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Sendung vom 02.12.2014 11:00:

Das moderne Studium

Der Pluralismus der Gesellschaftswissenschaften: Anstandsregeln einer falschen Wissenschaft

Vortrag und Diskussion

Der Pluralismus der Gesellschaftswissenschaften:
Anstandsregeln einer falschen Wissenschaft

Dienstag, 2. Dezember 2014, 19:00
Neues Institutsg.(NIG) HS 1, Universitätsstr. 7, 1010 Wien

Das moderne Studium – Wie heutzutage Leute mit der Wissenschaft umgehen, die sie ihnen nützen soll

Die kritische Frage, ob die Elaborate der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften nützliches, und ob sie überhaupt Wissen sind, findet in der Regel kein Gehör bei der Zielgruppe, an die sie sich zu aller erst richtet: bei den fertigen und den werdenden Wissenschaftlern dieser Fächer. Die Studenten geben ihrem jeweiligen Fach einen riesigen Bonus, der durch nichts als die gesellschaftliche Anerkennung begründet ist, die es genießt: Das ist die hohe Wissenschaft! Man selbst hat genug Schwierigkeiten, mitzukommen und sieht sich zu einer beurteilenden Meinungsbildung weder im Stande noch befugt. Die Dozenten setzen auf das Prestige ihrer Branche, pochen auf Respekt und fordern Nachvollzug. Die hohe Meinung von der Wissenschaft, die kritische Prüfung überflüssig macht, ruht auf seinem sicheren Fundament: Was immer es mit den Sozialwissenschaften im Einzelnen auf sich haben mag, wozu immer sie gut sein mögen oder nicht; eines steht fest: Nützlich ist diese Wissenschaft jenseits ihrer Inhalte für die Stellung in der Erwerbsgesellschaft, für Einkommen und Sozialprestige dessen, der sie sich aneignet. ‚Nicht fürs Leben, fürs Prüfung und Schein lernen wir!‘, denn das eröffnet den Zugang zu den höheren Rängen unserer ziemlich ungleichen Gesellschaft. In der Prüfung wird vom Studenten eine gewisse Bekanntschaft mit den Theorien seines Fachs erwartet, die Fähigkeit, sie auf Abruf zu reproduzieren und irgendwie mit der Wirklichkeit in Verbindung zu bringen. Also besteht „studieren“ für ihn darin, genau diese Leistung zu bringen. Lehrende und Lernende entsprechen ihrem gesellschaftlichen Auftrag und tun, was die Karriere verlangt, wenn sie sich höchst affirmativ und unwissenschaftlich auf Wissenschaft beziehen.

Studenten lernen wissenschaftliche Theorien wie vorher als Schüler Jahreszahlen, Vokabeln und die Elemente des Periodensystems – nämlich, so gut es geht, auswendig. Sie versuchen, sich die großen Namen und das Nacheinander der „Schulen“ ihrer Disziplin zu merken und bitten die Professoren um Hilfestellung bei ihrem Bemühen, sich in die Weltsicht des Faches hineinzufinden: Wie man sich das Gelehrte vorstellen solle, ob es nicht plausibler und vielleicht mit einem Beispiel zu haben wäre – das sind die kritischen Nachfragen, die den akademischen Dialog in Vorlesungen und Seminaren lebendig machen. Diese Fragen verraten einerseits, dass es für Neulinge gar nicht leicht ist, sich den gegenüber der mitgebrachten polit-moralischen Weltanschauung etwas fremdartigen Sichtweisen der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer anzuschmiegen. Dieselben Fragen verraten aber auch, dass es den Studenten genau darum und um sonst nichts zu tun ist. Sie streben danach, so zu denken wie der Professor, und wie er die Welt als Fall der jeweiligen Fachsicht zu deuten. Das nennen sie dann ein „Beherrschen der Wissenschaft“.

