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Sendung vom 23.02.2016 11:00:

Weltflüchtlingsmacht Deutschland

Die politische Offensive, die die deutsche Regierung aus dem Elend der Welt macht

Der ROTE MITTWOCH in Kaisermühlen:

Weltflüchtlingsmacht Deutschland
Die politische Offensive, die die deutsche Regierung aus dem Elend der Welt macht
(Dr. Theo Wentzke, Redakteur GegenStandpunkt)

Mittwoch 24.Februar 2016 um 19:00 Uhr
„WERKL“ im GOETHEHOF, Schüttaustraße 1-39, 1220 Wien, U1 Kaisermühlen

Die deutsche Republik hat sich 2015 wieder einmal ein „Sommermärchen“ spendiert. Die Regierung lässt Flüchtlinge ins Land, und die kommen in hellen Scharen; Einheimische mit und ohne Deutschlandfähnchen beklatschen ankommende Elendsgestalten auf Bahnhöfen, reichen Wasser und Brezeln, und die Flüchtlinge beklatschen die Begrüßungskomitees. Die Kanzlerin erklärt, dass Deutschland sich das „freundliche Gesicht“ schuldig sei, das es Menschen in Not neuerdings zeigt; Einspruch gegen die „Willkommenskultur“ angesichts der Lasten und Probleme, die mit der Masseneinwanderung auf Gemeinden, Verwaltung und Staatskasse zukommen, lässt sie nicht gelten: „Wir schaffen das!“

Das Urteil über diese Wende der deutschen Asylpolitik und der regen Volksbeteiligung daran ist in einer Hinsicht einhellig: Einheimische und internationale Wortmeldungen sind sich im Guten wie im Schlechten sicher, dass hier die Moral über die Politik, Humanismus und Menschenrecht über nationale Interessen und ökonomisches Kalkül gesiegt hätten.

Die einen finden das gut: Endlich widmet sich die Politik ihrer vornehmsten, nie wirklich ernst genommenen Aufgabe und kümmert sich um Menschen, die dringend Hilfe brauchen anstatt sie durch Abschottungspolitik fernzuhalten, sie als Last oder nur nach ihrem ökonomischen Wert zu taxieren. Die Refugees-welcome-Bewegungen wissen nicht recht, ob sie ihr Ziel erreicht, nämlich die deutsche Regierung zum Partner für eine Welt ohne Grenzen gewonnen haben, oder ob sie der nationalen Selbstlosigkeit, die sie mögen, überhaupt trauen können.

Andere finden das furchtbar: Sie werfen Merkel vor, das deutsche Volk zu verraten und einem internationalen Gutmenschentum zu opfern. Britische Zeitungen erklären sie zur Chefin eines Hippie-Staats, der sich von Emotionen statt von kalkulierten Nationalinteressen leiten lässt: Es sei verantwortungslos, Mitleid zur Leitlinie des Staatshandelns zu machen.

Dass die Regierung nach einer Woche offener Grenzen damit fortfährt, die Flüchtlingsströme zu kanalisieren und die Migranten strenger sogar als vorher in berechtigte und unberechtigte Bewerber zu selektieren, beklagen die einen als Abkehr von den guten Werken der Flüchtlingsbetreuung; die anderen begrüßen dasselbe als spätes Eingeständnis, dass Merkels Einladung an die Mühseligen und Beladenen dieser Welt eben doch ein politischer „Blackout“ gewesen ist.

Den entgegengesetzten Stellungnahmen entgeht eines: Wenn eine Macht wie Deutschland Flüchtlingen hilft, wenn sie Verantwortung für entwurzelte Millionen beansprucht und sich selbst zu ihrer Schutzmacht ernennt, dann enthält diese Hochherzigkeit ein imperialistisches Programm und nicht etwa Moral statt Staatskalkül. Mit dem globalen Flüchtlingsproblem betreibt die deutsche Regierung nationale, europäische und Weltpolitik. Sie krempelt dafür ihr Land um, verpflichtet die europäischen Nachbarn neu auf sich, und mischt sich in die Kriegs- und Gewaltfragen der Weltmächte ein, denen sie vorwirft, die Flüchtlingsströme erzeugen.

