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Sendung vom 26.07.2016 11:00:

Der Heilige Krieg gegen den Islamischen Staat

Der Islamische Staat: Ein Produkt des Westens

Der Heilige Krieg gegen den Islamischen Staat

Im Zweistromland haben es irreguläre Milizen geschafft, zum Machtfaktor zu werden, und einen „Islamischen Staat“ ausgerufen. Um sich zu festigen und seine Reichweite auszudehnen, führt er Krieg. Im Westen wahrgenommen wird diese Macht, die Teile Syriens und des Irak beherrscht, ausschließlich über die blutrünstigen Weisen ihrer Durchsetzung: Massenhinrichtungen überwältigter Feinde, brutale Vertreibung von Volksteilen falschen Glaubens oder falscher Loyalität, die demonstrative Enthauptung von Leuten, die die Dschihadisten als Repräsentanten des Westens betrachten. Der Islamische Staat und seine Ziele werden vollständig unter diese barbarischen Praktiken subsumiert – und weil sie dafür keine Rechtfertigung, keinen guten Sinn gelten lassen, sprechen Politiker und Öffentlichkeit im Westen dem störenden Emporkömmling überhaupt jedes politische Motiv und jeden Zweck ab. „Weder Religion, noch Staat!“ mag US-Präsident Obama, der militärische und auch spirituelle Führer des Westens, dem Wüten dieser Krieger entnehmen. Sie sind das Böse, das nichts will als die Vernichtung des Guten: Gewalt um der Gewalt, Mord um des Mordes willen. Der Islamische Staat wird zum Feind der Menschheit deklariert, der vernichtet werden muss, um die Zivilisation zu retten. Der IS sieht das übrigens genauso, nur umgekehrt.

Insofern widmet sich die heutige Sendung wieder mal der Ketzerei. Nicht der religiösen, sondern der politischen. Statt sich an der Feindbildmalerei zu beteiligen und die Gräueltaten des IS vom edlen Zeck zu trennen, dem sie dienen – eben: Staatsgründung – soll der Name, der schon das Programm ist, ernst genommen werden.

Der Islamische Staat (IS) präsentiert durchaus selbst eine politische Lagebestimmung und die politischen Konsequenzen, die angesichts der Lage seiner Ansicht nach fällig sind. Auch die Brutalität, zu der er sich bekennt, dient, nicht anders als bei amerikanischen Präsidenten, die sich auf „Shock and Awe“ verstehen, selbstverständlich nicht nur einer guten, sondern der allerbesten Sache. Zur Erinnerung: „Shock and Awe“, auf Deutsch ungefähr „Schrecken und Ehrfurcht“ bezeichnet laut wikipedia „eine Taktik, deren Ziel es ist, durch eine oder mehrere auf Schockwirkung ausgelegte militärische Maßnahme(n) den Gegner so zu verunsichern, dass es zu keinen nennenswerten Verteidigungsmaßnahmen kommt. Die Massenmedien verbreiteten den Terminus vor allem aufgrund seiner Verwendung durch die Streitkräfte der Vereinigten Staaten im Irakkrieg.“ Das Kopfabschneiden und Herzeigen im Internet: Das ist „Shock and Awe“ für Arme, oder: Ehrfurcht durch Schrecken.

Nach Eroberung der Stadt Mossul gibt IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi eine programmatische Erklärung ab, mit der er die Errichtung eines neuen Kalifats verkündet. Das Böse spricht also zu uns – hören wir doch mal hin. Ein paar Zitate daraus:

