Player
LIVE SEIT 09:00
Zur Zeit spielt Radio Afrika International. Bei klick auf den Button öffnet sich der Player in einem neuen Fenster
BIS 10:00
Zur Übersichtsseite von Kein Kommentar.
Sendung vom 14.01.2014 11:00:

Die Frau im Kapitalismus

Die Frau im Kapitalismus: Anerkennung von „Frauenproblemen“ statt Kritik an deren Gründen

GegenStandpunkt & Diskussion

Die Frau im Kapitalismus
Anerkennung von „Frauenproblemen“ statt Kritik an deren Gründen

Referentin: Prof. Margaret Wirth (Bremen)
Donnerstag 23.1.2014 um 19:00
Neues Institutsgebäude NIG Hörsaal 3, Universitätsstr. 7, 1010 Wien

So ziemlich alle Welt ist sich heutzutage einig: Um Frauen muss sich besonders gekümmert werden; dieser Teil der Menschheit benötigt eine besondere Betreuung. Die wird ihr auch lebhaft zuteil: Noch jede gesellschaftliche und politische Organisation lobt sich dafür, Frauen besonders zu berücksichtigen. Es gibt Frauenbeauftragte, Gleichstellungsbeauftragte, Quotenregelungen, selbst in der Sprache dürfen sich Frauen gleichberechtigt vertreten sehen. Sogar pennale und akademische „Mädelschaften“ gibt es inzwischen – auf diese Weise können Schüler- und StudentInnen artgerecht an der bisher rein männlich organisierten Burschenherrlichkeit partizipieren …

Als Frau darf man sich überall zu Wort melden, sich auf eine besondere Betroffenheit berufen und Anerkennung einfordern. Dass jemand, die irgend etwas will oder sich über etwas beschwert, dies als Frau, unter Berufung auf die Geschlechtszugehörigkeit tut, gilt als Argument, das dazu berechtigt, ein Anliegen geltend zu machen – ganz getrennt davon, in welchem Zusammenhang es geäußert wird und welchen Inhalt das Anliegen hat. So wird den Problemen, die Frauen haben, Respekt entgegengebracht: es wird betont, dass man sie ernst nimmt. In der Wissenschaft ist das Thema „Frau“ bzw. „gender“ zu einem eigenen Theorie- und Forschungszweig ausgebaut worden, wo sich hauptsächlich Wissenschaftlerinnen des Themas Mann / Frau annehmen.

Die Anerkennung, die die Frauenfrage inzwischen bis in höchste politische Gremien hinein genießt, gilt auch bei Kritikern der Gleichberechtigung als Fortschritt der Frauenbewegung. Dabei merkt noch jeder, dass diese Anerkennung in gewissem Kontrast dazu steht, wie es den allermeisten Frauen nach wie vor geht. Ein paar Hinweise: Nach wie vor sind Frauen in höheren Berufen, wie es so schön heißt, „unterpräsentiert“, Quote hin oder her. Wenn ein Arbeitgeber Frauen schlechter bezahlt, darf er vor Gericht nicht das Geschlecht als Grund nennen. Das gilt dann als Diskriminierung und ist verboten; die schlechtere Bezahlung an „Frauenarbeitsplätzen“ und in „Frauenberufen“ gibt es weiter. Überall gibt es staatlich geförderte Frauenhäuser; Eheterror und Prügelszenen sind ebenso wenig beseitigt wie die Doppelbelastung durch Kindererziehung und Beruf. Härtere Strafen für Vergewaltigung führen nicht dazu, dass die Vergewaltiger aussterben. Usf.

