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Sendung vom 12.06.2018 11:00:

Anmerkungen zur 68-er-Studentenbewegung

In den 60-er Jahren hat die erste Generation – soziologisch: die Kohorte – junger Nachkriegsdeutscher die Universitäten erreicht, die vollständig und ausgiebig im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen waren und dortselbst sozialisiert wurden

Anmerkungen zur 68-er-Studentenbewegung

Vorbemerkung: Ich bin kein 68-er, zu jung, verstehe mich auch nicht als geistiger oder theoretischer Erbe; auch nicht als Anwalt oder Verteidiger. Möchte auch nicht Rückschau halten nach dem Muster, was da alles erreicht oder zerstört wurde, und darüber diese Bewegung für alles Mögliche verantwortlich machen, was einem heute gefällt oder was man ablehnt. Es geht mir auch nicht um einen historischen Österreich-Bezug, in dem Sinn einer Ehrenrettung, dass nämlich auch hier das Jahr 68 stattgefunden habe, wenn auch deutlich reduziert, oder so.

M. E. hat die Bewegung einiges aufgeworfen und aufgerührt, einige Themen diskutiert, die sich bis heute in keiner Weise erledigt haben; und woran die 68-er grandios gescheitert sind – um auf diese Weise doch auch gleich die Erfolgs- und Wirkungsfrage anzuschneiden; wobei mit dem Misserfolg noch nicht feststeht, was da eigentlich zur Debatte stand, und woran man gescheitert ist.

Unter all dem, woran sich die Bewegung abgearbeitet hat, möchte ich drei Themen diskutieren:
- das Verhältnis von Demokratie und Faschismus;
- den US-Imperialismus nicht nur anhand des Vietnamkrieges;
- und das Verhältnis der Geschlechter, bzw. „freie Liebe“ vs. „bürgerliche Kleinfamilie“, wie das damals geheißen hat.

In den 60-er Jahren hat die erste Generation – soziologisch: die Kohorte – junger Nachkriegsdeutscher die Universitäten erreicht, die vollständig und ausgiebig im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen waren und dortselbst sozialisiert wurden; und das bedeutet, die jungen Leute wurden mit idealisierten Darstellungen der neu eingeführten Demokratie bis zum geht-nicht-mehr vollgestopft, und waren von diesen Demokratie-Beschönigungen sehr angetan, die ja angeblich seinerzeit als „Lehren aus der NS-Vergangenheit“ gezogen wurden. Und gerade wegen ihrer Begeisterung für diese ideale Demokratie wurde ein Teil der Studenten damals doch zunehmend irritiert über die politische Realität in Deutschland, und das haben die jungen Leute nicht auf sich beruhen lassen, so als wäre nichts gewesen, sondern das haben sie zum Thema gemacht – und das muss man ihnen schon zugutehalten: dass sie nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen sind, sondern diese doch teilweise gestört haben.

Dass die Demokratie in jeder Hinsicht so ziemlich das Gegenteil von Faschismus sein soll, davon hatten sich die bewegten Studenten überzeugen lassen, und das passte nicht so recht zu den damaligen Zuständen: Vor allem an den personellen Kontinuitäten haben sich die Studierenden abgearbeitet: Wenn Demokratie das Gegenteil von Faschismus ist, wie ist es dann nur möglich, dass Verantwortungsträger, die Deutschland schon im Dritten Reich gedient hatten, auch nachher bald wieder als Politiker, als Juristen, Wirtschaftsführer, Beamte und nicht zuletzt als Professoren an der Uni tätig sein konnten, wo sie doch durch ihre Pflichterfüllung im vorherigen Deutschland quasi sachlich und moralisch automatisch disqualifiziert hätten sein müssen.