„So greift zu den Waffen, greift zu den Waffen, oh Soldaten des Islamischen Staats! Und kämpft! In der Tat betrachtet die Ummah“– die Gemeinschaft der Gläubigen – „euren Dschihad mit den Augen der Hoffnung“ nämlich wegen den „vielen Teilen der Welt, denen die schlimmsten Arten der Folter zugefügt werden. Ihre Ehre wird verletzt. Ihr Blut wird vergossen. Die Gefangenen stöhnen und schreien nach Hilfe. Waisen und Witwen klagen über ihr Elend. Frauen, die ihre Kinder verloren haben, weinen. Moscheen werden entweiht und Heiligkeiten verletzt. Die Rechte der Muslime werden gewaltsam unterdrückt in China, Indien, Palästina, Somalia, der arabischen Halbinsel, dem Kaukasus, in der Levante, Ägypten, Irak, Indonesien, Afghanistan, den Philippinen, im Iran“ (gemein ist, von den Schiiten) „Pakistan, Tunesien, Libyen, Algerien und Marokko, im Osten und im Westen. …
Oh Ummah des Islam, die Welt ist in der Tat heute in zwei Lager und zwei Schützengräben geteilt, wo es kein drittes Lager gibt: Das Lager des Islam und des Glaubens, und das Lager des Unglaubens und der Heuchelei – …
Die Muslime waren nach dem Fall ihres Kalifats besiegt. Damals hörte ihr Staat auf zu existieren, so dass die Ungläubigen die Muslime schwächen und erniedrigen, sie in jeder Region dominieren, ihren Reichtum und Ressourcen plündern und sie ihrer Rechte berauben konnten. Dies gelang ihnen, weil sie deren Land angriffen und besetzten und verräterische Agenten an die Macht brachten, die die Muslime mit eiserner Faust beherrschten – und weil sie verblendende und täuschende Parolen verbreiteten wie Zivilisation, Frieden, Koexistenz, Freiheit, Demokratie, Säkularismus, Baathismus, Nationalismus und Patriotismus und andere falsche Parolen. …
Oh Muslime überall, frohe Botschaft für euch, euch erwartet das Gute. Tragt den Kopf hoch, denn heute habt ihr einen Staat und ein Kalifat, das euch eure Würde, Macht, Rechte und Führung zurückgibt. Es ist ein Staat, in dem alle Brüder sind, der Araber und der Nicht-Araber, der weiße und der schwarze Mann, der aus dem Osten und der aus dem Westen.“ Usw. usf.

Die Erfahrungen und Ereignisse, die da verarbeitet werden, die sind auch in der vorliegenden Verfremdung zum Glaubenskrieg und zum Kreuzzug noch deutlich kenntlich als sehr irdische, sehr weltliche Phänomene: Der Kalif blickt auf eine kaputte Weltregion, in der ein frommes Leben, wie er es kennt und schätzt, nicht mehr möglich ist. Mehr als 20 Jahre amerikanischer und / oder amerikanisch angeleiteter und inspirierter Kriege von Afghanistan und Pakistan im Osten bis Libyen und Mali im Westen haben ruinierte Staaten und nichts als Elend zurückgelassen. Der Kalif erwähnt den Kolonialismus und die heutige Vorherrschaft der westlichen Weltmächte, die in den islamischen Staaten pro-westliche Kollaborateure an der Macht halten und sich so den Zugriff auf die Reichtümer und Ressourcen der Region, vor allem das Öl, sichern.
Mit Blick auf diese Lage gewinnt der Prediger seine Interpretation. Er definiert die Lage ausschließlich religiös. Das rücksichtslose eigennützige Vorgehen der USA und ihrer Verbündeten und Geschöpfe sieht der Kalif als Angriff auf das, was ihm heilig ist: auf eine wohlgeordnete Gemeinschaft ergebener Gottesdiener, die er für die wahre Berufung aller Muslime hält und die er in der goldenen Vergangenheit einstiger Kalifate realisiert glaubt. Den beliebten Kunstgriff, sich auf die Geschichte zu berufen, den beherrscht er also auch. Was ihn an den aktuellen desolaten Lebensverhältnissen in diesen Ländern empört, sind die Mächte, die dort am Werk sind und sich über alles hinwegsetzen und kaputt machen, was – wenigstens in seiner Deutung der Historie – einstmals Stolz und Größe der muslimischen Gemeinschaft ausgemacht hat. Im Elend und in der Verwahrlosung der Massen ebenso wie in den Gemeinheiten ihrer Machthaber und deren auswärtiger Auftraggeber und Sponsoren erkennt er als das eigentliche Übel die Ohnmacht der Rechtgläubigen und als das eigentlich Unerträgliche daran die Demütigung derer, die als Auserwählte eines immerhin Allerhöchsten eigentlich allen Grund haben, sich über den Rest der Menschheit zu erheben. Dort, wo der Westen schon existierende islamische Staaten als Bündnispartner unterstützt und mit Waffen beliefert, also mit Islamischen Staaten ganz gut auskommt – Saudi-Arabien und die Golfstaaten, mit Abstrichen Pakistan – da entdeckt der Kalif weniger die islamische Gemeinde und die Scharia, sondern eben westliche Satellitenstaaten, womit er natürlich recht hat.