Dafür, dass solche Probleme trotz rechtlicher Gleichstellung weiterhin auftreten, kursiert eine Erklärung: Hier wirken angeblich Vorurteile weiter. Die würden verhindern, dass Frauen die ihnen von Rechts wegen zustehende gesellschaftliche Stellung erlangen. Solche „alten Verhaltensmuster“ müsste man beseitigen, dann wäre die Sache der Frau schon auf dem rechten Weg. Dabei fällt auf:

Erstens scheinen diese „Verhaltensmuster“ ziemlich hartnäckig zu sein. Noch soviel gut gemeinte Aufklärung, noch soviel Anstrengungen, den Frauen die ihnen zustehende Wertschätzung zu verschaffen, scheint da wenig zu bewirken. Warum das? Zweitens herrscht gar keine Einigkeit darüber, wie die zur Frau „passende“ gesellschaftliche Stellung eigentlich auszusehen hätte, wofür die Frau denn wertgeschätzt werden sollte. Ob da mehr die Gleichheit oder die Differenz zu „Männern“ im Vordergrund stehen sollte, ob besondere sog. oder wirkliche „weibliche“ Eigenschaften und Leistungen anzuerkennen sind oder eher die Fähigkeit von Frauen, wie Männer ihren Mann im Berufsalltag zu stehen – darüber wird munter in Talkshows und Uni-Seminaren gestritten. Aber vielleicht ist ja schon die Frage verkehrt?

Gegen die Behauptung einer immer noch fehlenden „echten Gleichberechtigung“ und einer „Diskriminierung der Frau“ sollen im Vortrag folgende Gegenthesen entwickelt werden: Erstens: Die Forderung nach Gleichberechtigung geht an den Gründen für die Schlechterstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt ebenso vorbei wie an den Gründen für die unschönen Formen, die das Leben zu zweit nicht selten annimmt. Dass die rechtliche Gleichstellung die Lage der meisten Frauen nur unwesentlich verbessert, liegt daran, dass die rechtliche Ungleichheit gar nicht der Grund für diese Lage ist. Zweitens geht auch die Auffassung an der Sache vorbei, die „Diskriminierung der Frau“ läge am Weiterbestehen eigentlich längst überholter „Verhaltensmuster“ bei Personalchefs und oder Männern überhaupt. Solche sog. „Vorurteile“ sind vielmehr die zur kapitalistischen Konkurrenz genau passende Geisteshaltung, mit der Mann wie Frau den Leistungsansprüchen von Kapital und Staat unterworfen werden.

Als vorbereitende Diskussionsanregung noch ein paar Bemerkungen zur
Frau im Kapitalismus:

Frauen verdienen im heutigen Kapitalismus – je nach Berechnungsmethode und gewähltem Zeitraum, ob also das Lebenseinkommen oder das Durchschnittseinkommen zu einem bestimmten Zeitpunkt betrachtet wird – um ein Drittel bis ein Viertel weniger Geld als Männer; in einer im Jahr 2012 zum sog. „equal-pay-day“ losgetretenen, hauptsächlich im „profil“ geführten Debatte waren 25% der unbestrittene Ausgangspunkt. Hier und heute geht es nun einmal um eine andere Frage als um die übliche, ob das erlaubt ist, ob sich das gehört und ob die – die Dienstnehmer, die Löhne zahlen – das denn dürfen. Die Frage heute geht ganz schlicht darauf, warum das so ist.

Ausgangsthese: Diese Differenz kommt nicht durch die ungleiche Behandlung von Frauen und Männern zustande, sondern durch die Gleichbehandlung; weil also Männer und Frauen von den Arbeit- bzw. öffentlichen Dienstgebern unter die identischen Kriterien von Lohn und Leistung gebeugt werden, gleichermaßen als Kostenfaktoren und Leistungsträger behandelt werden – deshalb sind die Ergebnisse geschlechtsspezifisch verschieden.

Der eine, der größte Teil dieser Einkommensdifferenz steht inzwischen einigermaßen außer Streit: Frauen kriegen Kinder, gehen in Karenz, und an diese Unterbrechungen der Lohnarbeit schließt sich häufig Teilzeitarbeit an – wegen der berühmten „Vereinbarkeit“ von „Beruf und Familie“. Diese Unterbrechungen der „Erwerbsbiographie“, wie das auf soziologisch heißt, und die kürzeren Teil-Arbeitszeiten wirken sich in weniger Gehalt aus und summieren sich obendrein in weniger Dienstjahren, darüber in weniger Gehaltsvorrückungen ebenso wie in weniger Beförderungen bis in die Pension. Wegen des Prinzips „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ was eben einen Teil-Lohn wegen Teilzeit-Arbeit nach sich zieht, kommt unterm Strich also eine Differenz heraus.

