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Sendung vom 26.02.2013 11:00:

Die französische Militärintervention in Mali

Die französische Militärintervention in Mali: Ein Blitzkrieg für die Sicherheit des Westens

Die französische Militärintervention in Mali
Ein Blitzkrieg für die Sicherheit des Westens

Anfang Januar gibt Frankreichs Präsident Hollande den Befehl zur „Operation Serval“. Mit ein paar tausend Soldaten, mit gnadenlos überlegener Feuerkraft über die mit Maschinengewehren bestückten Pick-Ups der Rebellen und mit der Fähigkeit, den Krieg gegenüber einem in dieser Hinsicht wehrlosen Feind aus der Luft zu führen, erobert Frankreich in weniger als zwei Wochen den Norden Malis zum Großteil von den Aufständischen zurück, „befreit“ die paar Städte dort von der falschen Obrigkeit, zerschlägt die Koalition zwischen Tuaregs und einheimischen wie ausländischen Islamisten, tötet viele, treibt den Rest in die Wüste und wirft ihnen noch ein paar Bomben auf Fluchtwege und gebirgige Rückzugsorte hinterher.
Damit ist der Präsident sehr zufrieden und lässt sich in Timbuktu als Sieger und Befreier feiern: Sein Feldzug ist vorbei, seine Soldaten will er schnell zurückziehen, nun könnten die Afrikaner selbst die Kontrolle übernehmen und den Rest erledigen. Hollande besteht darauf, dass Frankreich in Mali keine eigennützigen Interessen verfolgt, und es ihm nur um die Wiederherstellung der „territorialen Integrität Malis“ zu tun ist. Deren Verlust können Frankreich, Europa und die Welt nämlich nicht hinnehmen:
„Die Angriffe der Terroristen, die einen Teil des Landes erobert haben, haben den malischen Staat tiefgreifend destabilisiert, seine Souveränität in inakzeptabler Weise beeinträchtigt und fast 2500 Kilometer vom französischen Staatsgebiet entfernt zur Entstehung eines Schutzraums für Terroristen geführt. Eine ganze Region, die vorher schon anfällig war, in der die Sicherheit und die Stabilität in Gefahr sind. Eine Bedrohung, die auf Frankreich und Europa lastet.“ (Laurent Fabius, franz. Außenminister im Senat, 16.1.2013)

Dass sich anti-westliche Dschihadisten in der Wüste ein Rückzugsgebiet schaffen, nachdem sie überall in Nordafrika und Arabien bekämpft und verjagt werden, wo sie islamische Umstürze west-orientierter Regierungen betreiben; dass sie sich da in Sicherheit bringen, reorganisieren, womöglich Ausbildungslager betreiben können – das erklärt Präsident Hollande vor den Vereinten Nationen für „unerträglich, unzulässig und inakzeptabel nicht nur für Mali, sondern für alle Länder der Region und darüber hinaus alle Staaten, die Entschlossenheit im Kampf gegen den Terrorismus zeigen.“

Das Ordnungsinteresse der Großmächte an der Sahelzone:
Rein negativ!

Weniger unerträglich und unzulässig ist der Umstand, dass der Staat Mali auch schon vor der Revolte im „freien Azawad“ mit seinen 10000 Soldaten die 7000 Kilometer Grenze nie hat sichern können und nie ein flächendeckendes Gewaltmonopol über ein Staatsgebiet ausgeübt hat, das um einiges größer ist als Frankreich. Autonome regionale Gewalten und Kleinkriege zwischen bewaffneten Ethnien sowie mit der Staatsmacht hat es in diesem Land immer wieder gegeben ebenso wie einen für die Zentralregierung unkontrollierbaren Verkehr von Menschen, Waffen, Schmuggelgut über Landesgrenzen.