Mit diesem Standpunkt der beleidigten Ehre der wahren Muslime ist die Interpretation des Imperialismus fertig, der sich mit seiner Gewalt und seinen Kreaturen in der Tat in aller Welt breitmacht. Es handelt sich eben um einen Religionskrieg mit keinem anderen Ziel als dem, die Jünger Allahs zu töten, zu versklaven, zu „Mitläufern“ zu degradieren und ihrer Religion zu entfremden. Ob Amerikaner und Europäer außer der Beleidigung des rechten Glaubens, mit dem sie doch in Saudi-Arabien und anderen Staaten der Region so ausgiebig kooperieren, sonst noch etwas will und treibt in der muslimischen Welt, ist nicht wichtig. Die ganze Ökonomie des Imperialismus kennt der Kalif nur als Beispiel für die Erniedrigung des Islam.

Das Kampfprogramm des IS besteht, dieser eigentümlichen Imperialismus-Theorie entsprechend, in der kämpferischen Selbstbehauptung der unterdrückten gottesfürchtigen Gemeinde. Dafür müssen die Anhänger zum höchsten Opfer bereit sein, bis hin zum sinnvollen Tod für die gute Sache. Todesmut ist massenhaft verlangt, denn der IS hat gegenüber Al Kaida und diversen Taliban, die schon länger mit einer ähnlichen Diagnose den Kampf gegen den Westen führen, einen weiterführenden Schluss gezogen: Die Selbstbehauptung des Islam und der aufrechte Gang ist für Muslime nur noch durch umfassende Radikalisierung dieses Kampfes zu haben. Es gilt, Territorium zu erobern und zu halten, muslimisch befreite Gebiete zu schaffen, dort ein gottgefälliges Leben zu organisieren, allerdings nur, um diese Gebiete als Basis für den weiteren Kampf zu nutzen.

Radikaler definiert ist damit auch das Subjekt des Dschihad. Es reicht nicht, dass sich ein Land oder ein Volk gegen die imperialistische Durchdringung oder Fremdherrschaft zur Wehr setzt. Der Kalif kritisiert Versuche, als nationale Opposition Widerstand gegen den Westen und seine Lakaien zu leisten und sich dabei auf den Islam zu berufen. Er propagiert dagegen die Idee der Wiederkehr einer Gemeinschaft, die er im Krieg wiederauferstehen lassen will, und für die er die Zugehörigkeit aller Muslime reklamiert, ungeachtet ihrer Nationalität – einer Nationalität, die ohnehin nur das spalterische Werk des Feindes, der früheren Kolonialisten ist. Dass eine Opposition wie die Muslimbrüder die Unzufriedenen in einem Land oder auch nationenübergreifend dazu aufruft, gegen eine ungerechte Herrschaft aufzubegehren, und womöglich den Übergang vom zivilen Ungehorsam zum bewaffneten Kampf organisiert – mit solchen Unternehmungen sind islamische Parteien aus Sicht des IS oft genug gescheitert. Die neue Bewegung definiert sich umgekehrt durch den Krieg, den sie für ihre gerechte Sache führt; nur für dessen Weiterführung gründet sie auf erobertem Territorium das passende Gemeinwesen. Jeder einzelne Moslem, egal wo er lebt, ist verpflichtet, an die Fronten des Krieges zu wandern und sich dem Heiligen Krieg zu Verfügung zu stellen. Alles unterhalb der Gemeinschaft der Gläubigen – also existierende arabische Staaten, Völker, ökonomische Systeme und politische Programme wie Demokratie oder Nationalstaat – erklärt der IS zu Machwerken des Feindes, Erfindungen zur Verblendung und Spaltung, um die Muslime zu schwächen. Sie haben sich auf diese Staatsgrenzen und politischen Systeme viel zu lange eingelassen, anstatt sich auf die einzige Stärke zu stützen, die sie haben: die Einheit im Glauben.