Dann gibt es noch den – für die damalige Frauenministerin Heinisch-Hosek – sog. „unerklärlichen“ Rest, der in der Debatte des Jahres 2012 einmal mit 12, dann wieder mit 8% beziffert wurde, wobei die Höhe nicht der Witz ist. Das banale Interesse der Betriebe, möglichst wenig zu zahlen und ständig zu testen, wieweit sie damit durchkommen, ist zwar unterstellt, das genügt der Ministerin aber nicht als hinreichende Erklärung, und ist es auch nicht. Dieser andere Teil der Differenz – der „unerklärliche“, was so viel bedeuten soll wie „ungerecht“ und nur durch sogenannte „Vorurteile“ erklärbare –, das ist der – ich nenne das mal so: der Frauenmalus. Was heißt das und worin besteht er?

Der Frauenmalus besteht in der Ansicht der Arbeitgeber, dass Frauen ganz allgemein und generell weniger leistungsfähig sind, und ihnen deswegen weniger gezahlt gehört – und dieser Standpunkt ist alles andere als ein Vorurteil oder unbegründet. Die Begründung für den Frauenmalus besteht in der Gewissheit, dass Frauen neben dem Beruf noch andere Pflichten haben, die Familie und die lieben Kinder nämlich, und deswegen nicht ebenso rücksichtslos benutzbar sind, wie das vom Arbeitnehmer erwartet wird. Nochmal anders: Frauen sind in der Tat weniger leistungsfähig, deswegen ist ihre schlechtere Bezahlung „ökonomisch rational“, um es mal so zu formulieren – und das liegt nicht daran, dass Frauen weniger leistungsfähig sind, weder physisch noch psychisch noch wegen hormoneller Zyklen. Es wird die Doppelbelastung den Frauen zum Vorwurf gemacht bzw. als Vorwand für Lohndrückerei benutzt, so wie den Arbeitgebern jeder diesbezügliche Vorwand recht ist, solange sie damit durchkommen.

Die täglichen Erscheinungsformen dieser Doppelbelastung, also dieser verminderten Brauchbarkeit für die Firmen sind ebenfalls allgemein bekannt: Wenn der Kindergarten zusperrt und Frau deswegen Schluss machen muss, dann sind Überstunden eben nicht problemlos abzurufen; wenn das Kind krank wird und betreut werden oder von der Schule abgeholt werden muss, dann ist – in der Regel – schon wieder Frau gefordert, und muss das im Job und mit dem Job irgendwie hinkriegen, als zumindest logistischen Zusatzaufwand. Wie soll die Alleinerzieherin (ganztags) arbeiten, wenn niemand für das Kind verfügbar ist? Diese verminderte, durch zusätzliche Pflichten behinderte Verfügbarkeit für das Unternehmen wird durch diesen Frauenmalus gewissermaßen in den Lohn „eingepreist“, wie man das im Börsianerdeutsch nennt. Praktisch wird das alles abgewickelt in einer schlechteren Einstufung in der Lohnhierarchie; es gibt hierzulande bekanntlich ein sehr ausdifferenziertes Lohngefüge mit allein im Einzelhandel ca. 100 verschiedenen Einstufungsmöglichkeiten, und da versucht das Kapital seine Möglichkeiten auszureizen. Frauen werden auch nach Ausbildung und Vordienstzeiten gern „falsch“ oder anders als Männer eingestuft, wenn da der Betriebsrat nicht sehr engagiert ist.