Wie immer er seine Formel gemeint hat, die vom „moralischen Imperialismus“ nämlich, dem seine Nation unterworfen werden soll – da hat der ungarische Premier Viktor Orbán schon etwas getroffen. Vom imperialistischen Charakter der guten Tat handelt die Diskussionsveranstaltung.

Dazu noch einige Ausführungen in kurzen Stichworten:

Das Asylrecht:
Gehört in der Staatenwelt zum außenpolitischen Instrumentarium; die Gewährung oder Verweigerung von Asyl ist eine der vielen Varianten, mit denen sich Staaten wechselseitig ausrichten, was sie voneinander halten. So wird ein feindlicher Staat oder ein irgendwie unangenehm auffallender Staat ins Unrecht gesetzt wg. Behandlung seiner Leute – entscheidend ist nicht, ob ein Staat gegen Oppositionelle vorgeht, sondern ob der Asyl gewährende Staat diesen Terror billigt oder nicht. Als aktuelle Beispiel bieten sich die Türkei oder Ägypten an: Beide terrorisieren Oppositionelle oder Aufständische – in Ägypten und der Türkei sind die Aufständischen im Unrecht, in Syrien sind die im Recht. Aus der Sicht des Westens; aus russischer Sicht sind auch die Aufständischen in Syrien im Unrecht, also Terroristen. Zur Verdeutlichung: Aufständische Kurden sind gegen Syrien im Recht, in der Türkei sind es Terroristen; neulich hat Kanzler Merkel das Recht der Türkei ausdrücklich bekräftigt, gegen diese Aufständischen vorzugehen, mit den passenden Mitteln des Staatsterrors. In Ägypten wieder führt das Regime einen blutigen Kampf gegen diverse, hauptsächlich muslimische Oppositionelle – nach dem Sturz der einwandfrei demokratisch gewählten Regierung der Muslimbrüder –, und da hört man vom hiesigen verlogenen Demokratenpack sehr wenig kritisches Zeug. Zum Thema wird der ägyptische Staatsterror dann, wenn es Ausländer erwischt – so soll neulich ein italienischer Student in die Fänge der ägyptischen Staatssicherheit geraten sein und die dortige Folter nicht überlebt haben. Voriges Jahr sind einige Touristen aus Mexico in Ägypten beim Anti-Terror-Kampf gestorben – das steht dann hier ausnahmsweise in der Zeitung. Ähnliches übrigens in Thailand: Dort hat das Militär in den letzten Jahren zwei- oder dreimal eine gewählte Regierung abgesetzt – auch diesbezüglich halten sich die hiesigen Superdemokraten sehr zurück mit Kritik; offenbar sind auch dort die Militärdiktatoren in Ordnung. Zur Vermeidung von Missverständnissen: Das ist nicht der Vorwurf der Inkonsequenz oder der Unglaubwürdigkeit an das europäischen Asylrecht, sondern das ist ein Schluss aus diesen nur scheinbaren, vordergründigen „Inkonsequenzen“ und Ungleichbehandlungen auf den Zweck der Sache.

Das Asylrecht aus der Sicht der globalen Überbevölkerung:
Die globale Marktwirtschaft hat eine globale Überbevölkerung erzeugt, noch jenseits und zusätzlich zu den Weltordnungskriegen im nahen und mittleren Osten. So wie die Dinge in der Marktwirtschaft nun einmal liegen, ist der Mensch genauso ein Wirtschaftsfaktor wie andere Ressourcen, so wie Rohstoffe oder Maschinen. Und so wie es aktuell zu viel Öl oder zu viel Stahl auf dem Weltmarkt gibt – was die Preise fallen lässt – so gibt es schon längst zig Millionen Menschen zu viel – zu viel, gemessen am Bedarf der globalen Marktwirtschaft. Wie in der Marktwirtschaft üblich, und wie beim Öl oder beim Stahl, sind die Überzähligen nicht viel wert, sie rentieren sich eben nicht, es gibt keine Anstellungen oder Arbeitsplätze in den notorischen sog. „unterentwickelten“ Regionen. Dazu kommt, dass in solchen Gegenden dann schon mal welche auf die Idee kommen, gegen die Machthaber vorgehen zu wollen, die sie zum Hungern zwingen, was den entsprechenden Staatsterror von oben provoziert – noch vor der Frage, ob so ein Aufstand auswärtige Sponsoren findet oder nicht. Etliche von diesen Überflüssigen – nach dem Bedarf der Marktwirtschaft Überflüssigen – etliche dieser Hungerleider versuchen also, aus dem staatlichen Instrument des Asylrechts ein Individualrecht auf ihre Einwanderung zu machen – und haben teilweise sogar Erfolg damit, je nachdem eben, wie sie den Asyl-Zielländern ins Konzept passen; die Aspiranten werden jedenfalls immer mehr. Immerhin hat nach der aktuellen Rechtlage immer noch jeder, der Asyl will, das Recht auf die Prüfung seines individuellen Antrags. Geht offenbar so, dass eine Familie in Afrika oder Asien Geld zusammenkratzt, und dann denjenigen losschickt, dem es am Ehesten zugetraut wird, es nach Europa zu schaffen, oder in die USA, von Lateinamerika aus. Nachdem überall Marktwirtschaft herrscht, ist auch so eine Flucht natürlich eine Geldfrage: Für Transportmittel, Dokumente, Schlepper etc. usw.

