussion: 13.9. 2012 19:00, Amerlinghaus, 1070, Stiftgasse 8
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Die Wirtschaftswissenschaft – auch in der Krise: Nationalökonomen wollen den Weg weisen und blamieren sich gründlich

Die Finanzkrise geht nun schon ins sechste Jahr. Staaten bzw. Zentralbanken „schöpfen“ Kredit für Rettungsmanöver aller Art, „reformieren“ den Finanzmarkt, erlauben oder verbieten Leerverkäufe, führen Finanztransaktionssteuern ein oder auch nicht – und setzen auf jeden Fall eine enorme Verarmung ihrer Bevölkerung durch. Alles das kann eine staatliche Hoheit, aber die Krise geht nicht weg. Die Wirtschaft, über die Staaten herrschen, ist ganz offenkundig der Sache nach nicht beherrscht. Weder durch die Finanzakteure, noch durch die Politik. Beide haben, jeder auf seinem Feld und mit der Erledigung seiner Aufgaben, die Krise herbeigeführt, aber keineswegs geplant oder bewusst angepeilt oder gewollt.

Aber auf einem modernen Kapitalstandort gibt es ja auch noch Wissenschaftler und Experten, die sich in Universitäten seit jeher mit einer Ökonomie theoretisch befassen, die praktisch dabei ist, ganze Nationen und ihr menschliches Inventar immer weiter runterzuziehen. So melden sich immer häufiger Experten mit Manifesten und Ratschlägen zu Wort, um Wege aufzuzeigen, wie sich die Katastrophe, speziell der Untergang der europäischen Währung, abwenden ließe. Allgemeine Erleichterung macht sich darüber allerdings nicht breit. Nicht nur der Normalsterbliche kann nicht sagen, wie die Wirtschaft wieder aus der Krise heraus findet, die Wissenschaftler wissen es auch nicht. Sie finden in ihren diversen Manifesten nicht einmal zu einem gemeinsamen Standpunkt.
Eine Fraktion etwa plädiert unumwunden für den Rauswurf Griechenlands und anderer schwacher Schuldenstaaten aus der Euro-Zone, um die noch stabilen Länder vor einer finanziellen Überforderung zu schützen und das Gemeinschaftsgeld zu retten. Eine andere Fraktion hält genau das für den Weg in die Katastrophe, weil die verweigerte Unterstützung und die Zulassung von Staatsbankrotten auf das Vermögen der bisher halbwegs davongekommenen Kreditgeber und deren Standorte zurückschlagen muss und damit den Euro insgesamt zerstört. Eine dritte Gruppe sieht den Königsweg in einer Art Mischung der beiden sich ausschließenden Ansätze. Ein gemeinschaftlicher Kraftakt in Form einer Bankenunion in Europa soll die Pleite großer Geldinstitute und damit fällige werdende Stützungskredite unterbinden, aber ohne eine Gemeinschaftshaftung einzuführen, die Schuldenstaaten nur zur Disziplinlosigkeit verführt. Fast täglich kommen Stimmen aus der Fachwelt hinzu. Auch Koryphäen des Fachs ernten nicht selten Kritik und Spott seitens der Öffentlichkeit und der Politik. Zwei Experten, drei Meinungen, so lauten die bisweilen kabarettistischen Anwürfe.

Der Pluralismus der Lehrmeinungen, im normalen Wissenschaftsbetrieb ein Gütesiegel für gediegene Geistestätigkeit, sieht sich der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Reichweite der Krise, der enorme Schaden für jede Nation, die Hartnäckigkeit, mit der sich der eskalierende Krisenverlauf gegen alle politischen Interventionen behauptet, das alles sorgt nicht nur in den renommierten Zeitungen für den Seufzer nach der richtigen, großen und finalen Lösung. Selbst Politiker, die nach endlosen Streitereien mit Koalitionspartnern oder auswärtigen Kollegen einräumen, die Sache sei „noch nie dagewesen“, könnten einem Geniestreich zur Bereinigung der Krise eventuell etwas abgewinnen. Das breit gefächerte Angebot der Manifest-Schreiber mit seiner widersprüchlichen Vielfalt von Ratschlägen aber löst eher Kopfschütteln aus. Was soll man mit diesem Wirrwarr auch anfangen? Und das kommt durchaus einem Eingeständnis gleich. Der innerhalb der Elfenbeintürme gefeierte Pluralismus der Wissenschaft und Denkrichtungen taugt nichts und ist ohne jeden praktischen Nutzen.