Das einzig vorurteils-mäßige oder das einzig „Ungerechte“ in der Angelegenheit ist die Subsumtion des Individuums Frau unter die Dienste und Pflichten der Gattung Frau; frau wird generell und ohne Prüfung des Einzelfalls als jemand mit anderen, zusätzlichen, hinderlichen Pflichten genommen. Aber die Frage nach der Schwangerschaft oder dem Kinderwunsch während des Bewerbungsgesprächs ist den Unternehmen ja ausdrücklich untersagt … Frauen trifft das kollektiv, was Männer durchaus auch trifft, wenn sie in Karenz gehen, aber derzeit individuell – nämlich der Vorwurf von Seiten des Betriebes, andere Pflichten oder Neigungen wichtiger zu nehmen als den Job, was sich dann auf die Wertschätzung, die innerbetrieblichen Chancen, die Gehaltserhöhungen und Beförderungen auswirkt. Neulich eine Notiz in einer Zeitung: Auf das Bedürfnis eines männlichen Arbeitnehmers, in Karenz zu gehen, reagiert der Chef mit dem schnörkellosen Hinweis, der Betreffende brauche „nachher gar nicht mehr wiederzukommen“. Die Arbeitgeber verschmähen die Frauenarbeit deswegen nicht, sie wird eben geringer bezahlt, wenn die Betriebe damit durchkommen. Im Lohn spiegelt sich ja nicht nur das Interesse des Lohnzahlers an der Leistung, sondern auch die Verfügbarkeit über die Kernarbeitszeit hinaus, die geforderte „Mobilität“, die Freiheit im Umgang mit den Überstunden und Zusatzaufgaben, für die eine Arbeitskraft problemlos und permanent abrufbar sein soll. Das alles ist übrigens für niemand ein Geheimnis, in den Hintergrundartikeln zu den unterschiedlichen „Erwerbsbiografien“ anlässlich des internationalen Frauentages wird das alles breitgetreten und erörtert. Erstaunlich ist eher die immer wiederkehrende Vorstellung, dass so eine Lohndifferenz den in der Marktwirtschaft gültigen Kriterien von Lohn und Leistung widerspräche, und insofern grundlos oder vorurteilsbasiert sei. Dazu später eine Bemerkung.

Anekdote dazu, und wenn sie nicht stimmen sollte, ist die Geschichte zumindest gut erfunden: Frauen in der ehemaligen DDR haben registriert, dass nach dem Anschluss der DDR an die deutsche Marktwirtschaft sowohl das frühere Recht auf Arbeit erledigt war, als auch das frühere dortige System der Kinderbetreuung – dort gab es ein flächendeckendes und gut funktionierendes System von Kindertagesstätten. Das wurde abgewickelt, aus ideologischen Gründen, es durfte einfach in der DDR nichts geben, was als brauchbare Leistung für die Bürger erscheinen konnte, also wurde das als schaurige Verstaatlichung der Kinder gegeißelt. Inzwischen, zwanzig Jahre später, gibt es in Gesamtdeutschland das immer vehementere Bedürfnis nach der Einführung einer solchen Betreuung, um Karriere und Kind besser vereinbaren zu können – der Zwang zum Geldverdienen heißt bekanntlich Karriere, sofern er Frauen trifft, und das Kind ist dementsprechend ein berüchtigter „Karrierekiller“, nach einer stehenden Redewendung. Natürlich ist im richtigen Leben nicht das Kind der Karrierekiller, sondern die Marktwirtschaft, aber nachdem deren Rechnungsarten und Forderungen und Zwänge absolut und ohne Abstriche gelten, werden da sogar die lieben Kinder für die Sorgen ihrer Mütter verantwortlich gemacht. Zurück zum Anschluss der DDR: Die frühere Arbeitsplatzgarantie war also weg, die Kinderbetreuung war auch weg, und damals haben Frauen angeblich – tüchtig und realistisch – sich sterilisieren lassen, und die entsprechende Dokumentation bei der Bewerbung eingebracht, um den Frauenmalus loszuwerden.