Die bis neulich gültige Abwehrstrategie in Europa:
Die bestand bis vorigen Sommer in der Trennung der Anwürfe und Vorwürfe gegen missliebige Staaten – von den vielen, vielen, die sich als zahlreiches menschliches Beweismaterial für das Unrecht woanders angeboten haben, wodurch sich jede Menge Asylwerber ziemlich falsche Hoffnungen gemacht haben. Die Einzelheiten sind bekannt; also: Asylwerber als „Wirtschaftsflüchtlinge“ moralisch diffamieren; „sichere Drittstaaten“ definieren, also Asylwerber, die durch solche durchreisen, von vornherein chancenlos machen; die „Dublin-Abkommen“ und die Schengen-Außengrenze, um die Massen von Migranten den „zuständigen“ Staaten Italien und Griechenland umzuhängen. Und vor allem: Die ständige, kontinuierliche Verschärfung des Asylrechts. Erfolgsmeldungen bis neulich bestanden in den sinkenden Zahlen der Asylwerber und in den sinkenden Zahlen derer, die gerade noch – trotzdem, möchte man sagen – als Asylberechtigte anerkannt wurden. Schließlich die von den „Frontstaaten“ Italien und Griechenland ausgehende neue Lage: Diese Staaten wollen und / oder können nicht mehr. Sie lassen Flüchtling herein unter der Prämisse, dass diese ohnehin nach Norden weiterziehen. 2015 bricht das europäische Grenzregime faktisch zusammen. Es sind einfach zu viele, die nach Europa wollen; eine Wanderungsbewegung nicht nur über den Balkan schwillt an, nachdem auch die Türkei faktisch auf die Kontrolle der Grenze verzichtet. Den Übergang, Flüchtlinge als Feinde zu behandeln – wie in Australien – und in Internierungs- oder Konzentrationslager zu stecken, den machen die europäischen Staaten noch nicht. Inzwischen geht die Forderung der öst. Innenministerin, die griechische Kriegsmarine einzusetzen, zumindest in die Richtung. Die speziell öst. Verlegenheitslösung bestand bekanntlich darin, die Leute in Traiskirchen verkommen zu lassen, vielleicht auch auf die abschreckende Wirkung solcher Zustände zu hoffen.