Angebracht gewesen wäre der Schluss oder wenigstens die Vermutung, dass es mit dem abgrundtiefen Gegensatz von Demokratie und Faschismus nicht so weit her sein kann, wenn Fachleute in Wirtschaft und Staatsdienst problemlos in beiden Systemen ihre Pflicht tun können, ohne also in der Demokratie selbst unangenehm aufzufallen – es wurde den betreffenden Führungspersonen ja nicht ihre Aktivitäten nach 1945 als solche vorgeworfen, sondern ihre Leistungen vorher. Auch über manche ihrer weniger hochgestellten Landsleute waren die bewegten Studenten entgeistert, weil die sich so gar nicht dem Ideal des kritischen, mündigen Demokraten gemäß aufführten, sondern sich als sog. Mitläufer nach 1945 nicht großartig umgestellt hatten – und sich wg. nunmehriger Demokratie ja auch nicht groß umstellen mussten!

Auch die damalige Einführung der „Notstandsgesetze“ wurde unter dem Gesichtspunkt diskutiert – als die juristische Vorbereitung darauf, die demokratischen Rechte der politischen Willensbildung auch wieder zu beschränken oder zu sistieren, sobald die Bürgerbeteiligung an der Politik in unerwünschte Ergebnisse abzugleiten drohten. Sodass durch die Kombination von politisch desinteressierten Mitläufern und rechtlich antizipiertem Notstand die Demokratie in Gefahr sein könnte. Richtig oder wenigstens angebracht hätte der Verdacht sein können, dass die demokratischen Rechte der politischen Willensbildung eben kein Selbstzweck sind oder unbedingt um der Freiheit der Bürger willen gelten müssen – sondern dass es sich eben um die Instanzen der politischen Willensbildung handelt, die außer Kraft gesetzt werden, wenn ebendieser politische Wille destruktiv zu entgleiten droht – wofür die konservative Seite prompt in den bewegten Studenten ihr Anschauungsmaterial hatte.

Ein aktuelles Beispiel für den Fehler der Studenten lieferte übrigens das „profil“ vor einigen Wochen; Titelgeschichte war ein Ornithologe, also ein Vogelkundler, der eine ordentliche Karriere innerhalb seiner scientific community hingelegt hat, im und erst recht nach dem Dritten Reich, und der sich damals zwischenzeitlich zur Waffen-SS gemeldet hatte, dadurch unter anderem auch in Auschwitz tätig war, und auch während seiner Dienstzeit im Vernichtungslager weiter Vogelforschung betrieb. Nach dem Krieg war der Mann drei Jahre im Knast, in Polen, und dann hat er weiter Karriere gemacht.

„Der Vogelfänger von Auschwitz“ hat die Geschichte geheißen, und „profil“ hält das allen Ernstes für ein Beispiel dafür, dass die „Geschichte noch lange nicht zu Ende geschrieben“ ist – auch wenn man abgesehen von der Vogelkundler-Biographie nichts erfährt, was man nicht schon vorher gewusst hat. Das Wirken des Ornithologen gilt dem kritischen Magazin als „bizarr“ und wirkt angeblich „beklemmend“ – aber nur, wenn man von einem etablierten Dogma nicht lassen will, das durch Millionen Biographien praktisch widerlegt wurde: Dass nämlich der Nationalsozialismus eine derartig monströse, „einzigartige“, aus Raum und Zeit gefallene Veranstaltung gewesen sei, dass ein „normaler“ Mensch – diese „Normalität“ wäre durch die Tätigkeit, durch das Mitmachen in den Verhältnissen vorher und nachher bewiesen – dafür eigentlich nicht gemacht, nicht geeignet sein könnte. Diese Vorstellung ist millionenfach blamiert, durch Karrieren vorher, nachher und während des Dritten Reiches, ist aber offenbar genau so lebendig wie seinerzeit im Jahr 68.

Wobei manchmal schwer zu entscheiden ist, was bei solchen Affären wie der vom „profil“ breitgetretenen eigentlich angemahnt wird: Ob die profil-Autoren ernstlich glauben, „normale Menschen“ nach den Kriterien eines unauffälligen, demokratischen, „normalen“, üblichen Moral- und Gemüt-Haushalts seinen für vom Staat angeordnete Massenvernichtungsaktionen einfach ungeeignet, also liege in der Biographie des Vogelkundlers und vieler seiner Zeitgenossen ein kleines Wunder vor, weil so ein Mensch eigentlich nie, nie, nie wieder einen Platz im Leben in einer normalen Gesellschaft hätte finden können – oder ob da bloß bekrittelt wird, dass nach 1945 viel zu wenig Wert auf die öffentliche Zelebrierung dieser offenkundigen, ziemlich lächerlichen Heuchelei gelegt wurde, indem wenigstens ein kleiner Karriereknick beim Vogelforschen angebracht gewesen wäre, bloß damit „profil“ leichter an seinem Weltbild festhalten könnte. Nun, dieses Weltbild ist durch schlichte Fakten offenbar ohnehin nicht zu erschüttern. Erstes Thema also: Demokratie und Faschismus.