*

Eine etwas anders akzentuierte Variante der Diskussion widmet sich dem Problem der „Gleichwertigkeit“ in folgendem Sinn: Wenn der gleiche Lohn gezahlt wird und Frauen dennoch weniger verdienen, dann steht es womöglich schlecht um diese „Gleichwertigkeit“ der Arbeiten in Bezug auf die typischen „Frauen- bzw. Männerberufe“ – Krankenschwester vs. Bauarbeiter. Eine „Gleichwertigkeit“ sehr verschiedener Tätigkeiten ist ohnehin nicht wirklich zu berechnen, weder die gleiche noch die ungleiche Wertigkeit ist an der konkreten Arbeit festzustellen, es fehlt das tertium comparationis der Tätigkeit von Friseusen und Mechanikern. In der relevanten Hinsicht allerdings sind alle verschiedenen Arbeiten wieder sehr gleichwertig, in ihrem eigentlichen Resultat nämlich, im Geld. Alle stellen Tauschwert her, das Resultat der Arbeit muss Geld bringen, sich in Geld verwandeln. Und von daher, wenn auch nur von daher ergibt sich umgekehrt die höhere oder mindere Wertigkeit der Arbeit: Was trägt sie zum Unternehmensergebnis, zum geldwerten Ergebnis bei? Da ist nur eine generelle Konsequenz abzuleiten: Je weniger der Lohnempfänger erhält, desto besser für das Betriebsergebnis, desto mehr Geld spielt sie dem Veranstalter ein. Alles Nähere regelt das Gesetz von Angebot und Nachfrage; Unternehmer testen ständig aus, was sie für die Arbeitskraft hinlegen müssen. Eine andere Konsequenz daraus ist, dass Positionen, die mit „Verantwortung“ verbunden sind, indem sie den Nutzeffekt der Arbeit anderer steigern, wo also andere kommandiert und beaufsichtigt werden – dass diese Positionen mehr Gehalt einbringen: Diese Berufe in der Hierarchie weiter oben stehen für viel Arbeit und wenig Geld, bei den Untergebenen nämlich.

Daran ändert sich auch nichts, wenn mehr „Frauen in Führungspositionen“ kommen. Die setzen das Interesse des Unternehmens oder der Instanz, die den Lohn zahlt, gegen die Lohnempfänger durch. Es ist eigentlich ein Rätsel, wieso Frauen, die nie Vorstand oder MinisterIn werden, es irgendwie gut finden sollen, wenn andere Geschlechtsgenossinnen – für die das sicher fein ist – etwas Besseres werden. Unter Männern wäre das eher eine Verarschung, wenn da umgekehrt jemand fordert, alle Männer sollten sich darüber freuen, über den Bundespräsidenten, den Kanzler, den Raiffeisenoberboss? Durch die Bank lauter Männer, wie schön, aber was haben andere Männer davon, die genau wie Frauen ausbaden müssen, was Politiker und Wirtschaftsbosse aushecken?

*

Was in all diesen Debatten völlig ausgeklammert ist und bleibt, weil es ja mit Gerechtigkeit wirklich nichts zu tun hat, das sind übrigens die entscheidenden Fragen; nämlich erstens: Wie viel Lohn bräuchte frau denn für ein anständiges Leben, wo beginnt ein ordentlicher Lebensstandard? Und zweitens: Was muss frau denn dafür tun; verhindert Belastung und Verschleiß und Stress nicht ohnehin die Lebensqualität und reduziert die Freizeit auf die Notwendigkeiten der Regeneration und Reproduktion? Das, was zählt an Lohn und Leistung – wie viel braucht denn frau für ein gutes Leben und wieweit muss frau sich aufreiben, das kommt in der Gleichheits- und Gerechtigkeitsdebatte nicht vor.