Deutschland vollzieht eine Wende:
Im Sommer 2015 vollzieht Deutschland eine Wende und übernimmt die gesamteuropäische Asyl- und Flüchtlingspolitik in die eigene Regie und beansprucht damit – natürlich, möchte man sagen! – gleich, im Namen Europas und für alle Staaten zu handeln: Das heißt fürs erste, Deutschland unterwirft die flüchtenden Massen dem deutschen Asylrecht – dazu müssen sie natürlich nach Deutschland einreisen dürfen, um registriert und selektiert zu werden – und sortiert die Flüchtlinge alsdann auseinander, in wertvolle berechtigte Asylwerber und in minderwertige unberechtigte; kurz scheint es außerdem, als sei zumindest bei Syrern sogar die Individualprüfung ausgesetzt. Zugleich verlangt Deutschland vom Rest-Europa, die deutsche Sortierung bzw. deren Resultate zu übernehmen, also quotenmäßig einen Anteil der Flüchtlinge aufzunehmen, weil Deutschland ja ohnehin für das ganze Europa handelt. Ebenso ist das Grenzregime in Griechenland und in Italien wieder aufzubauen; mit sog. Hot-Spots für eine kontrollierte Einwanderung; wenn nötig auch dadurch, dass die Grenzsicherung – zB in Griechenland – durch Frontex europäisiert wird, also dem griechischen Staat nach dem Staatshaushalt auch noch die Grenzsicherung entzogen wird. Österreich ist da durchaus dabei, lässt die Flüchtlinge ein- und durchreisen, sogar die skandalösen Zustände in Traiskirchen werden abgebaut. Die Gründe sind bekannt; Österreich verspricht sich von der Europäisierung des Flüchtlingsproblems durch Deutschland wie so oft, dass andere europäische Staaten sich für die österreichischen Interessen einspannen lassen: Indem an den europäischen Außengrenzen wieder ordentlich kontrolliert und die Asylwerber in Griechenland und Italien hängenbleiben, bzw. ordentlich zurückgewiesen werden, und indem andere europäische Staaten entlang einer Quote Flüchtlinge aufnehmen, also Österreich entlasten, auch wenn diese Flüchtlinge gar nicht nach Tschechien oder in die Slowakei wollen.

„Wir schaffen das!“
Mit diesen inzwischen berühmten Worten bekräftigt Kanzlerin Merkel einen deutschen Beschluss, der deutlich mehr beinhaltet. Denn neben der Übernahme des europäischen Asylwesens unter deutsche Kontrolle, also neben der Sortierung und Verteilung des Asylsuchermaterials – die Wortwahl ist Absicht –, um die aus deutscher Sicht Unberechtigten wieder rauszuschmeißen und die anderen in Europa zu verteilen, beschließt Deutschland ganz konträr zur bisherigen Praxis der angestrebten Senkung der Zahl der Asylberechtigten – eine deutliche Ausweitung der Aufnahme von Flüchtlingen. Von mehreren Hunderttausend bis zu einer Million ist die Rede. Und solche Leute sind, das unterstellt der Spruch, dass sich Deutschland zutrauen kann und muss, mit denen auch fertig zu werden – das unterstellt also, dass solche Leute vor allem eine Last sind. So wird dem deutschen Volk mitgeteilt, dass da wieder einmal, nach Schuldenkrise und Bankenrettung, Belastungen auf es zukommen, allerdings Belastungen, deren Bewältigung ihm angeblich zur Ehre gereichen sollten. Nun, das erstere wiederum ist für alle, die mit den Sitten und Gebräuchen der hiesigen Leitkultur vertraut sind, nichts neues, das ist vielmehr ziemlich selbstverständlich. Es gibt ja längst eine einheimische, eine hier produzierte Überbevölkerung. Denn auch hier ist die Wirtschaft nicht für die Menschen da, sondern umgekehrt: Der Mensch hier ist vom maßgeblichen Standpunkt aus, von dem „der Wirtschaft“ nämlich, ein Kosten- und Leistungsfaktor, der sich lohnen muss, für das Unternehmen, das ihm „Arbeit gibt“, wie das so schön heißt. Und Leute, die das nicht oder nicht mehr hinkriegen, weil an ihrer Arbeit kein Interesse besteht, die sind eine Last – das gilt auch schon für die Eingeborenen hier, die ja in ihrer Eigenschaft als Arbeitslose, als Bezieher der Mindestsicherung und als Pensionisten laufend einer schönen Hetze ausgesetzt sind, und den dazu passenden „Reformen“, die den Lebensstandard ständig senken. Und nun soll noch ein ziemliches Quantum Flüchtlinge dazukommen, von denen auch schon feststeht, dass sie im Grund überflüssig sind, nicht gebraucht werden; an dem Punkt deutet sich also schon ein gewisses Zerwürfnis an, zwischen Merkel und größeren deutschen Volksteilen, sogar mit wichtigen Parteifreunden, vor allem denen aus Bayern.