*

Zweites Thema: Der Vietnamkrieg. Auch dagegen sind die jungen Leute auf die Straße gegangen, auch diesbezüglich von der Unterstellung ausgehend, so ein Feldzug sei eigentlich mit demokratischen Werten, mit demokratischer Staatsräson unvereinbar. „USA – SA – SS“ hat damals ein Slogan gelautet, mit dem wieder ausgedrückt werden sollte, dass der Krieg nicht in die neue Zeit passe, und zur Demokratie schon gar nicht. Immerhin war damals die Entkolonialisierung angesagt, die Überwindung dieser Phase des Imperialismus durch die Etablierung unabhängiger Nationalstaaten, für die sich etliche Befreiungsbewegungen in den Kolonialreichen stark gemacht hatten: In Südostasien hatte der damalige Viet Minh einen Krieg gegen die Kolonialmacht Frankreich nicht nur durchgestanden, sondern gewonnen, und es war absehbar, dass über freie Wahlen die kommunistisch geführte Unabhängigkeitsbewegung gegen die westlichen Kollaborateure an die Macht kommen würde, worauf die USA die Abspaltung des Südens betrieben und Schritt für Schritt ihr Engagement ausbauten. (Damalige Doktrin von der „Domino-Theorie“) Das wieder hielten die jungen Leute für unvereinbar mit Entkolonialisierung und nationaler Unabhängigkeit; also auch wieder faschismusverdächtig.

Richtig gewesen wäre der Befund oder wenigstens der Verdacht, dass „nationale Unabhängigkeit“ und eine Ordnung des Globus auf Basis des „Selbstbestimmungsrechts der Völker“ gar nicht die quasi natürliche, die angemessene und dadurch letztlich auch harmonische Regelung der Beziehungen der Völker sei – sondern dass die USA das als jederzeit widerrufbares Zugeständnis betrachten, sofern die Völker es an Wohlerhalten gegenüber Amerika fehlen lassen. Dass es also eine radikale US-amerikanische Doktrin der begrenzten Souveränität gibt, die letztlich den ganzen Globus umfasst, dass unabhängige Staaten also auf einer Konzession der USA beruhen und eine solche auch brauchen, die sie sich daher gewissermaßen verdienen müssen. Seinerzeit, also nach dem Kriegsende 1945 haben die USA eine Neuordnung der Welt in Angriff genommen, nach der Maßgabe, die frischgebackenen unabhängigen Staaten und deren Grenzen nur unter der einen, entscheidenden Bedingung anzuerkennen, dass diese Grenzen für Waren, Kapital und Kredit, also für den Dollar durchlässig sein müssen, und daher auch im Inneren eine Marktwirtschaft zu etablieren haben. Dass sich der damalige sozialistische Block diesem Programm verweigert hat, hat dann prompt „die Welt geteilt“ und den sog. „Kalten Krieg“ in Gang gesetzt. Der damalige Vorwurf, die „Welt“ und erst recht „Europa“ geteilt zu haben, beruht natürlich darauf, dass da jemand den Anspruch auf die ganze Welt erhebt – nur dann ist die bloße Existenz des Ostblocks eine „Teilung“ der Welt und damit ein Verbrechen.