Auch daraus, dass von den Regierungssoldaten im vorigen Jahr etwa die Hälfte desertiert ist, unter Tuareg-Offizieren für einen eigenen Staat gekämpft und die Regierungstruppen aus dem Norden Malis vertreiben hat, wäre nicht gleich eine internationale Affäre geworden, auch wenn die Großmächte selbstverständlich bei jedem Putsch und Machtwechsel genau hinschauen, ob er in ihrem Sinn ist und in Ordnung geht. Ganz und gar nicht in Ordnung geht der Zerfall Malis aus einem einzigen Grund: Unter den Sezessionisten sind Gruppen aktiv, ja zeitweise dominierend, die Al Kaida im Maghreb und ähnlichen Kampfverbänden zugerechnet werden. Das erst setzt die „Wiederherstellung der territorialen Integrität Malis“, die es vorher ja auch nicht gegeben hatte, auf die internationale Agenda und führt zu Planungen zur Wiedereroberung des Nordens.

Sogar dieses Projekt – von Anfang an mit dem Segen der UNO als Beitrag zum Weltfrieden und federführend von Frankreich betrieben – hatte keine besondere Eile. Das UN-Mandat sah eine rein afrikanische Eingreiftruppe vor, die aus Kontingenten der ECOWAS (Economic Comunity of West African States) zusammengestellt, im Wesentlichen von der EU finanziert werden und ab Herbst 2013 einsatzbereit sein sollte. Erst seit die Rebellen im Norden der angesagten Rückeroberung ihrer Gebiete zuvorkommen und ihrerseits Städte im Süden stürmen, die Regierungstruppen überrennen und auf die Hauptstadt Bamako zu marschieren, pressiert es Frankreich: Soweit lässt man es nicht kommen, dass womöglich Feinde des Westens einen ganzen Staat in ihre Hand bekommen, und damit, wie beschränkt auch immer, die materiellen Ressourcen ihrer Macht erweitern und die Reste der Staatsmacht und ihre Träger abräumen, auf die der Westens rechnet.

