Wien gegen Silicon Valley – Digitaler Humanismus mit Prof. Hannes Werthner (Teil 1)
In der vierten Folge von „Aus der Parallelwelt" trifft KI-Entwickler und Autor Thomas Heindl auf die intellektuelle Speerspitze der Gegenbewegung. Prof. Hannes Werthner, emeritierter Professor der Fakultät für Informatik der TU Wien und deren ehemaliger Dekan, ist die Gründungsfigur des digitalen Humanismus. 2019 initiierte er den Workshop, aus dem das Wiener Manifest für digitalen Humanismus hervorging. Dieses wurde zur Grundlage einer weltweiten Initiative, die Wien zur internationalen Hauptstadt einer Debatte gemacht hat, in der es um nichts weniger geht als die Frage, wer im 21. Jahrhundert entscheidet, was menschlich bleibt.
Sein Buch „Digitaler Humanismus. Über Digitalisierung und künstliche Intelligenz" ist im Picus Verlag erschienen; der von ihm herausgegebene Open-Access-Band „Introduction to Digital Humanism" verzeichnet über 1,2 Millionen Downloads.
Gemeinsam erkunden die beiden zunächst, was digitaler Humanismus überhaupt ist: eine interdisziplinäre Bewegung, inspiriert von Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld, deren Kernsatz lautet: „Der Mensch ist keine Maschine, und die Maschine ist kein Mensch." Werthner erzählt vom Wiener Workshop 2019 mit hundert internationalen Forscher*innen von der Anthropologie bis zur Philosophie, von seinen eigenen Anfängen mit Lochkarten und Endlospapier in den 70er-Jahren, und davon, warum Informatiker*innen die eigentlichen „Architekten der Wirklichkeit" seien – im paradigmatischen Sinn, nicht im physischen. Ihre Ontologien, ihre Denkformen, prägen längst, wie Wirtschaft, Politik und Gesellschaft über die Welt reden.
Dann wird es politisch: Heindl und Werthner analysieren die ideologische Gegenströmung – den evolutionären Accelerationismus rund um Nick Land, Sam Altman, Marc Andreessen und Peter Thiel. Warum kombinieren diese Männer, meist zwischen vierzig und sechzig, absolute Deregulierungsfantasien mit dem Ruf nach absoluter Überwachung? Wie hängt das mit Palantir zusammen, mit den Circle Investments zwischen den KI-Hyperscalern, und mit einer religiös aufgeladenen Ideologie, die – wie Werthner formuliert – „ökonomisch, politisch und philosophisch-ideologisch im Zentrum" steht? Es geht um die Klimakosten der KI, um Wasser- und Energieverbrauch, um die unbequeme Frage, ob Europa im Zeitalter der Plattformen bereits zur „Halbkolonie" geworden ist. Und um die wichtige Frage, wie ein David gegen einen Goliath dieser Größenordnung überhaupt noch bestehen kann.
Werthners Antwort ist bemerkenswert klar und optimistisch: durch das Primat der Politik, durch Selbstermächtigung, durch das Vertrauen darauf, dass Systeme mit inneren Widersprüchen langfristig nicht stabil sind. Die KI, die das Web nach Inhalten abgrast, ohne die es sie nicht gäbe. Die automatisierte Programmierung, die jenen Nachwuchs verhindert, den sie später bräuchte. Die Ablehnung in der Bevölkerung, die in den USA wie in Europa wächst. Und eine internationale akademische Bewegung mit Summer Schools von Wien bis Ghana, in denen sich – so Werthner mit leiser Ironie – „Europäer und Afrikaner in einer komischen Allianz der Kolonialisierten" begegnen.
Eine Sendung über die vielleicht wichtigste ideologische Auseinandersetzung unserer Zeit – und darüber, warum sie ausgerechnet in Wien geführt wird. Teil 2 folgt in der nächsten Sendung.