Humanismus und Imperialismus
Schon vorher allerdings wird die imperialistische Tendenz des Humanismus deutlich: Ausgehend von der Last, die Flüchtlinge nun einmal sind, verteilt Deutschland Aufgaben und Ansprüche an ganz Europa und darüber hinaus: Flüchtlinge sind aufzunehmen bzw. Staaten sollen als Transitland fungieren bzw. die Grenzsicherung umorganisieren und die Hot-Spots hochziehen, alles aus „Solidarität“ mit Deutschland, eh klar. Weiterdenkende deutsche Außenpolitiker eskalieren das Anspruchsdenken gleich weiter an die Türkei, an Saudi-Arabien, an Russland, den Iran etc. etc. – mehr Ordnung in die Zustände sind vor die Orte zu bringen, die Flüchtlinge produzieren, das wird hier angemahnt, und das gleich an alle beteiligten Staaten, an eine ganze Region – alles im Namen des neuen Umgangs mit Flüchtlingen. Der Sache nach ist das schon eine satte Polemik gegen die USA und die von denen erzeugten staatlichen Trümmer in Nah- und Mittelost, allerdings ohne das in explizite anti-amerikanische Vorwürfe zu fassen. Das erledigen dann, geradezu arbeitsteilig, ohnehin die europäischen Rechtsparteien. Der ungarische Ministerpräsident hat mit seinem Diktum vom „moralischen Imperialismus“ also durchaus etwas getroffen: Ungarn hat die neue deutsche Asylpolitik nicht bestellt, Ungarn wurde natürlich auch nicht gefragt, soll sich aber auf Zuruf für Deutschland nützlich machen, und weigert sich – die Angelegenheit sein „kein europäisches, sondern ein deutsches Problem“.

„Wir schaffen das!“ kommt ins Trudeln:
Das anspruchsvolle Programm gerät ins Stottern, außen und innen. Nach Außen: Die europäischen Partner im Osten weigern sich, als die angesprochenen Unterläufel zu fungieren; nehmen keine Flüchtlinge auf; überlassen die europäische Asylpolitik also nicht ausschließlich Deutschland, sondern schotten sich ab: Der Zaun an der Südgrenze von Ungarn wird hochgezogen. Die Visegrad-Staaten (Polen Tschechien, Slowakei und Ungarn) sehen keinen Grund, deutsch induzierte Lasten zu übernehmen und in den bisherigen Volkskörper zu mischen. Auch Frankreich schießt quer, es erklärt nach den Anschlägen von Paris seinen Anti-Terror-Krieg zur obersten Priorität – (noch) ohne Deutschland zu beschuldigen, durch die Flüchtlingsaufnahme Terroristen gefördert zu haben – das machen ohnehin andere Staatsmänner; Frankreich verweigert ebenfalls Flüchtlingsquoten; Großbritannien sowieso. Die Erpressung der Türkei kommt nicht so recht voran, auch Griechenland funktioniert noch immer nicht, wie gewünscht. Die Balkan- und Visegrad-Staaten, inzwischen auch Österreich, ziehen also die alten Grenzkontrollen wieder hoch: Der frühere Vorwurf von der „Festung Europa“ wird zum Programm.
Nach Innen: Deutschland gerät in Aufruhr. Man sieht den Nutzen der Last für Deutschland einfach nicht. Das Volk gerät in Wallung, die Rechten haben Zulauf, Merkel verliert Gefolgschaft. Die frühere Sache mit den „Gastarbeitern“ hat sich mancher Patriot gerade noch einleuchten lassen: Ja, wenn es der Wirtschaft und damit Deutschland nützt, dann lassen sich Ausländer offenbar gerade noch ertragen, aber wenn von so etwas wie „die machen die Dreckarbeit, die die Einheimischen nicht mehr wollen“ einfach nicht die Rede sein kann, dann ist das Verständnis offenbar am Ende, schon vor den Ereignissen, die neuerdings mit „Ich sage nur Köln“ charakterisiert werden. Das kommt davon; davon nämlich, dass Merkel die asylpolitische Wende ihrem Volk und der Welt nicht wahrheitsgetreu als neuen imperialistischen Anspruch und Aufbruch Deutschlands verkauft hat, sondern als großangelegten Akt des Mitleids – und so etwas können viele Patrioten offenbar gar nicht leiden. Wobei der objektive Pferdefuß dieser imperialistischen Volte – für mitdenkende Patrioten schon gleich – darin besteht, dass durch den Zuzug von ein paar Hunderttausend Flüchtlingen und gerade-noch-Davongekommenen die deutschen Machtmittel in keiner Weise wachsen, Deutschland machtmäßig nicht profitiert, und ein selbstbeanspruchter moralischer Bonus in der harten Welt des Imperialismus für sich genommen nichts wert ist – sondern nur genau so viel, wie die Macht, die sich auf ihn beruft, auch ohne moralischen Titel in Anschlag bringen kann.

