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Sendung vom 06.09.2011 11:00:

„Abendland in Christenhand“: Ein Fanatiker der Leitkultur läuft wohlkalkuliert Amok

Über den Zusammenhang von Rechtsradikalismus und Terrorismus

Der Norweger Anders Breivik sprengt erst ein Gebäude im Regierungsviertel in Oslo, bevor er auf einer Insel über siebzig junge Leute erschießt, Teilnehmer an einem multikulturellen Feriencamp der sozialdemokratischen Partei. Die Gründe für seine Tat hat er in einem langen Manifest niedergelegt, das er ins Internet stellt. Er will mit seinem Blutbad für die Rettung des christlichen Abendlandes vor dem Islam kämpfen, der sich als Todfeind in den europäischen Gesellschaften eingenistet habe. Während der Attentäter sich in der Tradition des Templerordens und seiner Kreuzzüge gegen die Ungläubigen aus dem Morgenland sieht, kann er seinen norwegischen Mitbürgern nur eines bescheinigen: Sie stellen sich ignorant gegen die existenzielle Gefahr, mehr noch, sie wählen und unterstützen Politiker sozialdemokratischer Provenienz, die mit ihrer Einwanderungspolitik dem islamischen Feind Tür und Tor öffnen. Das bestraft Breivik, indem er gezielt den Nachwuchs der Sozialdemokraten hinrichtet. Zugleich soll sein Blutbad den Rest des Volkes aufrütteln und ihm den Ernst der Lage vor Augen führen. Er kann den Vormarsch des Islam nicht alleine aufhalten, mit seiner „furchtbaren, aber notwendigen Tat“ kann er aber ein Fanal setzen, das Gleichgesinnte verpflichtet, selbst vom bloßen Reden und Bloggen zum Handeln überzugehen, und das als Startschuss für einen langjährigen Befreiungskrieg Europas wirken soll.
Um seine politischen Motive gegen alle Missdeutungen klarzustellen, wendet sich sein Manifest vorbeugend gegen die absehbare öffentliche Interpretation der Tat. Nein, er hatte keine schwere Kindheit, sondern ist wohl behütet in einer glücklichen Familie aufgewachsen. Nein, er ist kein isolierter, introvertierter Einzelgänger, der seine Zeit mit gewaltträchtigen Computer-Spielen zubringt, sondern ein gut aussehender junger Mann mit einem großen Freundeskreis beiderlei Geschlechts. Breivik besteht auf dem politischen Inhalt seiner Tat und will sich nicht ins psychopathologische Abseits abschieben lassen. Er lässt sich bereitwillig ohne Fluchtversuch von der Polizei festnehmen, um vor der Öffentlichkeit für seine von den vielen Leichen beglaubigte Mission einstehen zu können. Das alles hilft ihm nicht. Sofort steht für die schreibende Zunft in Europa fest, dass hier ein zutiefst gestörtes Wesen sein Unwesen getrieben hat. Eine Woche lang wälzt sie die Frage, warum einer so etwas tut. Und zwar, wohlgemerkt, nachdem sie die Begründungen und das strategische Kalkül des Attentäters zur Kenntnis genommen und verstanden hat. Die nachgeschobene Frage wischt die Erklärung, die der Täter gibt, vom Tisch; deklariert sie zur bloß vordergründigen, scheinbaren Rationalisierung eines Dranges, der seine wahren Bestimmungsgründe woanders haben muss. Wo die Öffentlichkeit nicht einen allseits gebilligten und anerkannten politischen Grund für Gewalt sieht, wie bei den wirklichen Kriegen der westlichen Nationen, da will sie gleich gar keinen Grund mehr erkennen können. Weil aber auch jede missbilligte Handlung einen Motor braucht, wird jenseits des politischen Willens nach einem psychischen Defekt gefahndet, der den Täter treibt.