Studentische Kritik klagt die Schwierigkeiten an, die dem Nachwuchs bei diesem Geschäft gemacht werden. Wenn es an Büchern in den Bibliotheken, an leicht fasslichen Aufbereitungen des Stoffs und didaktischen Qualifikationen auf Seiten des Lehrpersonals fehlt; wenn Theorien Anschaulichkeit und Praxisnähe vermissen lassen, dann nimmt der Studentenvertreter kein Blatt vor den Mund. Zu solchen Vorwürfen weiß er sich berechtigt. Eine Frage aber stellt weder er noch sonst jemand im Universitätsbetrieb: Ob das Zeug überhaupt stimmt, das man sich als „Stoff“ mit möglichst geringem Aufwand einverleiben möchte. Diese Frage trägt ja auch wirklich nichts zum Prüfungswissen bei. Wer sie stellt, fällt auf die Nerven, stört den Betrieb, und bekommt das auch gesagt. Im günstigsten Fall wird dem Störer höflich beschieden, dass er mit seiner vielleicht ja berechtigten Frage zum falschen Zeitpunkt kommt – das allerdings immer! Die Novizen, heißt es da, müssen das Fach erst einmal kennen und „verstehen“ lernen; sie können noch nicht prüfend darüber nachdenken – als ob das Kennenlernen von Gedanken etwas anderes wäre, als sie nach-zu-denken. Die höheren Semester aber „verstehen“ schon zu gut; sie haben sich in die Sichtweise des Fachs eingehaust, müssen sie nun „auf die Empirie anwenden“ und „im Stoff weiterkommen“; fundamentale Fragen nach der Wahrheit des ganzen „Ansatzes“ kommen jetzt zu spät. Bewertung und Kritik von Theorien, wenn sie denn überhaupt berechtigt und erwünscht sein mögen, das hat vom Standpunkt des Faches auszugehen. Für eine prüfende Distanz zu diesem Standpunkt selbst gibt es im ganzen Studium keinen Platz.

Dabei wäre das die einzig angemessene Haltung gegenüber der Wissenschaft. Immerhin sind die an den Universitäten gehandelten Lehrgebäude die Gedanken – und zwar die gültigen, durchaus verbindlichen –, die sich die heutige Menschheit über sich und ihr soziales Universum macht. Auf was sonst sollte es bei Gedanken ankommen, wenn nicht darauf, dass die Erfahrungen, die alle machen, in ihnen begriffen, dass facts & figures auf ihre wahren Gründe zurückgeführt, in ihrem Was und Warum gewusst werden? Genau genommen gibt es da gar nichts zu memorieren; alles muss der Interessierte selbst begreifen, d.h. sich selbst erklären. Vorliegende Theorien sind ein Hilfsmittel dafür, aber nur, wenn sie prüfend nach-gedacht werden. Ganz unbekannt ist das ja nicht. Als Ideal wird diese Stellung zur Theorie an einer Universität in Ehren gehalten, deren Praxis damit nichts, aber auch gar nichts zu tun hat: „Philosophie kann man nicht lernen, man muss sie schon selbst betreiben!“ – diesen schönen Spruch lernen Studenten wie tausend andere Spruchweisheiten, wenn sie denn zum Kanon des Fachs gehören, den man für die Prüfung kennen sollte. So viel Philosophie haben sie dann aber alle drauf, dass sie wissen, dass ihr archivarisches Pauken von – einander auch noch widersprechenden – Theorien in Ordnung geht. Denn zuverlässiges Wissen, das wissen auch ganz junge Studenten zuverlässig, darf von der Wissenschaft nicht erwartet werden. Alle Theorie ist Meinung und Interpretation, die mehr mit den Interessen und Vorurteilen des „Erkennenden“ als mit der Sache zu tun hat, die er erkennt. Ausgerüstet mit der apodiktischen Wahrheit, dass es Wahrheit nicht gibt, fragen sich Studenten noch nicht einmal, warum sie sich dann die unverbindlichen Einfälle, theoretischen Marotten und fragwürdigen Versuche anderer Leute antun müssen – bloß subjektive Meinungen haben sie ja selber schon! Sie trösten sich lieber damit, dass sie ja nicht unbedingt glauben müssen, was sie sich in ihren Kopf packen. Sie erklären ausgerechnet im Bewusstsein ihrer Geistesfreiheit die Prüfung der angebotenen Gedanken für überflüssig. Manipulieren und indoktrinieren lassen sie sich nämlich von niemandem – auch nicht vom Dozenten. Misstrauisch bis ablehnend werden sie allenfalls gegen Leute, die zwingend argumentieren wollen. Was ihnen dagegen als Angebot unter vielen, als bescheidene Sichtweise und ganz gewiss zu kurz greifender Ansatz angeboten wird, übernehmen sie bereitwillig. Der mentale Vorbehalt, dass man ja nur für die Prüfung lerne und sich eine eigene Meinung vorbehalte, stellt sich spätestens nach der Hälfte des Studiums als selbstgefällige Einbildung heraus: Dann nämlich denken alle Studierten der Nation ziemlich ähnlich, etwa so wie es ihre akademischen Lehrer vorgemacht haben. Etwas anderes als deren Lehren, die sie erklärtermaßen ungeprüft nachbeten, haben sie nie gelernt. Die angeblich nur prüfungshalber übernommenen Sichtweisen und Interpretationsmuster sind die einzigen, die sie haben – und die sitzen fest, sind so absolut und verbindlich, wie es kein dogmatisches Lehrgebäude und keine Gehirnwäsche hingekriegt hätten.