Die Politik handelt natürlich trotzdem, auch ohne fundiertes Urteil, das als Richtschnur dienen könnte. Der dt. Bundestagspräsident Lammert etwa teilt der Öffentlichkeit mit, nicht ohne Häme gegenüber den Wirtschaftswissenschaftlern, dass es ja gar nicht anders geht: „Von allen denkbaren Verfahren in der Bewältigung der Krise in den vergangenen Monaten ist das am wenigsten taugliche die Umsetzung von Expertenempfehlungen gewesen. Würden sich darauf politische Entscheidungsinstanzen verlassen wollen, würden sie damit ihre Entscheidungsunfähigkeit zu Protokoll geben.“ (Lammert, SZ 7.7.2012) Auch das kommt einem Eingeständnis gleich, diesmal den Staat betreffend: Das politische Handeln stützt sich nicht auf eine wissenschaftliche Einsicht – obwohl die Politik so etwas jetzt, in diesem krisenhaften Ausnahmezustand, von ihren Experten gern hätte, wenn es denn zu kriegen wäre. Die Kompetenz der Politik ist praktischer Natur und besteht darin, dass sie die Entscheidungshoheit darüber hat, was sie dem Rest der Gesellschaft an Notwendigkeiten und Zwängen auferlegt.

Eingeständnisse dieser Art will allerdings niemand als Absage an diese Art ökonomischer Wissenschaft verstehen. Politik und Öffentlichkeit jedenfalls nicht. Niemand zieht die Schließung der ökonomischen Fachbereiche an den Universitäten in Erwägung, so dass sich ernstlich fragt, was die Politik den akademischen Theorien abgewinnt, die nach eigenem Bekunden nichts taugen und als brauchbare Anleitung nicht in Frage kommen. Aber auch keiner der beteiligten Experten mag aus dem traurigen Umstand, dass Kollegen des Fachs nicht einmal in wesentlichen Fragen zu einem einheitlichen Befund kommen, den einzig fälligen Schluss ziehen, nämlich die existierenden Theorien wegzuschmeißen und noch einmal von vorn zu beginnen.
Beide Seiten bleiben sich in momentaner Abneigung zugetan. Nach wie vor schätzt und finanziert die Politik eine Wirtschaftswissenschaft, die sie praktisch nicht brauchen kann, und der theoretische Ökonom hält einer Politik die Treue, die auf seine wissenschaftlichen Elaborate nichts gibt. Alles geht weiter seinen gewohnten Gang an den Universitäten und Instituten. Um die Herstellung von Wissen wird es dort also nicht gehen, wenn das Erscheinungsbild einer von Unwissen geprägten Wissenschaftsgemeinde gar nicht als vernichtendes Urteil über sie und ihre Leistungen genommen wird. Gehalt und Nutzen einer ökonomischen Wissenschaft, die zu guten Teilen staatlich finanziert wird, liegt also auf einem anderen Feld als in der Produktion richtiger Einsichten zum Zwecke ihrer praktischen Nutzanwendung.

Die kapitalistische Wirtschaft und ihr lebendiges Inventar, das in der krisenhaften Ausnahmesituation nach Rettung und dem großen theoretischen Wurf seufzt, hat es im Normalfall gar nicht mit der Wissenschaft. Die Wirtschaft, die hierzulande herrscht, ist nämlich allen Ständen und Schichten auch ohne wissenschaftliche Aufklärung und Gebrauchsanleitung vertraut: Man muss, das ist sozusagen der entscheidende Lehrsatz, Geld verdienen und alles dafür Nötige tun.