Gut, das hat sich durch die Kapitulation der Sowjetunion ohne Krieg erledigt, die amerikanische Doktrin der begrenzten Souveränität aller anderen Staaten natürlich nicht. Die ist höchstens radikaler geworden, und die geht über das einzig wahre Wirtschaftssystem weit hinaus. Die aktuellen Ausprägungen dieser Doktrin bekommen Staaten wie der Iran und Nordkorea zu spüren, nach den diesbezüglichen Erfolgen durch Regimewechsel auf dem Balkan bzw. Ex-Jugoslawien, im Irak, in Afghanistan und indirekt in Syrien bzw. vorher schon in Libyen. Vor allem die Vergleiche und die Anwürfe der US-Administration gegen Nordkorea muss man sich dabei gewissermaßen auf der Zunge zergehen lassen: Wenn der derzeitige Kim in Nordkorea nicht nachgibt, könnte es ihm so gehen wie Gaddafi! Das ist insofern bemerkenswert, als Gaddafi im Jahr 2003 seine Anstrengungen in Sachen Massenvernichtungswaffen aufgegeben hatte, sein Atom-Programm beendet hatte und diesbezügliches Material wie Uranzentrifugen an die USA ausgeliefert hatte. Genützt hat ihm das nichts, wie man weiß, und insofern sind die Erinnerungen hochrangiger US-Politiker sehr vielsagend: Die Entwaffnung ist nicht die Alternative zum Regimewechsel, sondern höchstens die Vorbereitung dazu – unter der Kapitulation widerspenstiger Staaten wie Iran oder Nordkorea tut es die Weltmacht nicht; insofern ist die Kündigung des Deals mit dem Iran durch Trump nur konsequent. Die westliche Weltmacht reklamiert für sich ein Recht auf Wehrlosigkeit solcher Staaten. Die Fortschritte und Erfolge dieser Doktrin der begrenzten, der konzessionierten Souveränität seit den Tagen der Studenten sind also schwer zu übersehen. Das alles ist – offenbar – mit demokratischen Verhältnissen herzlich vereinbar, der aktuelle Präsident ist wie auch seine Vorgänger schon zur Zeit des Vietnamkrieges einwandfrei gewählt, und er darf sogar kritisiert werden.

Sicherheitshalber: Man sollte „Europa“ nicht mit einem Gegenprogramm verwechseln: Keine Gegner, bloß Konkurrenten – wollen dasselbe, für sich! Und ist nun damit konfrontiert, dass der bisherige Umgang innerhalb des nicht mehr existierenden früheren „Westens“ für den US-Präsidenten ein Zugeständnis ist, das er für nicht mehr nötig hält.

*

Wenn man die Rückblicke in den Medien halbwegs verfolgt, dann gelten die Veränderungen in Sachen Geschlechterverhältnis etc. offenbar als die interessantesten. Denn:

Am Dogma von der Unvereinbarkeit von Demokratie und Faschismus hat sich nichts geändert, im Gegenteil – wenn, dann hat die Einführung der Kategorie „Populismus“ eines geleistet: Politische Positionen, die zu Zeiten der Studentenbewegung eindeutig als „faschistisch“ – und damit demokratisch unvereinbar – gegolten hätten, die werden heute unter dem Etikett „populistisch“ zwar benörgelt, aber unterm Strich eingemeindet, nach dem Motto: Ja, diese Populisten mögen etwas unappetitlich daherkommen, aber sie gehören eindeutig dazu, gehören zu „uns“ und „unserer Demokratie“, spätestens wo diese Populisten doch eindeutig gewählt sind und die „Ängste“ der Bürger so gekonnt ausbeuten, so wie seinerzeit übrigens auch …

Eine Anti-Kriegsbewegung wie seinerzeit in Sachen Vietnam gegen die aktuellen Kriege des Westens oder der USA gibt es so gut wie nicht; und die Rechtslage hat sich auch weiterentwickelt – Sympathiebekundungen, wie seinerzeit mit dem Vietcong üblich, aber mit den heutigen Opfern der Kriege im Nahen und Mittleren Osten, die werden heute als Unterstützung von Terrorismus kriminalisiert. Da ist die Gleichschaltung ordentlich vorangekommen. Die Kritik an den USA, die es gibt, ist die von europäischen Imperialisten zweiter Klasse, die sich darüber beschweren, dass der Präsident ihren Anspruch auf Mitwirkung – etwa beim Abkommen mit dem Iran – einfach ignoriert.