Es ist schon eigenartig. Keine vorkapitalistische Gesellschaft hat umfassend Wissenschaft betrieben und einen größeren Teil der Jugend mit Wissen bekannt gemacht. Die moderne tut es – aber auf eine Weise, dass einer schon seine studentischen Berufspflichten hintansetzen muss, wenn er sich mit der Wissenschaft wissenschaftlich befassen will. Er muss sein demokratisches Recht auf eine freie Meinung ausschlagen, die selbstgefällige und selbstgenügsame Geistesfreiheit fade finden und sich dafür die wirkliche Freiheit nehmen, nur das als einen gültigen Gedanken zu akzeptieren, was Argument und Notwendigkeit für sich hat.

Wie Respekt Objektivität ersetzt

Dass sich verschiedene Positionen, die demselben Gegenstand gelten, wechselseitig in die Quere kommen, muss auch den Verfechtern dieser Positionen auffallen, da jede Theorie darauf besteht, die Erklärung – oder zumindest ein Stück Erklärung – ihres Objekts zu liefern und nicht bloß die Kundgabe eines Interesses oder einer Meinung zu sein. Dass dem so ist, beweisen die einzelnen Wissenschaftler in ihren opera magna et minima zunächst einmal dadurch, dass sie sich um bereits entwickelte Theorien kümmern und ihre Abhandlungen nicht als Einnahme eines subjektiven Standpunkts verstehen, als unbekümmerte und nicht weiter relevante Äußerung ihrer Meinung. Und dass sie sich darin mit den Theoretikern einig wissen, denen sie widersprechen, bekunden die Wissenschaftler damit, dass sie sich wechselseitig kritisieren: In Tausenden von Fußnoten nehmen sie aufeinander Bezug und argumentieren für ihre und gegen die Theorie ihrer Kollegen. Indem sie miteinander streiten, die eigene Auffassung über den Gegenstand gegenüber der anderer rechtfertigen und die Alternativen gewisser Mängel bezichtigen, halten sie an der Objektivität der Wissenschaft fest. Die Art und Weise allerdings, in der sie dies tun, zeigt, dass sie deswegen noch lange nicht auf objektive Erkenntnis aus sind und die Fehler ihrer Zunft beseitigen wollen. Aus der Diskussion zwischen Wissenschaftlern ist in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften die Wissenschaft der Diskussion geworden.