Wer nicht zufällig einen Betrieb besitzt, der sucht einen Unternehmer, den er mit seiner Arbeit bereichern kann. Der Gewinn ist die Einstellungsvoraussetzung von Betrieben, die eine knapp bemessene Lohnsumme dann und nur dafür wegzahlen, dass sich damit aus der Arbeit ein Überschuss herausschlagen lässt. Und um den Verkauf gewinnbringender Waren zu steigern, sind Unternehmen stets um deren Verbilligung zur Vergrößerung ihres Marktanteils bemüht, zu Lasten ihrer Wettbewerber, so dass der produktive Aufwand an einer Stelle – Samsung oder VW – den an anderer ganz oder teilweise vernichten kann – Nokia oder Opel. Das probate Mittel dieser Konkurrenz ist die Arbeit. Mehr Leistung für weniger Geld, mehr Produkt aus weniger bezahlter Arbeit an neuen, besseren Maschinen, das sind die Methoden, mit denen Betriebe gegeneinander für ihr Wachstum antreten, und von dem die, die es erarbeiten, zunehmend ausgeschlossen sind. Ein sich ausweitender Niedriglohnsektor neben einem wachsenden Arbeitslosenheer, also steigende Armut als Mittel und Folge des betrieblichen Wachstums, das ist die jedermann selbstverständliche ökonomische Praxis, die als „wirtschaftliche Vernunft“ geachtet statt geächtet wird. Konkurrenten, die einander auch mal ruinieren, Armut neben und durch Wachstum, das alles wäre ein Zeugnis schierer wirtschaftlicher Unvernunft, wenn es denn darum ginge, durch eine geplante gesellschaftliche Arbeitsteilung die Bedürfnisse der Produzenten zu befriedigen.

Die Anarchie der Konkurrenz mit all ihren hässlichen Seiten, die von ihren Akteuren als vertrautes und brauchbares Erwerbsmittel praktisch akzeptiert und exekutiert wird, die hat die Wissenschaft von der Ökonomie theoretisch in ein höheres Recht gesetzt und mit einem grundsätzlichen Kompliment ausgestattet: Sie funktioniert, muss also von einer vernünftigen Gesetzmäßigkeit getragen sein. Der Wegbereiter des Fachs, Adam Smith, hat dafür das Bild der „invisible hand“ erfunden, die hinter dem Rücken der wirtschaftlichen Subjekte ihre gegensätzlichen, auf ihren jeweiligen Eigennutz berechneten Unternehmungen für die Geldvermehrung unter dem Strich zu einem Gemeinnutz zusammen führt. Eine Gesetzmäßigkeit, die davon lebt, dass die Akteure am Markt ihr weder bewusst folgen noch sie überhaupt kennen müssen, durch die sie aber zu einem Ziel geführt werden, das in keiner subjektiven Absicht enthalten ist. So kommt jeder zu dem, was erbraucht: die Unternehmer zu ihrem Gewinn, die Arbeiter zu ihrem Arbeitsplatz, der Verkäufer zu seinem Erlös, der Käufer zu seiner Ware.
Dass die Summe, von der ein Arbeiter leben muss, für die Gewinnrechnung eines Betriebes nicht klein genug ausfallen kann, dass der Preis der Ware die für den Käufer ärgerliche, beschränkende Größe darstellt, Gegensätze dieser Art haben klassische Ökonomen nicht daran gehindert, im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage ein sinnvolles Prinzip zu entdecken: Diese zwei Seiten führen nicht nur ein auf unendlich viele konkurrierende Akteure verteiltes ungeplantes Eigenleben, am Markt und durch den Markt werden sie als Aggregate wie von einer unsichtbaren Hand zum Ausgleich gebracht, so dass die Früchte der Produktion über den Markt dem Verbraucher zugestellt werden. Dass dabei viel Unverkäufliches neben Arbeitslosen herauskommt, manches Angebot keine Nachfrage und manches Bedürfnis – nach Nahrungsmitteln etwa – gar kein Angebot findet, trübt das Bild nicht weiter, sondern gilt als temporäre Abweichung von einem Gesetz, die mittels dieses Gesetzes auch wieder zum Verschwinden gebracht werden kann. Über das Wie haben die Ökonomen sich zerstritten und unterschiedliche Ansätze hervor gebracht. Die „ange-botsorientierte“ Variante pocht darauf, dass sich jedes Angebot tendenziell durch die Absenkung der Preise seine Nachfrage zu schaffen vermag. Es gibt Arbeitslose? Dann sind die Löhne zu hoch und an dieser Front muss „gegengesteuert“ werden. Die „nachfrageorien-tierte“ Alternative besteht seit der ersten großen Weltwirtschaftskrise darauf, dass nur die Anhebung der zahlungsfähigen Nachfrage, am besten durch staatliche Programme, das Angebot vom Markt absorbieren kann. Die Autoindustrie leidet in der Krise unter Absatzschwierigkeiten? Eine staatliche Prämie für den Ersatz von Rostschüsseln durch Neuwagen hilft dagegen.