Dieser IS präsentiert sich allerdings durchaus als diesseitige, als irdische politische Macht, als politische Ordnung. Er prahlt propagandistisch mit der Rücksichtslosigkeit seiner Kämpfer gegen sich und andere und begründet seine Erfolge mit der Bereitschaft seiner Leute, sich für den Dschihad zu opfern bis hin zum Selbstmordattentat. Einerseits ist dieses Selbstlob eine Auskunft darüber, wie erfolgreich die imperialistischen Mächte jeden Widerstand gegen ihre Vorherrschaft im Nahen Osten bereits niedergekämpft haben. Die Staaten, die sich dem Westen mit ein paar Ressourcen an Geld, Waffen und Menschenmaterial in den Weg gestellt haben, die haben die USA in diversen Kriegen in ihrem alten Bestand kaputt gemacht, und nur die unter ihrer Aufsicht neu zugelassene Staatlichkeit geduldet: Afghanistan, Irak, Libyen, auch Syrien … Übrig bleibt im Widerstand gegen den Imperialismus in der Region ein Haufen irregulärer Kämpfer, die stolz darauf sind, in diesem asymmetrischen Kampf noch durchzuhalten; die sich Trümmer zerfallener Staatsgewalten angeeignet haben und diese – Waffen, Geldmittel, Öl – in ihrem Krieg einsetzen. Der Staat, den sie selber ausgerufen haben, der will – wenigstens bis auf weiteres – auch kein neuer Souverän sein, der auf diplomatische Anerkennung aus ist und pragmatische, berechnende Beziehungen zu anderen Staaten aufnimmt. Das, was jede übliche separatistische Bewegung mit einer gewaltfreien oder auch bewaffneten Perspektive der Staatsgründung anstrebt – Palästinenser, Kurden, Kosovo-Albaner, Schotten, Katalanen, Basken –, nämlich die „internationale Anerkennung“ durch die existierende Staatenwelt, das ist dem IS zumindest derzeit fremd. Dort ist man der Meinung, dass eine friedliche Koexistenz mit dem Westen unmöglich ist, schließlich kennt der Feind ja nur zerstörte Staaten oder Lakaien.

Aber selbstverständlich geht das, was die Kalifatsanhänger unternehmen, auch nicht allein wegen und mit ihrer wilden Entschlossenheit im Glauben. Ihre Stärke und ihre Erfolge und sie selber erst recht sind ganz und gar das Produkt der Welt, die sie bekämpfen; das Resultat dessen, was Kriege und Geschäfte in dieser Weltgegend angerichtet haben; der IS ist ein Ergebnis der westlichen Politik: Der Raum im Irak und Syrien, die Waffen und die Leute samt Motivation. Das Territorium, die militärischen Mittel und die Kämpfer selbst sind zum Großteil eine Erbschaft der westlichen Umtriebe von Nordafrika bis Pakistan. Der internationale Haufen der IS-Krieger besteht zum Großteil aus überlebenden Soldaten und Aktivisten der vielen Kriege und Bürgerkriege in Afrika und Arabien, Tschetschenien und Zentralasien. Kämpfer, die überall geschlagen und vertrieben werden und dennoch nicht aufgeben, verbinden sich zur bisher größten Miliz im syrisch-irakischen Raum, rekrutieren aus den fortlaufenden regionalen Schlächtereien weitere Mitstreiter und gewinnen im Maß ihrer Durchsetzung weitere Mittel für ihren Kampf. Den führen sie mit westlichen Waffen, die sie vorher im Dienst an westlichen Interessen bzw. an den Interessen der Saudis und anderer mit dem Westen verbündeter sunnitischer Ölscheichs in die Hand bekommen haben, um Assad in Syrien zu bekämpfen. Oder sie haben sie von davonlaufenden irakischen Soldaten erbeutet, die von den USA ausgerüstet und trainiert worden sind, um einen Staat zu verteidigen, den sie gar nicht wollen. Festsetzen kann sich der IS, wo, weil und solange er ausnutzen kann, dass die US-Kriege und die von vielen Seiten geschürten Bürgerkriege in Syrien, Irak und anderen „failed states“ ein „Machtvakuum“ erzeugt haben.