Weil das, was den Gegenstand ausmacht, gar nicht zur Debatte steht, wenn die Wissenschaftler miteinander diskutieren, sondern jeder sagt, was er am Gegenstand problematisieren möchte, weisen sie keiner Theorie ihre Ungültigkeit als Erklärung ihres Objekts nach, sondern verfallen darauf, der anderen Auffassung das Manko vorzurechnen, sie vernachlässige die eigene. Kritik ist für sie nicht dasselbe wie die Aufdeckung und Beseitigung der Fehler in der Theorie, die sie angreifen, sondern die Kundgabe ihrer Betrachtungsweise, die sie in der kritisierten Erklärung vermissen. Dabei gelingt es zugleich, die eigene Auffassung der Kritik zu entziehen, indem man sie als einen anderen Ansatz einführt, der den konkurrierenden Ansätzen zwar abgeht, diese aber keineswegs überflüssig machen soll. Es ist eben auch wieder ein Aspekt, der in ihm zur Sprache kommt, und als solcher hat er seine Berechtigung. Wo die Kritik das Kritisierte nur auf eine subjektive, von keiner Notwendigkeit wissenschaftlicher Objektivität diktierte Stellung zum Gegenstand bezieht, relativiert der Kritiker seine eigene Auffassung und macht sich unangreifbar: Er hat mit seiner Selbstrelativierung angegeben, was ihm bestenfalls vorzurechnen ist: dass er ebenfalls andere Gesichtspunkte vernachlässigt. So verstehen es die Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler in einem albernen Hin und Her von Vorwürfen, die kritisierte Theorie anzuerkennen und zu relativieren in einem.

Was sie sich in ihren Auseinandersetzungen leisten, stehen sie nicht an, in Reflexionen über ihr Tun zu bekräftigen. In den Einleitungskapiteln zu den Lehrbüchern ihrer pluralistischen Wissenschaft und in Kommentaren zu den unzähligen Sammelbänden bekennen sie sich ohne Ausnahme zur Perpetuierung ihrer Fehler. Mit demonstrativem Bedauern über das Scheitern ihrer Bemühungen um Einheit konstatieren sie sorgfältig das Sammelsurium der vielen sich widersprechenden Theorien, die die Gemeinde hervorgebracht hat, um diesen Offenbarungseid des wissenschaftlichen Verstandes ohne Umschweife konstruktiv und positiv zu wenden: Sie verstehen Wissenschaft als pluralistische Veranstaltung. Sie distanzieren sich in ihren Betrachtungen nicht nur formell von ihrem eigenen Werk, indem sie sich in die Pose des unbeteiligten Beobachters begeben, sondern erklären sich bereit zum Verzicht auf wissenschaftliche Objektivität.

Die konkurrierenden Theorien verlieren ihre beunruhigende Wirkung auf den Wissenschaftler, der in die Rolle des Beobachters der Wissenschaft geschlüpft ist, indem er sie zu gleichwertigen macht, auf einem Urteil über sie nicht besteht und ihnen den Charakter eines Versuchs bescheinigt. Dies ist die Manier, in der die pluralistische Wissenschaft ihr Versagen, das sie bemerkt und deshalb auch bespricht, als ihre eigentliche Fähigkeit zu feiern versteht.

Wissenschaft ist ein Versuch – zur Fortsetzung ihrer Fehler.
Das Bekenntnis zur Fortführung einer wissenschaftlichen Tätigkeit, deren Mängel man selbst konstatiert, ohne ein Interesse daran, ihnen auf den Grund zu gehen und sie abzustellen, die Verwandlung der eigenen Fehler in die Natur von Wissenschaft schlechthin, ist die Elementarform des Jargons der Bescheidenheit, den sich die Repräsentanten einer Wissenschaft zugelegt haben, denen es nur in einem Sinne auf Objektivität ankommt: sie wollen sie loswerden. Dieser Jargon bildet sich zunächst in dem Geschäft der Relativierung anderer Theorien heraus, in dem es darum geht, die eigene Partikularität in das gelobte Land der wissenschaftlichen Anerkennung einzuführen. Die Relativierung darf also auf keinen Fall die Besonderheit der anderen Theorie und damit ihren Urheber angreifen. Der Angriff muss sich also mit Anerkennung verbinden, so dass die Kennzeichnung der Theorie, der man sich hinzugesellen will, als falsch von vorneherein entfällt. „Falsch“ und „richtig“ sind Kategorien, die ein Interesse an Objektivität unterstellen, und deswegen für Diskussionen innerhalb der pluralistischen Wissenschaft ungeeignet. Man wirft einander daher „Einseitigkeit“ vor und stellt damit klar, dass man dem anderen nichts vorzuwerfen, sondern lediglich die andere Seite, die eigene nämlich, ins Spiel zu bringen hat. Empfehlenswert ist auch die Anerkennung in der Form des verbalisierten Stirnrunzelns, die dem Angegriffenen zu erkennen gibt, dass man sich mit seinem Zeug redlich herumschlägt: man nennt die diskutierte Auffassung „problematisch“ und erinnert an gewisse Konsequenzen, die man sich aus dieser Auffassung zurechtlegt, so dass das Missverständnis ausbleibt, die Wissenschaftlichkeit der getadelten Theorie stünde in Frage. Gut zu Gesicht steht auch die Pose des Fortsetzens, die man mit der Phrase einnimmt: „Damit ist noch nicht viel gewonnen.“ Man biedert sich so bei seinem Gegner an, unterstellt ihm dasselbe Interesse wie das eigene, sorgt sich um den gemeinsamen Gewinn und schafft sich so einen schönen Auftakt für den Ansatz, Vorschlag, die Dimension u.Ä., eben das, was man dem anderen Ansatz hinzufügen möchte. Ohne zu verletzen, kann man auch mitteilen, dieser oder jener Begriff erscheine einem zu „eng“ oder zu „weit“, vielleicht auch nicht „fruchtbar“ genug, nicht „erfolgreich“, der Preis, der zu entrichten sei, sei zu hoch. Und wenn es die Theorie, die man nicht übernehmen, aber auch nicht kritisieren will, schon länger gibt, dann muss man betonen, dass sie heute nicht mehr so aktuell ist wie früher.