Aber dann – ja, im Familien- und Privatleben hat sich einiges getan. Stimmt. Der Mann war seinerzeit rechtlich das Oberhaupt der Familie, der über den Wohnort, die Ausbildung der Kinder und die Berufstätigkeit der Frau zu entscheiden hatte; Vergewaltigung in der Ehe war vor einigen Jahrzehnten auch noch kein Delikt, sondern eben die eheliche Pflicht; Abtreibung war verboten. Dass man heiratet und Kinder kriegt, das war das damalige unhinterfragte „Modell“ des „Zusammenlebens“. Die Veränderungen werden heute naturgemäß durchaus unterschiedlich bewertet.

Dazu noch einige Gedankensplitter; ein Psychiater im STANDARD etwa:

„Wie krank es ist, die eigene Lust von der Beziehung zum Du abzukoppeln, ist spätestens in der #MeToo-Debatte offenbar geworden. 68er wie Harvey Weinstein, Peter Pilz, Kevin Spacey, James Toback oder Dominique Strauss-Kahn werden jetzt von mutigen Frauen der nächsten und übernächsten Generation beschuldigt, nach dem narzisstisch-rücksichtslosen 68er-Denkmuster übergriffig geworden zu sein.“

Nun, da liegt eine kleine Geschichtsklitterung vor, wenn da Frauen der nächsten oder übernächsten Generation gewürdigt werden, gegen die alten Säcke. Die ersten Aufständischen gegen die 68er waren nämlich schon 68erInnen, damalige Genossinnen im SDS haben sich massiv über damalige Sitten und Unsitten beschwert, und da ging es nicht um die Frage, wer den Kaffee kocht. So flockige Sprüche wie „Wer zweimal mit derselben pennt …“ – ob das jetzt korrekt zitiert ist oder nicht, sei dahingestellt – die unterstellen ja den weiblichen Teil der Bewegung als ziemlich verfügbares Angebot, und dort wurde notgedrungen schnell bemerkt, wie wenig solche Verkehrsformen zum eigenen Wohlbefinden beitragen. Auch wurde damals Freud rezipiert und für eine Autorität gehalten, also dessen Schmarrn sehr ernst genommen, von diesem bzw. jenem Orgasmus und von der weiblichen Frigidität, und wie eine ordentliche, reife Frau zu funktionieren hätte, sexuell. Dass es sich bei Freuds Thesen um schlichten Unsinn handelt, konnte den damaligen Zeitgenossinnen also nicht verborgen bleiben. Und eines muss man sogar den damaligen Zeitgenossen schon zugutehalten: Nötigung und Freiheit schließen sich nach deren Verständnis nach wie vor aus, insofern ist es ein starkes Stück, etwa die Übergriffe eines Weinstein – auf von ihm Abhängige! – ausgerechnet den bekannt antiautoritären 68ern anhängen zu wollen!

Wo die damaligen Anhänger der freien Liebe allerdings ziemlich sicher danebengelegen sind und daneben liegen, das ist die abstrakte Negation dessen, was sie an Schönheiten des Familienlebens vorgefunden hatten; abstrakte Negation in dem Sinn, dass das Bekenntnis und die Absicht, „es“ – das Zusammenleben, Zuneigung und Liebe – eben anders, eben frei gestalten zu wollen, dass sich dieser Vorsatz um einen entscheidenden Schritt herumdrückt, nämlich um die Klärung dessen, was da eigentlich abgeht, in der Familie, und alles das, was unangenehm aufstößt, als Resultat von Zwang zu interpretieren, den man dadurch loswird, indem man sich und andere zur Freiheit ermuntert. Der bereits zitierte Psychiater dreht die Sache wieder um, bzw. zurück, indem er formuliert:

„Mit dem Schlagwort "freie Liebe" wurde von den 68ern die Unverbindlichkeit zum Prinzip gemacht. Als Psychiater sehe ich das problematisch: Liebe ohne Bindung ist kurzfristige Befriedigung, nicht langfristiges Glück.“