So fächert sich die Wirtschaftswissenschaft nicht nur zu einem pluralistischen Nebeneinander auch einander ausschließender Ansätze auf, auch der Gegenstand und seine postulierte Gesetzmäßigkeit hat bereits einen nicht unerheblichen theoretischen Fortschritt hinter sich. Die verschiedenen Größen wie Angebot, Nachfrage und Preis, die dem Gesetz vom Ausgleich durch die „invisible hand“ unterliegen, erscheinen zugleich als Hebel, gewünschte Resultate herbeizuführen. Das ist zwar ein kleiner Widerspruch zum Inhalt der Gesetzmäßigkeit. Die ganze Wirkung entfaltet die berühmte „invisible hand“ nach dem Willen ihrer Erfinder ja gerade dadurch, dass sie dem eigennützigen homo oeconomicus weder bekannt noch überhaupt bewusst ist. Nur weil sie hinter dem Rücken der Nutzenmaximierer ihr Werk tut, schafft sie, woran jede bewusste Planung der gesellschaftlichen Arbeit angeblich scheitern muss – das „allgemeine Wohl“ hervor zu bringen.

Auf diese Weise schreibt der Ökonom der kapitalistischen Konkurrenz einerseits den Status eines in sich geschlossenen Funktionszusammenhangs zu, der den Wettbewerb um die Steigerung privaten Eigennutzes in Gemeinwohl überführt. Andererseits tritt er aus diesem Zusammenhang heraus und behauptet ihn als von außen steuerbare Größe, so dass mit passenden Eingriffen gewünschte Resultate erzielt werden können. Was als blindes Wirken einer Gesetzmäßigkeit eingeführt war, die nur durch diese Blindheit ihren Segen entfaltet, soll nun der bewussten Handhabung von außen zugänglich sein. Damit bekennt sich die Wissenschaft, die auch Nationalökonomie heißt, als Staatswissenschaft. Die steuernde Instanz ist natürlich der Staat, der als politische Hoheit tatsächlich über der Wirtschaft steht, der die Konkurrenz der Privatleute um Wachstum nicht nur installiert und überwacht, sondern auch von ihrem wirtschaftlichen Ergebnis profitiert und immer für ein Mehr an Wachstum und ein Weniger an Rezession eintritt.
Mit diesem Bild, das die Volkswirtschaftslehre sich vom Kapitalismus macht, nämlich dem eines Mechanismus voneinander abhängiger Größen, die sich zugleich als Hebel für die Erzielung gewünschter Resultate nutzen lassen, will die Nationalökonomie seit jeher dem Staat zu Diensten sein. Die Botschaft, dass der Markt steuerbar ist, wenn sich die Steuerung nur am Markt und dessen Gesetzen orientiert, überreichen Wirtschaftswissenschaftler regelmäßig als Gutachten. Die Höhen und Tiefen von Konjunktur und Krise sind durch die guten Ratschläge nicht ausgestorben, die Bereitschaft der Politik, diese Expertisen in Empfang zu nehmen, allerdings auch nicht. Beide Seiten, Wissenschaft und Politik, erweisen sich einen Dienst, der jenseits der Frage nach dem praktischen Nutzen eines theoretisch korrekten Wissens liegt. Die Wissenschaft bescheinigt dem Staat, dass die von ihm jeweils verfügten Härten und Reformen im Einklang mit theoretisch ermittelten Gesetzen liegen, also berechtigt sind. Die Politik billigt umgekehrt der Wissenschaft und ihren pluralistischen Elaboraten den Rang von höherer Einsicht zu, auch wenn die widersprüchliche Vielfalt der Ratschläge praktisch unbrauchbar ist. Egal was die Politik beschließt, es hat immer schon ein paar Experten gegeben, die es für richtig halten; und wenn sich die Wirtschaftspolitik ändert, dann sind eben andere Experten zur Stelle. Der Schein der wissenschaftlichen Richtigkeit der Politik interagiert so mit dem Schein der Bedeutsamkeit von Wissenschaft.