Es entbehrt übrigens nicht einer gewissen Ironie, wie das alles derzeit zur Sprache kommt: Der Wahlkämpfer Donald Trump erinnert, um seine Gegnerin Clinton zu diskreditieren, dass es vor der Obama-Regierung keinen IS gegeben hat, dass sich der IS durch den Teilabzug der US-Truppen aus dem vorher zerstörten Irak und durch die amerikanisch inspirierte Zerstörung Syriens erst etablieren konnte. In der Obama-Diktion hat sich das „leading from beheind“ genannt – also Führung von hinten. Die bisherigen Erfolge der Kalifatarmee erwachsen schließlich nicht aus dem Fanatismus ihrer Kämpfer, sondern aus einer Finanzierung und Ausrüstung durch Sympathisanten aus den Golfstaaten; groß geworden ist sie durch die massive Beihilfe, die die dortigen Monarchien zum Bürgerkrieg in Syrien geleistet haben. Nicht zu vergessen die Kalkulationen anderer Anrainer: Die Türkei kann bzw. konnte den Kampf des IS gegen die Kurden in Syrien durchaus brauchen. Dass diese Staaten, immerhin sind es z.T. Amerikas Geschöpfe oder altgediente Verbündete, sich überhaupt der regionalen Weltordnung annehmen, ist an sich auch erwünscht, im Westen; dass sie das nach ihren eigenen Gesichtspunkten tun, hat sich hier als Erfolg des IS niedergeschlagen. Mit anderen Worten: Der IS ist das real existierende, das wirkliche „nation building“: So hat sich seinerzeit der sog. Wiederaufbauplan der USA im Irak genannt. Der Staatschef Saddam Hussein ist besiegt, die Ordnung zerstört und erledigt, dann werden Wahlen abgehalten, und unter einer demokratisch gewählten Führung dürfen die Leute im Irak endlich tun, was doch jedes gute, brave Volk auf der ganzen weiten Welt tun will – es will nämlich einen US-amerikanischen Satellitenstaat bewohnen und dort fröhlich und guter Dinge der Demokratie und der Marktwirtschaft und den USA huldigen. Das hat nicht ganz geklappt, der frühere Irak hat sich zerlegt, in einen kurdischen, schiitischen und sunnitischen Teil, und dort hat sich der IS durchgesetzt.

Der Kandidat Trump weist also glatt darauf hin, dass Syrien und Libyen vor den US-Interventionen durchaus funktionierende Staaten waren, die durchaus auch für Amerika einigermaßen funktional waren, auch nicht viel anders als etwa die aktuelle blutrünstige Militärdiktatur in Ägypten oder Saudi Arabien. In Libyen hat sich Gaddafi, bevor er von einem NATO-Luftkrieg erledigt wurde, bekanntlich nicht nur durch die Niederhaltung von Islamisten, sondern auch um die europäische Südgrenze verdient gemacht, durch die Unterbindung der Migration, die seither einen gewaltigen Aufschwung genommen hat. Natürlich hat der Kandidat Trump nichts gegen Kriege der USA, aber um das Versagen der Gegenkandidatin zu entlarven, erinnert er glatt daran, wer denn die Region zerstört und den IS erst groß gemacht hat.

Dem Westen verdankt der IS schließlich noch den Zufluss weiterer menschlicher Ressourcen, zunächst noch keine erprobten Kämpfer, wohl aber Kandidaten für Selbstmordattentate und für die Internet-Propaganda. Aus den kapitalistischen Zentren vor allem Europas wandern junge Männer und Frauen zu, Moslems oder Konvertiten oder auch bisher gar nicht religiöse Leute, die sich über die westlichen Gräueltaten empören. Sie erfahren, und die Agitation des IS sorgt nach Kräften und mit Mitteln moderner Kommunikation für die richtige Einordnung, dass die große Gemeinde der gläubigen Muslime schlecht behandelt wird, so dass Abhilfe dringend nottut, zu der beizutragen ohnehin die Pflicht jedes Gläubigen ist. Der Islamische Staat hat also etliche Freunde und Anhänger in Europa, manche schon länger hier, manche mit der Flüchtlingswelle gekommen. Manche schreiten hier zur Tat. Warum tun sie das? Nun, die lakonische Antwort ist sehr schlicht und ergreifend einfach: Die Selbstmordattentäter im Westen, ob mit Lastwagen in Nizza oder mit Hacke und Messer im Zug in Bayern, die weisen ohnehin bis zum Erbrechen selber darauf hin, was sie so motiviert, in ihren Bekennerschreiben und Videos: Es sind die Gräueltaten des Westens, sie werden aktiv wegen der westlichen Gräueltaten gegen Muslime im Nahen und mittleren Osten. Das ist die banale Wahrheit, und bei Gelegenheit stolpert man auch wieder darüber: Wenn etwa ein Profi und US-Offizier, in dem Fall General Joe Votel, der Chef des zuständigen US-Zentralkommandos, von einem „sehr schwierigen Kampf“ spricht, so in der Wiener Zeitung vom letzten Freitag. „Die internationale Allianz bemühe sich ‘alles zu tun, um Zivilisten vor Schaden zu bewahren’. Die syrische Opposition hatte zuvor berichtet, dass bei Luftangriffen auf Stellungen des IS Dutzende Zivilisten getötet worden waren.“ Warum das schlecht ist, erfährt man auch: „Derartige Vorfälle“ – wenn andere das machen, dann sind derartige „Vorfälle“ natürlich Kriegsverbrechen und entsetzliche Gräueltaten schlimmster Sorte, die nach Zuschlagen schreien – derartige Vorfälle also „trieben den Terroristen neue Anhänger in die Arme, hieß es.“ (WZ 22. Juli 2016) Na so was aber auch!