*

Ganz allgemein existiert übrigens weder das Kollektiv der „Männer“ noch das der „Frauen“ mit quasi-naturwüchsigen gemeinsamen Interessen; eine gemeinsame Betroffenheit kommt in aller Regel über unterschiedliche staatliche Ansprüche und Festlegungen zustande; wenn also etwa nur den Männern ein Wehrdienst abverlangt wird oder speziell von den Frauen nicht nur die Lohnarbeit, sondern auch noch die Fortpflanzerei und Kinderbetreuung erwartet wird. Oder wenn früher im Eherecht unterschiedliche Pflichten fixiert wurden. Um die Funktion der Mutter erfüllen zu können, gewährt der Staat Sonderrechte für Schwangere und Erziehende, die sich wieder als Benachteiligung erweisen, als Konkurrenznachteil vom Standpunkt des Geldverdienens aus. Deswegen und nur deswegen hat übrigens die „ökonomische Rationalität“ in dieser Angelegenheit ausnahmsweise nicht das letzte Wort. Da treten das Betriebs- und das Staatsinteresse auseinander. Ein Familienleben ist keineswegs Privatsache, wo der Mensch nach seiner Fasson selig werden soll, sondern ist Staatsdienst, die klassische Redeweise von der Familie als „Keimzelle des Staates“ ist keineswegs überholt. In Bezug auf die Fortpflanzung der Österreicher erwartet der Staat einmal die physische Reproduktion seiner Staatsbürgerrasse sowie elementare Sozialisationsleistungen von den Familien – und nur deswegen hat sich in Politik und Öffentlichkeit der Standpunkt durchsetzen können, dass diese staatliche erwünschte Doppelbelastung der Frauen ihnen nicht über Gebühr zum Nachteil geraten soll, und in die „Armutsfalle“ führt. Deswegen gibt es beides, die ökonomische Schlechterstellung und die Gerechtigkeitsdebatte darüber – und beides als Dauereinrichtungen, weil damit der Betriebsstandpunkt, der Grund für die Lohndrückerei eben nicht aus der Welt ist.

*

Warum Frauen sich eine Familiengründung überhaupt einleuchten lassen – im Wissen darum, dass sich alle finanziellen Parameter verschlechtern – das ist schon überlegenswert, dazu gezwungen wird ja niemand. Nun, die Doppelbelastung hat schon ihre charakteristischen Folgen für das Weltbild junger Frauen und Mädchen, und deren Wünsche; und diese kommen garantiert nicht aus einem rückwärtsgewandten Frauenbild, wie es die angefeindeten Burschenschaften gern vertreten, sondern aus der täglichen Praxis:

„Wenn die Maturantin Tina M. von der Zukunft träumt, wirkt das, als ob sie einem feministischen Schwarzbuch entsprungen wäre. Vier süße Kinder, abends kommt der Ehemann nach einem erfüllten Arbeitstag nach Hause, es wird frisch Gekochtes gemeinsam gegessen, wobei Berufsstress und Doppelbelastung in Tinas Weltbild definitiv nicht auf dem Menüplan stehen. Doch, doch, sie möchte nach dem Schulabschluss schon studieren, vielleicht sogar kurz arbeiten gehen, aber, wenn alles gut läuft, sich in ihrer Lebensvision nicht durch Dinge wie Selbstverwirklichung und Karriere unnötig irritieren lassen.“ (profil 47/2011)

Tina möchte sich nicht durch „Selbstverwirklichung“ irritieren lassen? Sie hat doch gerade ihre Vorstellung davon geschildert! Sie ist halt nicht der Meinung, der Zwang zum Geldverdienen sei ihre Form der Selbstverwirklichung, und würde dem gern entkommen. Dasselbe Bedürfnis schildert gerade neulich eine Gewerkschafterin: „Zu denken gibt der Spitzengewerkschafterin, dass so viele Mädchen im jüngsten Jugendmonitor des Familienministeriums gesagt haben, sie wollen zurück an den Herd und reich heiraten. ‘Vielleicht’, fragt sich Oberhauser selbstkritisch, ‘vermitteln wir unseren Kindern zu viel den Stress und zu wenig den Spaß an der Arbeit.’“ (Kurier 4.1.14) Da hat wohl die Gehirnwäsche versagt: Arbeit macht Spaß, ihr Mädchen, kapiert!