Dieses Hin und Her zwischen Politik und Wissenschaft hat funktioniert. Als Begleitung des normalen Gangs von Wachstum durch Ausbeutung der Arbeit mit allen Konjunkturen hat der vielstimmige Chor der Expertenmeinungen seine Dienste geleistet. In der Krise verliert dieser Schein der Nützlichkeit deutlich an Glaubwürdigkeit. Ausschlaggebend dafür sind weniger die Fehler der Ökonomen, die viel älter als die gegenwärtige Finanzkrise sind und niemanden irritiert oder gar zu einer Kritik heraus gefordert hätten. Erst die Krise und die Dummheit ihrer Interpretation macht aus der Kakophonie widerstreitender Expertenratschläge ein Ärgernis. Der Bürger, der sich in der Arbeitswelt ja bestens auszukennen meint und sich mit seinen jeweiligen Mitteln mehr oder weniger gut durchschlägt, wird nun seit fünf Jahren von einer Krise heimgesucht, und in der macht er mit zunehmender Säuernis ein Versagen des ganzen Systems aus.

Solange „der Laden läuft“, „die Wirtschaft brummt“ und wie die Sprüche alle heißen, ist der Bedarf an theoretischen Erklärungen der Wirtschaft bei den Subjekten des Erwerbslebens nahe Null. Nicht einmal die Krise für sich macht da groß eine Ausnahme. Sie wird schnell, je nach Geschmack, auf das Konto von gierigen Finanzinvestoren oder nachlässiger politischer Regulierung abgebucht, um zum Tagesgeschäft zurück zu kehren. Allein, die Rückkehr zur Normalität von Konkurrenz und Wachstum ist seit über fünf Jahren nicht zu haben. Im Gegenteil, die Notlage der Nationen spitzt sich immer weiter zu. Und das stachelt auch auf Seiten derer, die bis gestern noch alle Theorie als „grau“ und für die Realität ohnehin als unmaßgeblich eingestuft haben, den Ruf nach einem endlich richtigen, zielführenden Ausweg an, der durch alle bisherigen Versuche des politischen Krisenmanagements verfehlt wurde.
Vor diesem Verlangen blamiert sich die Wissenschaft gründlich. Was taugen die postulierten Gesetzmäßigkeiten, die Steuerungsanreize und Rezepturen von Experten, wenn sie eine Krise weder verhindern noch aus ihr wieder heraus führen können? Was leistet überhaupt eine Disziplin mit ihren hochkarätigen Fachvertretern und Nobelpreisträgern, die noch nicht einmal zu einem einheitlichen Votum findet? Die Wirtschaftswissenschaft und ihr eigenes Ideal vom steuerbaren, gesetzmäßigen Zusammenhang wird wegen der krisenhaften Notlage der Nation einmal beim Wort genommen – und erweist sich als unbrauchbar.

Die öffentliche Häme lässt die Wissenschaft nicht kalt. Auch Selbstzweifel unter Ökonomen greifen um sich. Ein deutscher Professor namens Sinn, im erlauchten Kreis derer, die er beraten möchte, angeblich gern „Professor Unsinn“ genannt, räsoniert:
„Er habe nie ´das Modell des effizienten Marktes´ propagiert, und ohnehin unterstelle der Mainstream seines Faches, dass Märkte ineffizient sind. (...) Alles muss sich immer weiter entwickeln (...) Die neue Theorie auf Basis psychologischer Erkenntnisse sei sicher nützlich. Sie zeige, dass der Mensch vielfach nicht rational sei.“ (H.W. Sinn, SZ 20.7.2012)