Umgekehrt ist all das, was man selbst sagt, relativierend zu präparieren: Man muss sich also erst einmal vor die Brust klopfen und die einseitige Betrachtungsweise, der man huldigt, bedauern. „Vorläufig aber“ – ist dann fortzufahren – „sei man zu nichts anderem in der Lage“; inwieweit das Gebotene etwas tauge, möchte man der Diskussion überlassen, die wird es dann schon zeigen. Es ist also der Eindruck zu vermeiden, dass man etwas herausbekommen hat: Deswegen demonstriert ein Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler seine Angst vor Kritik am besten damit, dass er nach Diskussion seufzt und so tut, als würden die, die etwas zu seinem Zeug sagen wollen, ohne diesen Seufzer ihr Maul nicht aufmachen. Auch mit der Ankündigung dessen, was man noch alles vorhat, weil vieles noch offen geblieben ist, fährt man gut. Die Unzufriedenheit über die eigene Leistung schafft immer Freunde, und zwar solche, denen der Wind aus den Segeln genommen ist. Die Sache mit der Fruchtbarkeit gilt es umzudrehen: Man fordert die anderen auf, etwas daraus zu machen. Und damit die sich nicht überfordert fühlen, bescheinigt man sich und ihnen die Ohnmacht des Einzelnen, der für sich allein das gewaltige Pensum Erkenntnis gar nicht bewältigen kann.

So haben sich die bezahlten Gelehrten ein Instrumentarium von Entschuldigungen dafür bereitet, dass sie nichts wissen – also in ihrem Beruf versagen. Wenn sie sich dies leisten können und weiterhin vom Staat Geld für ihr Tun bekommen, so ist dies ein Hinweis darauf, dass sie für etwas anderes als für die Wahrheit bezahlt werden, was sie in Fortsetzung ihrer internen Verkehrsformen auch ausgiebig demonstrieren. Weil alle Beteiligten eifersüchtig über deren Einhaltung wachen, ist man in diesen Kreisen ziemlich schnell mit dem Verdacht bei der Hand, einer würde sich zu viel herausnehmen – nämlich auf Wissen beharren. Und das ist in der modernen Wissenschaft eindeutig und sehr sachgemäß ein Grund für die Exkommunikation. Wer sich diesen Verdacht zuzieht, bekommt zu hören, er würde sich vor Kritik immunisieren und anderen ein Denkverbot erteilen – als würde sich derjenige der Kritik entziehen, der seine Argumente ernst nimmt und gegen die anderer vertritt, und nicht diejenigen, die präventiv die bedingte Gültigkeit jedes Gedankens konzedieren und jedem anderen dasselbe abverlangen. Er gilt als von der Hybris Geschlagener, handelt sich den Vorwurf der Arroganz ein und braucht deswegen auch nicht widerlegt zu werden. Und wenn so ein arroganter Außenseiter der pluralistischen Wissenschaft tatsächlich einmal einen Fehler demonstriert, findet er nicht etwa Leute vor, die sich auf ihr Handwerk besinnen und entweder froh darüber sind, von einem Fehler loszukommen, oder den Angriff auf ihr Tun widerlegen. Stets reagieren sie auf der einen Seite beleidigt, weil in ihren Theorien zugleich ihre Partikularität angegriffen wird – Originalität wird in der bürgerlichen Wissenschaft nicht so verstanden, dass jemand neue Erkenntnisse (origo!) hervorgebracht hat, sondern als Betätigung der Besonderheit geschätzt –, und auf der anderen mit dem gar nicht theoretischen Ruf nach der Staatsgewalt, die ihnen die Freiheit gewährt, mit ihren Gedanken um Rang und Namen in der Wissenschaft zu konkurrieren. In den Verkehrsformen dieser freien Konkurrenz haben sie ihr eigenes Kriterium, nach dem sie polizeiwidrige Gedanken ausmachen.