1.
Die politische Diagnose und damit der abstrakte gemeinsame Nenner, der die Strömungen der sogenannten Islamisten von Marokko im Westen bis zu den Philippinen im Osten eint, sieht die Länder und Gesellschaften der arabischen und insgesamt der islamischen Welt in einem sehr schlechten Zustand und führt den darauf zurück, dass sie vom ungläubigen Westen dominiert, ausgenutzt und gedemütigt werden und dass sich diese Gesellschaften dagegen nicht entschlossen zur Wehr setzen. Und dies, weil Volk und Führung selbst schon verwestlicht, vom wahren Glauben abgefallen sind und ihr Leben von Konsumwünschen, anstatt von den Geboten des Propheten bestimmen lassen. Woran Islamisten den schlechten Zustand ihrer übernationalen Gemeinde der Gläubigen festmachen, variiert nach Land und Lage; dass die Mehrheit ihrer Glaubensbrüder in Armut lebt, dass die USA mit ihrer Militärpräsenz in der islamischen Welt und dass Israel mit seiner kriegerischen Selbstbehauptung und Expansion die Moslems permanent demütigen und ihrer Ohnmacht überführen – das sind unter Islamisten unumstrittene äußere Indikatoren einer Krise, die vor allem eine innere ist. Sie kämpfen für eine sittliche Erneuerung ihrer Gesellschaften und für eine politische Obrigkeit, die diese zu ihrer ersten Aufgabe macht. Islamistische Politiker in Nati-onen, die als Staaten einiges zu bieten haben und sich am Rest der Welt messen – etwa im Iran – mögen diese moralische Aufrüstung als Voraussetzung dafür verstehen, dass ihre Völker die islamische Identität wieder schätzen lernen, Kraft und Willen zum Widerstand gegen die westliche Hegemonie entwickeln und einen Wiederaufstieg ihrer Staaten in die Wege leiten. Für andere – etwa die Taliban in Afghanistan – fällt der schlechte Zustand ihrer Gemeinwesen von vornherein damit zusammen, dass nicht genug gebetet und mit den Armen geteilt wird, dass unkeusche Bilder erreichbar sind und Männer wie Frauen sich nicht an die Rollen halten, die der Prophet für sie vorgesehen hat. Sie sorgen für gesunde gesellschaftliche Verhältnisse, indem sie die ungläubigen Sittenverderber aus dem Westen hinauswerfen, und daheim gegen korrupte und untugendhafte Amtsträger sowie gegen pflichtvergessene Volksteile die Regeln des gottgefälligen Lebens terroristisch durchsetzten. Das ist dann das ganze Programm ihres Gottesstaats.
Dieser politische Islam ist für die weltbeherrschenden Mächte des Westens auch nach dem Jahrzehnt des „Krieges gegen den Terror“ noch Ärgernis genug: gerade jetzt gehen manche Vertreter als Sieger in den Umbruchstaaten Nordafrikas und Arabiens hervor und kommen an die Macht. Die religiöse Deutung der Krise ihrer Nationen scheint den Landesbewohnern mehrheitlich als Erklärung ihrer miserablen Lage einzuleuchten, ganz egal, ob sich ihr Umsturz gegen Statthalter westlicher Interessen in ihren Ländern richtet (Ägypten und Tunesien) oder gegen antiwestliche, ursprünglich linksnationale Modernisierungsregimes (Algerien, Libyen, Syrien). Die Außenpolitiker der EU und der USA stehen vor der Aufgabe, auszutesten, ob und wie weit sich die antiwestlichen Islamparteien und Staatsführungen aufs Kalkulieren mit Geld und Machtmitteln einlassen und dadurch berechenbar und lenkbar werden.
Negativ entschieden ist diese Frage in Bezug auf die Fraktion der Islamisten, die sich Al Kaida zurechnent. Sie ist zur militärischen Gegenwehr gegen die westliche Durchdringung ihrer Gesellschaften aus der Position chancenloser Unterlegenheit heraus entschlossen. Sie greift in irregulären, internationalistischen Kommandos Symbole und Bastionen der westlichen Macht an und beweist mit ihren Anschlägen, dass sich auch gegen einen übermächtigen Feind Erfolge erzielen lassen. Diese Minderheit, die den heiligen Krieg zu ihrer Sache macht, ist durchaus gefährlich für die Neuordnung der nordafrikanischen Staatenwelt im Sinne des Westens, eben weil diese Typen die radikalsten Aktivisten einer Krisendiagnose sind, die durchaus millionenfach verstanden wird, und die womöglich Einfluss auf die in Unruhe geratenen Massen gewinnt, denen die freien Wahlen auch nichts gebracht haben. Den irregulären Krieg, den diese Fraktion dem Westen anträgt, nennt er Terrorismus und beantwortet ihn ebenfalls mit purem Terror: Überall, wo sie entdeckt werden und zu treffen sind, greift man sie an, jagt und verjagt sie – und tötet dabei immer so viele von ihnen wie möglich.

Der Dschihad findet, solange der Westen – zu dem zählen für Islamisten auch Russland und China – die Welt beherrscht, kein Ende und unterhalb dessen auch kein Ziel. Wie alle Formen symbolischer Kriegsführung aus der Position absoluter Unterlegenheit heraus gerät er zum selbstzweckhaften Kampf ums Überleben der Kämpfer, ihrer Organisation und Kampffähigkeit.