Merkels Land:
„Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ „Nicht mein Land!“ – Hochinteressant! Die Kanzlerin will sich und der Welt allen Ernstes einreden, die Ausländerhasser, die sich zu Wort melden, in den Medien und im Internet, und die Terroranschläge gegen Unterkünfte – zumindest wenn Islamisten so etwas machen, wäre es ja Terroranschläge! –, das alles also hätte mit „ihrem Land“ nichts zu tun. Wie sieht es denn aus, Merkels Land? Vergegenwärtigen wir uns das letzte Jahr: Im Verhältnis zu Griechenland hat Merkel ein betont unfreundliches Gesicht gezeigt, und in diesem Land geradezu Fluchtgründe geschaffen. Europa hat unter deutscher Führung die griechische Regierung dazu erpresst, die Bevölkerung noch und nöcher zu verarmen – alles unter dem Titel „Hilfe“. Dass in Griechenland keine Fluchtbewegung in Gang gekommen ist, liegt einerseits daran, dass Griechen als EU-Bürger ohnehin in Zentraleuropa einreisen dürfen, um ihr Glück zu versuchen – und daran, dass man auch in Griechenland weiß, wie die Lage am Arbeitsmarkt im Norden aussieht. Ein Jahr lang ist dem deutschen Publikum mitgeteilt worden, dass sich die deutsche ökonomische Überlegenheit, die Fähigkeit zur Erpressung den sattsam bekannten deutschen Tugenden verdankt, worauf das deutsche Volk stolz sein kann – und was ebendieses Volk zur herzlichen Verachtung der korrupten, faulen steuerhinterziehenden etc. Griechen und aller anderen berechtigt, die als notorische Schmarotzer die fleißigen Deutschen nur ausnutzen wollen. Alles bekannt und lang und breit diskutiert worden, im Zuge der Euro-Krise und der Krisenbewältigung.
Dass Asylwerber eigentlich Wirtschaftsflüchtlinge sind, die sich in Europa und vor allem in Deutschland einen Lenz im Sozialsystem machen wollen – wer hat denn das jahrelang kampagnenartig verbreitet? Dass die erwünschten Erfolge der Asylpolitik darin bestehen, die Anträge auf Asyl ebenfalls zu minimieren wie die Anerkennungsquote – wer hat denn das jahrelang gepredigt? Dass Asylanträge im Grunde genommen schon deswegen unberechtigt sind, weil das Land von sicheren Drittstaaten umgeben ist, die Flüchtlinge also ohnehin in Sicherheit sind – wer hat das verkündet? Richtig, das waren die Merkel-Regierungen der ersten zehn Jahre; dann macht die deutsche Regierung im elften Merkel-Kanzlerjahr ihren Asyl-Schwenk, und nicht wenige in Politik, Öffentlichkeit und im guten Volk selber halten die gute alte Merkel-Linie polemisch, immer gehässiger und gewaltbereiter gegen die neue Linie hoch. Mit anderen Worten: Dort, wo sich der Ausländerhass tummelt, dort, wo Unterkünfte angezündet werden, dort, wo gehetzt und gegeifert wird, genau dort ist Merkels Land! Willkommen zuhause …

Die Erinnerung: Weltflüchtlingsmacht Deutschland
Die politische Offensive, die die deutsche Regierung aus dem Elend der Welt macht
(Dr. Theo Wentzke, Redakteur GegenStandpunkt)
Mittwoch 24.Februar 2016 um 19:00 Uhr
„WERKL“ im GOETHEHOF, Schüttaustraße 1-39, 1220 Wien, U1 Kaisermühlen

Ein letzter Nachtrag: Ja, die Ereignisse, die so griffig unter dem Titel „Ich sage nur Köln!“ zusammengefasst werden, sind bekannt. Auch dazu lässt sich einiges vermelden, aber das sprengt momentan den Rahmen und braucht wohl eine eigene Sendung.