Eigentlich liegt es ja auf der Hand: Fächer, in denen verschiedene Meinungen über denselben Gegenstand kursieren, haben es zu gültigem, überzeugendem Wissen nicht gebracht. Früher haben das manche Vertreter der Gesellschaftswissenschaften auch noch so gesehen: Sie haben am Unterschied zur Objektivität und Unumstrittenheit naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse gelitten und wollten ähnlich haltbare Einsichten erst noch erzielen. Inzwischen ist diese Unzufriedenheit über den Stand des Wissens an den philosophischen Fakultäten ausgestorben. Der Zustand des Nicht-Wissens ist endgültig.

Der Auftraggeber der Universität, der Staat, feuert Forscher nicht etwa, die es zu Wissen nicht bringen, sondern schützt mit dem Toleranzgebot den Zustand des beliebigen Meinens, zu dem es seine großen Geister gebracht haben. Die rechtlich geregelte Wissenschaftsfreiheit, die er gewährt, hat in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften den Sinn einer Freiheit des Wissenschaftlers gegenüber dem Wissen. Der Staat sichert seinen Wissenschaftsbeamten das Recht, sich ihre persönliche „Lehrmeinung“ von niemandem – weder von Kollegen noch Studenten, weder von besseren Argumenten noch von moralischer Missbilligung – bestreiten lassen zu müssen. Er setzt die Partikularität und individuelle Eitelkeit seiner bezahlten Denker ins Recht. Die Autorität des Wissens ist ersetzt durch die Autorität derjenigen Personen, die es geschafft haben, eine Lehrbefugnis zu ergattern. Die Autorität des Amtes macht die subjektive Lehrmeinung verbindlich – freilich nur innerhalb Reichweite des Amtes: in Vorlesungen und Prüfungen des jeweiligen Lehrstuhlinhabers. Im anderen Hörsaal gilt die Lehre des anderen Dozenten. Zwischen den vielen Theorien, die dieselbe Sache verschieden erklären, sich also wechselseitig bestreiten, herrscht Toleranz.

Richtige Einsicht in ihr Funktionieren und ihre Prinzipien kann die Gesellschaft, die sich so eine Wissenschaft leistet, offenbar nicht brauchen. Das wirft kein gutes Licht auf sie – und kein gutes Licht auf die Wissenschaft, die gerade durch den Verzicht auf Wahrheit ihrem Auftraggeber nützlich ist. Kein Wunder, dass „Theorie“ einen so schlechten Ruf genießt: „Theoretisch“ ein Wort, das wissenschaftliche Notwendigkeit ankündigt, bedeutet heute so viel wie „bloß möglich“.
Die Theoretiker dieser Gesellschaft haben ein ganzes System wissenschaftlicher Anstandsregeln ausgebildet, mit denen sie den Gegensatz ihrer Ansichten betätigen, ohne sich zu kritisieren. Vom System dieser Regeln wird der Vortrag handeln.

Literatur: www.wissenschaftskritik.de