Die heiligen Krieger führen in den eroberten Wüstenstädten ihre Sitten ein, verhängen Scharia-Strafen, zerstören Bibliotheken und Götzenbilder und verbannen die Frauen von den Straßen in die Häuser. So viel islamische Revolution sind sie sich schuldig, und vermutlich sieht ihr Gottesstaat für diese Wüstenstädte auch gar nicht mehr Programmpunkte vor. Die Bedeutung ihrer Eroberung aber ist für sie, vor allem aber auch für Frankreich und seine Partner eine andere. Natürlich pran-gern die das Hand-Abhacken und die Zerstörung von UNESCO-Weltkulturerbe an, aber darum geht es nicht. Der Gottesstaat im „freien Azawad“ ist für keine Seite die Sache, um die es geht; alles ist dem strategischen Nutzen bzw. Schaden im fortwährenden Terrorkrieg des Westens gegen seine geschworenen Feinden untergeordnet. Unerträglich ist der strategische Zugewinn, den die Dschihadisten errungen haben: Sie haben einen gescheiterten Staat für sich zu nutzen gewusst; sie haben die in Mali ewig unzufriedenen Tuareg, die Gaddafi als Söldner gedient hatten und mit seinem Ende fliehen mussten, aber moderne Waffen mitnehmen konnten, als Chance erkannt und deren Aufstand für sich funktionalisiert. Und sie haben sich im staatsfreien Raum ein Rückzugsge-biet geschaffen, in das sie sich in Sicherheit bringen und aus dem heraus sie von neuem operieren können.

2.
Vor der Aufgabe, sie zu vernichten, versagt der Staat Mali. Dass er auch vor allen anderen Aufgaben versagt, die man gewöhnlich Staaten zurechnet, ist nicht so wichtig.

Mali wird von den UN offiziell in die Kategorie der HIPC (Highly Indebted Poor Country) einsortiert, Länder, die in die Weltwirtschaft eingebaut sind – mit Schulden, die man sie hat machen lassen, die sie aus ihren Devisen-Einkünften aber nicht bedienen und tilgen können. Insofern gibt das Kürzel darüber Auskunft, wovon so ein Land lebt, wie darüber, dass es davon nicht leben kann. Aber was heißt „ein Land lebt“? Die Rede ist nicht von den Einwohnern, die auf jeden Fall arm sind, wenn „ihr Land“ arm ist, die Rede ist von der politischen Herrschaft, die ein Territorium beherrscht, dessen wirtschaftliche Nutzung die Finanzmittel aber gar nicht hergibt, die es braucht, um die Unkosten dieses Gewaltmonopols zu decken. Die Subsistenzwirtschaft der Bauern in den Gebieten, wo Ackerbau überhaupt geht, lässt sich – schon weil sie sich weithin jenseits der Geldzirkulation abspielt – schlecht besteuern, die eigentlichen Einkünfte des Staates in international brauchbarem Geld spielt ihm ohnehin nur der Abbau von Bodenschätzen durch ausländische Konzerne, sowie der Export dieser Rohstoffe ein. Und diese Einkünfte reichen eben nicht hin, die laufenden Kosten der Herrschaft zu decken und ihre Schulden zu bedienen. Der Staat kann sich die Machtinstrumente und das Personal für die Beherrschung seiner Gesellschaft und damit seine Selbstbehauptung auf seinem Territorium nicht leisten.