Dass der „effiziente Markt“ mitunter bei seiner Effizienz gestört wird, das hat man von Fachleuten öfter gehört, hauptsächlich dann, wenn er Lohnsenkungen mit dem Argument angemahnt hat, dass die Ernährung der arbeitenden Menschheit mittels einer dafür tauglichen Lohnsumme ein Fremdkörper im Markt ist, der diesen an einem wirksamen Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt hindert. Dass der Mann sich nun zur gegenteiligen These von der ganz grundsätzlichen Ineffizienz des Marktes versteigt, und der „mainstream“ nie etwas anderes behauptet haben will, ist zwar ein kleiner Verstoß gegen die wissenschaftliche Redlichkeit, nun ja. Aber mit dieser etwas verlogenen Ausdrucksweise gibt der Ökonom einen theoretischen Ausweg bekannt, den er und manche Kollegen sich zurechtgelegt haben: Die Irrationalität der Teilnehmer des Marktes ist es, die für die Ineffizienz einer ansonsten effizienten Gesetzmäßigkeit des Marktes verantwortlich zeichnet. Nicht das ökonomische Modell über die Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit liegt falsch! Dass die Wissenschaft die Sache nicht erklärt, liegt nicht an ihr, sondern an den Marktteilnehmern, weil die sich nicht so „rational“ verhalten, wie es die Wissenschaft von ihnen verlangt! Das hat alles mit der Krise nichts zu tun, aber mit der neuen schlechten Meinung über den von ihr selbst erfundenen homo oeconomicus, der nun von der Unvernunft getrieben sein soll, rettet die Wissenschaft ihre gute Meinung von sich.

Wo im Einzelnen die Defekte des besagten Nutzenmaximierers liegen, da gehen die wissenschaftlichen Meinungen wie immer auseinander. Einer verortet ihn in der Unvernunft der Leute, andere, die sich der Ethik verbunden wissen, siedeln das Minus im fehlenden Verantwortungsbewusstsein an. Der Lösungsweg aber ist im Prinzip immer der gleiche: Die Realität wird für das Scheitern des Modells verantwortlich gemacht und soll sich ändern, damit Modell und Realität wieder besser zusammenpassen:
„So didaktisch wertvoll und analytisch reizvoll unsere Standardmodelle auch sind, sie verstellen uns allzu leicht den Blick auf die Realität (...) Uns ist dabei verloren gegangen (...) die Bedeutung der Mitverantwortung als Steuerungsressource offener Gesellschaften wie offener Märkte. (...) Ihre Mitglieder benötigen einen ´gemeinsamen Sinn für ein gemeinsames Interesse.´ (...) Der Staat kann seine Aufgabe nicht einmal ansatzweise erfüllen, wenn nicht ein ´common sense of interest´ wirksam ist (...).“ (M. Hüther, SZ 20.7.2012)
Bestand die Meisterleistung der „invisible hand“ darin, durch die Freisetzung konkurrierender Egoismen, die nur an sich denken, das Allgemeinwohl hinter ihrem Rücken zu organisieren, so wird jetzt das Ziel gerade dadurch verfehlt, dass die Subjekte nur an sich denken. Sie sollten dem Modell zuliebe eher ein Doppelleben führen: Als Teilchen des Systems sind sie als bornierte Egoisten bestimmt, die nun zugleich aus dieser ihnen zugeschriebenen Eigenart heraus treten müssen, um Mitverantwortung zu übernehmen. Der private Nutzenmaximierer soll zugleich die vom Staat wahrgenommene Gesamtverantwortung in sich aufnehmen, also nicht mehr nur Objekt, sondern paradoxerweise zugleich ein Stück weit Subjekt der verantwortungsvollen politischen Steuerung seines Eigennutzes sein. Und weil dieser Widerspruch keiner gegen das Konstrukt des homo oeconomicus sein soll, wird die Bereitschaft zur Mitverantwortung, die ganz quer liegt zum Prinzip des postulierten rein privaten Nutzendenkens, als die einzig senkrechte Konsequenz aus letzterem behauptet: Erst die Mitverantwortung für das Ganze stellt den Nutzenmaximierer besser! Auch hier übrigens zu bemerken, dass das alles mit einer Analyse der Krise nichts zu tun hat. Da geht es um anderes: Die Wirtschaftswissenschaft in der Krise? Kaum ausgerufen, ist ihre Krise schon überwunden. Nicht ihre Modelle sind verkehrt, sondern die Wirklichkeit liegt falsch! Damit die Wissenschaft auch in der Krise Recht behält, stellt sie einfach neue Forderungen an die Realität, von der sie keine Ahnung hat.