Aber, so sollte man das hierzulande eher nicht groß herausstellen! Denn die Lügenpresse hier hält diese Motive für eine Rechtfertigung, und das gehört sich hier gar nicht. Wie kommen die Schmierfinken bloß darauf, dass das eine Rechtfertigung sei? – Nun, der Westen rechtfertigt seine Gräueltaten schließlich sehr gern mit den Blutbädern anderer, und in dem Sinn stünde es also moralisch gewissermaßen unentschieden; die je anderen Gräueltaten rechtfertigen die je eigenen, genauso wie das die Kollegen von der Lügenpresse im IS machen, und das darf natürlich nicht sein. Denn, liebe Kinder, gut aufgepasst, es ist nämlich so: Die Kriege des Westens sind im Grunde genommen und recht verstanden lauter gut gemeinte Hilfs- und Unterstützungs- und Befreiungsaktionen für die armen Leute dort unten, so eine Art militante Entwicklungshilfe. Und dann gibt es glatt jede Menge undankbare Menschen, die dem Westen seine helfenden Kriege auch noch übelnehmen, obwohl die doch nur zum Besten ihrer Opfer geführt werden! Zur Beantwortung der Frage nach den Motiven hat sich die hiesige Lügenpresse ersatzweise auf den Islam geworfen und macht sich Sorgen über Gratis-Verteilungen des Koran. Bin selber mal auf der Mariahilferstraße unterwegs gewesen, dort wurde das Heilige Buch verschenkt und ich habe mir natürlich sofort ein Exemplar gesichert. Eine auch nur oberflächliche Lektüre ergibt: Die These, dass jemand wegen einer Überdosis Koranstudium Ungläubige umbringt, ist geradezu lächerlich; und auch von einigen Selbstmordattentätern wird im Nachhinein bekannt, dass die gar nicht oder kaum religiös waren oder sich erst im Zuge ihrer Radikalisierung mit dem Islam befasst haben. Wenn, dann bekräftigt die Koran-Lektüre höchstens die Vorstellung, dass da ein auserwählter, ein gläubiger und deswegen ganz vortrefflicher und wertvoller Menschenschlag – den westlichen Gräueltaten und Verbrechen zum Opfer fällt.

Auch die letzte Motivation zum Selbstmordattentat kommt nicht unbedingt aus der Religion: Woher weiß man denn, dass der Mensch im Leben einen Sinn braucht, etwas, das größer ist als man selbst, etwas, dem man sich hingeben und ausliefern und opfern kann, wodurch erst die eigene eher banale bis trostlose Existenz eine Bedeutung und einen Wert und eine Würde und Ehre gewinnt? – Auch wenn es das letzte ist, was man tut. Kurz, die ganze bürgerliche Scheiße von der endgültigen moralischen Aufwertung eines irdischen Jammertals durch die Verklärung in einer letzten großartigen Heldentat, die kennt man doch aus jedem Kriegsfilm, davon lebt doch ca. die Hälfte der Populärkultur, Produktionen aus Hollywood vorne weg. Und für die Vorstellung einer letzten ideellen, fiktiven, vorgestellten, eingebildeten Belohnung für so eine abschließende Heldentat, indem nämlich die Nachwelt schwer beeindruckt ist, sich im Nachhinein fürchtet und entsetzt, was sich gerade in der öffentlichen Aufregung und Verteufelung manifestiert, und so dem Helden ihren negativen Respekt erweist – also für dieses Bedürfnis, ein gottverdammter Scheiß-Held sein zu wollen, für diese Vorstellung braucht es noch nicht mal ein Bild vom Paradies mit einem Rudel Jungfrauen.