Von vorne: „profil“ will mit dem Hinweis auf die „Maturantin Tina“ sagen, dieses Mädchen ist keine Dumpfbacke, die außer einer Karriere als Muttertier ohnehin keine Perspektive hat, sondern die könnte etwas aus sich machen. Und dann will sie bloß Mutter werden – übrigens von vier Kindern, also übermäßig bequem und stressfrei will es das Girlie nicht haben! Wie das? Die hier befragten jungen Frauen und Mädchen gehören einer Generation an, der von ihren Müttern vorgeführt wurde, was es heißt, „Karriere und Kinder“ zu verbinden – das geht, und das geht vor allem voll auf Kosten aller Beteiligten, mit „Stress“, aufreibendem Dauereinsatz, bis zum „burn out“. Und dem wollen die Töchter offenbar gern entkommen, denn Lohnarbeit ist eben Scheiße und die Doppelbelastung machte es auch nicht besser. Der Irrtum dieser Jugendlichen besteht vor allem in der Vorstellung, es sich aussuchen zu können, und sich gegen den Zwang zur Arbeit einfach entscheiden zu können – ja da müsste der anvisierte Typ schon ordentlich reich sein und außerdem einen wasserdichten Ehevertrag zugunsten der Gattin unterschreiben, denn das moderne Eherecht gibt diese Perspektive nicht her.

*

Schlussbemerkung: In der eingangs erwähnten profil-Debatte des Jahres 2012 war zu bemerken, dass „den Frauen“ von manchen Diskutanten der Status als besonders benachteiligte und daher besonders berücksichtigenswerte Gruppe abgesprochen werden sollte – es wurden sozusagen von Männern gleiche Konkurrenzbedingungen gefordert wegen einer bereits erfolgreich erreichten Gleichberechtigung –, was die diskutierende „Frauenseite“ vehement beeinsprucht hat: Nein, Frauen sind nach wie vor eine Abteilung der Gesellschaft, die speziell benachteiligt ist und daher besonders beachtet werden sollte. Dazu gibt es übrigens eine feministische Gegentendenz: Frau möge sich nicht ständig selber auf die Opferrolle festlegen oder festlegen lassen, dadurch werde sie es womöglich erst. Wie dem auch sei, das mit der vollständigen Gleichstellung ist natürlich nicht erreicht und wegen der Familie auch nicht so recht machbar, Frauen sind faktisch diejenigen mit der Doppelbelastung; die alltägliche Ausgestaltung hängt dann von der Geneigtheit des Göttergatten und vom Familieneinkommen und von der Möglichkeit ab, Großmütter und Freundinnen zu aktivieren. Ebenso von der Kalkulation von Großbetrieben, die in ihrer Personalplanung auf Basis einer ohnehin ständig stattfindenden Fluktuation auch die weibliche Erwerbsbiographie berücksichtigen – oder auch nicht.

Bemerkenswert an diesem offiziellen weiblichen Anerkennungsbedürfnis als Benachteiligte ist mehr, dass frau sich ziemlich täuscht über den Ertrag der Anerkennung als besonders betroffenes Kollektiv: Diese Auszeichnung – Frauen haben es immer noch besonders schwer – ist kein Mittel und kein Hebel und keine Voraussetzung für gar nichts. Da folgt nichts draus, weder beim Lohn noch bei der Familienbelastung. Die Anerkennung als Teil der Gesellschaft, der es schwer hat, ist schon der ganze Lohn dafür, dass frau es schwer hat – und aus. Diese Sorte Anerkennung ist ähnlich nutz- und folgenlos wie das politisch korrekte große I bei Ministerinnen, Kapitalistinnen, Politikerinnen, Arbeiterinnen und FrauInnen; oder wie die endlich erreichten „TöchterSöhne“ der neuen österreichischen Nationalhymne: Ideeller Lohn für weiter bestehende materielle Benachteiligung.

Ergänzungen, Einwände, Beschwerden und sonstige Beiträge am
Donnerstag 23.01.2014 ab 19:00 im NIG Hs 3, Universitätsstraße 7, 1010 Wien