Deswegen wird er ein „failed state“. Das wird offenbar, sobald Einheiten von Soldaten in der Hauptstadt nicht nur meutern, weil der Sold ausbleibt, sondern putschen und sich an Stelle der bisherigen Kommandeure in den Besitz der Staatsmacht und ihrer für einen Staat unzureichenden, für einen Haufen Banditen aber beträchtlichen Geldquellen bringen. Es hat wenig gebraucht, um die rückblickend bewunderte demokratische Idylle mitten im ärmsten Afrika mit Wahlen und so – zu kippen. Jetzt gleicht sich Mali seinen Nachbarstaaten wieder an, in denen es normal ist, dass eine herrschende Clique in der Hauptstadt die knappen Geldquellen des Staates an sich reißt und damit sich und ihren Anhang aushält; dass die Durchsetzung der staatlichen Autorität sich auf die Hauptstadt und eine paar andere Bevölkerungszentren beschränkt und dass schon gleich alles unterbleibt, womit die politische Herrschaft anderswo ihr Volk und Territorium zur materiellen Basis und Reichtumsquelle des Staat herrichtet und entwickelt.
Diesen Zustand des Ruins haben die kapitalistischen Großmächte, aus denen die Rohstoff-Kapitale kommen, und die mit ihrem Geld und Militär den aus ihrer Kolonialherrschaft entlassenen Staat betreuen und kontrollieren, sich nicht gewünscht, aber sie haben ihn herbeigeführt und sie beziehen sich auf die Resultate seiner ruinösen Benutzung als den gegebenen und bleibenden Zustand Malis. Im Lauf der Jahre haben sie gelernt, dass sie für den begrenzten Nutzen, den die Ex-Kolonie ihnen und dem kapitalistischen Weltmarkt als Rohstofflieferanten bietet, eine handlungsfähige, das Land kontrollierende und verwaltende Obrigkeit gar nicht brauchen. Das Geschäft mit Bergwerken und ähnlichem und die nötigen Transportrouten schützen die engagierten Konzerne mit eigenen Sicherheitsdiensten und Privatarmeen; mehr als der dafür nötige Aufwand, der direkt in den Kostpreis der Exportwaren eingeht, lohnt sich für die Benutzung Malis nicht; schon gleich nicht die Alimentierung eines ganzen, überall im Land präsenten Staates. Das Prinzip, dass die Gesellschaft und Wirtschaft ihren Staat tragen muss, heißt im Verkehr mit afrikanischen Regierungen eben, dass die Interessenten an den Rohstoffen ihnen Gebühren für Schürfrechte und Exportlizenzen nach Weltmarktpreisen entrichten, und dass die freien Souveräne selbst zusehen müssen, wie weit sie mit solchen Einnahmen kommen. Das geht die Investoren nichts an; und auch deren Heimatstaaten sehen sich da nicht in der Verantwortung. Soweit es für die marginale kapitalistische Nutzung des Landes einen geschäftsfähigen Ansprechpartner in der Hauptstadt und eine Verträge schließende Autorität braucht, geben sie Finanz-, Entwicklungs- und Waffenhilfe. Mit solchen Finanzierungen räumen sie ein, dass es einen Staat wie Mali gar nicht wegen eines Bedürfnisses seiner Gesellschaft nach einem gewaltsamen Garanten des einheimischen Geschäftslebens, sondern alleine wegen eines auswärtigen Interesses an seiner Funktion für das Ausland gibt – und daher auch nur so weit, wie das mächtige Ausland das nützlich und nötig findet. Die kapitalistischen Staaten jedenfalls sind sparsam, was die Finanzierung ihrer staatlichen Geschöpfe betrifft, und veranstalten einen permanenten Test darauf, wie wenig da reicht.