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Von Marx lernen: Alles Nötige über Arbeit und Reichtum im Kapitalismus
Vortrag & Diskussion: 13.9. 2012 19:00, Amerlinghaus, 1070, Stiftgasse 8

An den Universitäten gehört es sich, dass man sich gelegentlich an den Theoretiker des 19. Jahrhun-derts erinnert, dessen Gedanken einmal die Welt bewegt haben, der heute aber ein „toter Hund“ ist. Auch er gehört irgendwie zum Bestand des geistesgeschichtlichen Erbes; jedenfalls wird er in es ein-gemeindet - und zwar als ein Großer: ein großer Philosoph zum Beispiel, der es nach Hegel noch einmal geschafft hat, dialektisch zu denken; ein großer Soziologe, der ein System gebastelt hat, in dem die Gesellschaft von der materiellen Basis bis zum Überbau der Religionen und Ideen auf ein Prinzip gebracht ist; ein großer Prophet, der die Globalisierung früh vorausgesehen, ein großer Utopist, der sich eine schöne bessere Welt ausgedacht hat - und so fort.
Dass Marx selbst, wenn er gefragt würde, nichts von dem genannten Großen vollbracht haben wollte, ja sich dieses Lob verbitten würde, kann seine geistesgeschichtlichen Freunde nicht bremsen. Sie verzeihen ihm sogar, dass er Kommunist gewesen ist. Er selbst sah seine Leistung einzig und allein in dem, was der Untertitel seines theoretischen Hauptwerkes ankündigt, in der „Kritik der politischen Ökonomie“ des Kapitalismus.
Marx war, wenn irgendetwas, Ökonom. Die Wirtschaftswissenschaften allerdings haben keine gute Erinnerung an diesen Klassiker, ja eigentlich überhaupt keine. Kein Wunder. Schließlich hat er mit seiner Kritik der politischen Ökonomie nicht nur die menschenfeindliche und absurde Rationalität des Wirtschaftssystems aufs Korn genommen, das sie so vernünftig finden, er hat auch ihre verständnisvollen Theorien darüber widerlegt.
An dem Kapitalismus, den Marx in der Phase seines Entstehens analysierte und kritisierte, hat sich seit seinen Tagen dies und das, aber nichts Wesentliches geändert. Immer noch ist die Vermehrung des Geldes der beherrschende Zweck, für den gearbeitet wird – und das ist keineswegs ein geschickter Umweg zur Befriedigung der Bedürfnisse; noch immer sind die arbeitenden Menschen Kostenfaktor, also die negative Größe des Betriebszwecks; noch immer findet die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, der größten Quelle des materiellen Reichtums, ausschließlich statt, um Löhne zu sparen und Arbeitskräfte zu entlassen – macht also die Arbeiter ärmer.
Von Marx kann man lernen, warum es so ist, dass „die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer“, warum die Arbeit einerseits ein sparsam zu behandelnder Kostenfaktor, andererseits ausgiebig zu benutzen ist, warum der kapitalistische Fortschritt „zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“.
Als vor einigen Jahren die Finanzmärkte zusammenbrachen und die sogenannte Realwirtschaft in bis dahin ungekanntem Tempo schrumpfte, kam der Kapitalismus ins Gerede. Leider sehr verkehrt. Auf die Diagnose der kritischen und bürgerlichen Öffentlichkeit: „Der Kapitalismus funktioniert nicht mehr“, antworteten Elite und Volk mit dem dringenden Wunsch: „Er möge schleunigst wieder funktionieren.“ Mit dem Hauptwerk von Marx kann man sich etwas anderes klar machen: Die Finanz- und Weltwirtschaftskrise hat nichts weiter als die – für die normale Menschheit schädlichen – regulären Rechnungsweisen der marktwirtschaftlichen Geschäftemacherei und deren verheerende Wirkungen in ein grelles Licht gerückt.
Wegen dieser Aktualität, und nur wegen ihr, verdient es der längst verblichene Denker, dass man sich seiner erinnert. Seine Bücher helfen, die ökonomische Wirklichkeit heute zu erklären. Das will der Vor-trag anhand von Zitaten aus dem ersten Kapitel von „Das Kapital“, Band 1, „Die Ware“ demonstrieren. Angeboten werden ungewohnte Gedanken über Gebrauchswert und Tauschwert, konkrete und abstrakte Arbeit, Geld und Nutzen, Arbeit und Reichtum – Begriffspaare, die unsere moderne Welt nicht mehr auseinander halten kann, während sie tatsächlich die härtesten Gegensätze enthalten.