Nun, was eigentlich gegen kurzfristige Befriedigung spricht, das verschweigt der Fachmann hier, es sei denn man nimmt zwei Unterstellungen automatisch und naturwüchsig mit, dass es nämlich erstens ebenso automatisch und naturwüchsig um das „langfristige Glück“ geht oder zu gehen hätte, wenn zwei Leute ihre Zuneigung entdecken und ein wenig ausleben, und dass zweitens ebendieses „langfristige Glück“ ohne „Bindung“ – im Klartext: ohne Verpflichtungsverhältnis – nicht zu haben ist. Und das ist doch ein wenig paradox oder wenigstens erläuterungsbedürftig, denn sobald die Liebesbeziehung zumindest für einen der Beteiligten zur Pflicht wird, wo die Bindung also als Fessel empfunden wird, da liegt zumindest der Verdacht nahe, dass darüber die Liebe auch kaputt gehen kann, dass das Verhältnis zumindest immer ungemütlicher wird. Und darüber geht dann nicht nur ein Interesse, ein Bedürfnis baden, sondern der / die je andere macht einem gleich das Glück kaputt …
Die frühere, klassische Auflösung bestand darin, dass der in der Regel weibliche Teil das eben auszuhalten hatte, weil wegen der Abhängigkeit vom männlichen Einkommen ohnehin keine großen Chancen auf Beendigung bestanden. Zu den damaligen und den heutigen, aktuellen Erscheinungsformen gehören die regelmäßigen, die wiederkehrenden Phänomene sog. häuslicher Gewalt, mit dem gar nicht so seltenen Ende in der sog. „Beziehungstat“, wie das soziologisch heißt, mit öfter tödlichem Ausgang. Nichtsdestotrotz hat der Psychiater wohl Recht, wenn er aus einer Studie zitiert:

„Die Sehnsüchte der Enkel der 68er hat die Shell-Jugendstudie 2015 festgemacht: 85 Prozent der Jugendlichen sehnen sich nach Treue und monogamen Beziehungen, und 72 Prozent wünschen sich ein glückliches Familienleben.“

Das wird schon stimmen; allerdings ist das auch wieder nicht so naturwüchsig-selbstverständlich, wie es vom Psychiater dargestellt wird. Wie erwähnt gibt es einige wenige, durchaus überschaubare Gründe für Gewaltverbrechen – der überwiegende Teil von Mord und Totschlag passiert im sog. „sozialen Nahbereich“, innerhalb der Familie. In der Familie eskaliert in schöner Regelmäßigkeit ein durchaus stereotypes Muster: Vorm Ort des Glücks zum Ort des Psychoterrors, manchmal zum Ort des Amoklaufs. Dass die Beteiligten daran interessiert sind, den oder die jeweils andere auf sich zu verpflichten, und dafür auch bereit sind, selber Pflichten zu übernehmen, ist wohl das in der Shell-Studie zitierte Modell von Beziehungen: Da wird offenbar allseits damit gerechnet, dass die Gefühle, dass Zuneigung und Liebe vergänglich sein können, und deswegen versucht, die Beziehung – sozusagen als zweitbeste Lösung oder als Notprogramm – quasi zu ver-rechtlichen und dadurch gegen das mögliche Ende zu sichern! Aber nochmal die Frage: Wie soll denn das weitergehen, wenn das Zusammensein tatsächlich zur Pflicht wird, was unterstellt, dass zumindest ein Teil im Grunde genommen nicht mehr will – und dann doch zähneknirschend durchhält, wegen der Kinder, wegen finanzieller Verpflichtungen oder emotionaler Verstrickungen und Abhängigkeiten etc. Die 68er wollten all dem mit dem abstrakten Bekenntnis zur Freiheit entkommen, für ihre Kritiker ist umgekehrt selbstverständlich, dass Liebe und Verpflichtungen zusammengehören …

Ein Tipp zum Nachlesen bzw. Nachhören, Familie betreffend:
https://www.argudiss.de/anlaesslich-des-alljaehrlichen-fests-liebe-gesellschaftliche-institution-familie-ort-des-gluecks-des