3.
Aus der weltwirtschaftlichen Rolle Malis und der Rechnung der bestimmenden Mächte mit dem Land entsteht die Lage – ein staatsfreier Raum –, die die Islamisten ausnutzen und damit die sehr anspruchsvoll definierte westliche Sicherheit gefährden: Kaum 2500 Kilometer von Frankreichs Grenzen entfernt und nur durch Algerien und das Mittelmeer von Europa getrennt! So viel Bedrohung ist unerträglich und wird umgehend mit Krieg beantwortet. Frankreich nimmt sich der europäischen Sicherheitsprobleme an, die aus dem Versagen Malis erwachsen; nicht der Probleme Malis. Es bekämpft die Folgen, die die Erosion der malischen Staatsmacht hat, nicht diese Erosion selbst und schon gleich nicht ihre Ursachen. Es hilft dem Staat Mali nicht aus seinem Status als „failed state“ heraus, sondern funktionalisiert ihn in eben dieser Verfassung: Dafür schenkt es den malischen Putsch-Generälen und Präsidenten – was dasselbe ist – die Rettung ihrer Macht in der Hauptstadt, treibt die Islamisten weit zurück in die Wüste – und schafft damit die Voraussetzung dafür, dass die nun selbst die geschwächten Islamisten bekämpfen und jagen können. Das müssen die allerdings auch, im Interesse ihres eigenen Machterhalts. Zeitungen wissen längst, dass mit dem französischen Blitzkrieg nichts erledigt ist, dass die Islamisten nur in unzugänglichere Gebiete geflohen sind, um nach Abzug der Franzosen wieder zu kommen. Kommentatoren zweifeln, ob Frankreich zu Recht schon den Sieg und das Erreichen seiner Ziele in Mali ausrufen darf; sie hätten besser die imperialistische Aufgabenzuweisung zur Kenntnis genommen, die in der schnellen Kriegsbeendigung liegen: Zu allerletzt der französische Präsident hegt die Illusion, dass die Dschihadisten und die Gefahr, die von ihnen ausgeht, bald erledigt sein würden – das Ziel ist ohnehin nur durch die Ausrottung der Kämpfer zu haben, und von denen werden durch solche imperialistischen Einsätze nicht nur viele getötet, sondern immer auch neue erzeugt.
Die Daueraufgabe, die Islamisten in ihrem Land in Schach zu halten, schieben Frankreich und seine europäischen Partner den dortigen Machthabern zu. Ihr Staat hat als erste und einzige Aufgabe seine Selbsterhaltung gegen diese Konkurrenten durchzukämpfen, muss seine dürftigen Finanzmittel und Waffen darauf konzentrieren und seine Machtausübung auf diese Weise in den Dienst europäischer Sicherheitsbedürfnisse stellen. Dafür bekommen die malischen Militärs dann auch abgelegte Waffen und einige Ausbilder gestellt, die ihnen zeigen, wie man sie benutzt. Dafür drängen Europa und die UNO die südlichen Sahara-Anrainer zur militärischen Kooperation trotz der Gegensätze und Feindschaften, die sie untereinander haben, und trotz des peinlichen Umstands, dass sie ungefähr in derselben Lage sind wie Mali: In ihrer Not, schon fürs Niederhalten ihrer einheimischen Feinde nicht genug Soldaten und Geld aufbieten zu können, sollen sie nationale Machtmittel dem Nachbarstaat zur Verfügung stellen, wenn der mit islamistischen Aufständen nicht fertig wird. Bei aller Funktionalisierung des Machtwillens der Gorillas in Bamako und seinen Nachbarstaaten machen sich Frankreich und der Westen von der Leistungskraft ihrer Kreaturen nicht abhängig: Frankreich bleibt mit einer starken Garnison in Niger, mit Flugzeugen und Fremdenlegionären präsent. Parallel dazu richten die USA im Norden Nigerias eine Basis für den Drohnenkrieg ein, die mit kaum 100 Soldaten das Kräfteverhältnis im ganzen subsaharischen Afrika unter Kontrolle halten soll. Dies mit der neuen Kriegstaktik des Friedensnobelpreisträgers im Weißen Haus: Die USA gehen nicht mit eigenen Soldaten in die umkämpften Gebiete, errichten und garantieren dort keinerlei Ordnung oder auch bloß militärische Stabilität, sondern begnügen sich damit, sporadisch Ansammlungen vermuteter Islamisten zu bombardieren, Ansätze von militärischer Infrastruktur kaputt zu machen und Leute umzubringen.

4.
Man darf Präsident Hollande schon glauben, wenn er versichert, Frankreich wolle nicht zurück zum Kolonialismus, sich nicht in Mali festsetzen, sondern sich so bald als möglich wieder zurückziehen. Ein Witz ist nur die Prätention von Zurückhaltung und Selbstbeschränkung, die sich die französische Großmacht da auferlegt. Die Distanzierung von einer historischen Form imperialistischer Kontrolle, auf die der Kolonialismuskritiker im Elysee-Palast Wert legt, stellt die aktuelle als einen einzigen Akt des Respekts vor der Souveränität der ehemaligen Kolonie hin.

Gar kein Witz ist diese Auskunft, soweit sie sich an die imperialistischen Partner und Konkurrenten richtet. Frankreich, von dem die Welt ja weiß, wie sehr es am Uran im Nachbarland Niger und anderen Bodenschätzen der Region und überhaupt an seiner besonderen Zuständigkeit für sein ehemaliges Kolonialreich interessiert ist, teilt den Konkurrenten mit und will von ihnen anerkannt bekommen, dass es da kein bloß nationales Ziel verfolgt, schon gar keinen egoistischen Zugriff tätigt, der sich die Vorherrschaft über Mali und die Region sichert und Konkurrenten ausschließt, sondern dass es in einer Aufgabe unterwegs ist, die die Nato-Partner ebenso angeht, dass es eine allgemeine Bedrohung des Westens bekämpft und dafür Rückendeckung und materielle Unterstützung von den Partnern erwarten und verlangen kann. Vor allem Deutschland und die USA versucht Frankreich mit ins Boot zu holen.

Die imperialistischen Konkurrenten geben dem französischen Antrag auf Solidarität statt – allerdings auf eine sehr ironische Weise. Anders als die USA im Krieg gegen Saddam Husseins Irak (2002), anders auch als noch bei ihrem Angriff auf Libyen 2011, bekommen die Franzosen im Fall Mali weder von den Deutschen noch von anderen scharfe Absagen zu hören, mit denen die völkerrechtliche Legitimität des Krieges bestritten wird. Vom UN-Sicherheitsrat samt Russland und China, wie vom Erbfreund Deutschland werden die Entschlossenheit Frankreichs einhellig gelobt, sein Einsatz im allgemeinen Interesse gebilligt und sogar seine besondere Zuständigkeit für das frankophone Afrika ohne Einschränkung anerkannt. Gerne lässt man dem französischen Partner in Mali den Vortritt; anders wieder als in Afghanistan drängen die anderen gar nicht aufs Mitschießen und sind nicht scharf auf eine eigene Rolle auf dem Kriegsschauplatz. Die Solidarität mit Frankreich bleibt vorwiegend verbal; mit materiellen Beiträgen, wie Frankreich sie fordert, halten sich die Verbündeten sehr zurück.
Die anderen Imperialisten teilen das Bedürfnis, die Islamisten in der Wüste fertig zu machen, aber sie sehen keinen Grund, dafür eigene Soldaten und Mittel einzusetzen, und das auch noch unter französischer Führung. Wo die USA es nötig finden, schlagen sie mit ihren Drohnen auf eigene Faust zu, ohne jeden Bezug auf den französischen Feldzug. Dass ein Land, das weltpolitisch mitreden will, mitschießen muss, wann und wo immer mit Gewalt Ordnung geschaffen wird, gilt nach wie vor. Nur sind die Partner in diesem Fall eben der Meinung, dass in der malischen Wüste gar nicht viel entscheiden wird. Weder ist ihnen der Schauplatz so wichtig und die Bedrohung durch die islamistischen Bewaffneten so unmittelbar, dass sie den Einsatz ihrer Machtmittel für erforderlich halten, noch hat Frankreich die imperialistische Statur, der Welt die Tagesordnung zu diktieren und allein durch seinen Einsatz die Sache so wichtig zu machen, dass die anderen vor der Alternative stehen, sich einzuordnen oder in einer wichtigen weltpolitischen Gewaltaffäre irrelevant zu sein. Die Partner bestreiten Frankreichs Führung also nicht, hängen die Sache aber so tief, dass ein französischer Machtgewinn garantiert nicht herauskommt. Diese Haltung der „Weltgemeinschaft“ unterstreicht noch einmal die in Addis Abeba zusammengetrommelte Geberkonferenz interessierter Staaten: Sie mobilisiert für das zerfallende Mali die lächerliche Summe von 370 Millionen versprochener, noch lange nicht gezahlten Dollars. Jeder Tag des französischen Krieges hat mehr gekostet. So sehr die Partner und Konkurrenten den Fremdenlegionären Erfolg bei ihrer Islamistenjagd wünschen, so wenig haben sie übrig für die bescheidensten Existenzbedürfnisse des Staates Mali, der nun diese Jagd für den Westen fortsetzen soll.
Ja, auch Österreich schickt ein paar symbolische Typen in Uniform …